Versicherungen sowie Ärztinnen und Ärzte beobachten ein wachsendes Interesse an Präventionsuntersuchungen. Besonders die Nachfrage nach jährlichen Check-ups oder Blutanalysen steigt.
Aber: «Die Mehrheit solcher Screenings ist unnötig, was das Gesundheitssystem belastet», erklärt Nicolas Rodondi, Professor für Medizin an der Universität Bern und Präsident der Organisation Smarter Medicine gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Die Organisation setzt sich gegen unangemessene Behandlungen ein. «Gemäss OECD werden rund zwanzig Prozent der Gesundheitskosten für Behandlungen ausgegeben, die den Patientinnen und Patienten keinerlei Nutzen bringen, aber Nebenwirkungen verursachen und die Krankenkassenprämien erhöhen.»
Influencer-Werbung für Ganzkörperscans
Die Zunahme chronischer Krankheiten aufgrund der alternden Bevölkerung oder unseres Lebensstils sowie die zunehmenden technischen Möglichkeiten erklären teilweise den Trend zu immer mehr Vorsorgetests.
Auch soziale Medien könnten laut Quoc Duy Vo, Chefarzt für Radiologie am Spital Morges, eine Rolle spielen. «Informationen sind leichter zugänglich geworden, und es gibt ein kollektives Bewusstsein dafür, gesund zu bleiben».
Einige Kliniken, die Ganzkörperscans anbieten, arbeiten gar mit Influencerinnen und Influencern zusammen, um ihre Angebote zu bewerben.
Diese Untersuchungen können mehrere Tausend Franken kosten und werden teilweise von Zusatzversicherungen übernommen.
Solche Praktiken könnten jedoch mehr schaden als nützen. Die hochpräzisen Untersuchungen führen oft zu Zufallsbefunden, «die man besser nie entdeckt hätte». «Das verbraucht Ressourcen, und die weiteren Abklärungen können zusätzliche Komplikationen verursachen», sagt Kevin Selby, Leiter der Forschungsgruppe für Screening und partizipative Medizin bei Unisanté Lausanne.
Angstfördernde Wirkung
Zusatzversicherungen und die Pharmaindustrie profitieren somit von diesem «Screening-Markt». «Die einzigen, die nicht profitieren, sind die Patientinnen und Patienten, die doppelt zahlen: über Franchise und steigende Krankenkassenprämien», sagt Nicolas Rodondi.
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Auch Sophie Lelorain, ausserordentliche Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Lausanne, warnt vor solchen Check-ups. «Man findet immer etwas. Ängstliche Personen stürzen sich darauf, finden wahrscheinlich irgendeinen Befund, und das verstärkt ihre Angst.»
Ihr zufolge existiert ein regelrechter Gesundheitsmarkt, der von dieser Angst profitiert.
Screening je nach Krebsart sinnvoll
Grundsätzlich gilt zwar: Je früher eine Krankheit erkannt wird, desto grösser sind die Überlebenschancen.
Die Realität ist jedoch komplizierter. Das nationale Präventionsprogramm «Evi Prev» bietet eine Übersicht mit Empfehlungen auf Basis internationaler Studien.
Einige Screenings haben ihren Nutzen bewiesen, etwa der Abstrich und der HPV-Test zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs.
Auch Programme zur Darmkrebsfrüherkennung halbieren die Zahl der Todesfälle, und jene zur Brustkrebsfrüherkennung senken sie um fast zwanzig Prozent.
Bei anderen Krebsarten hingegen – etwa Eierstock-, Bauchspeicheldrüsen- oder Schilddrüsenkrebs – bringt ein Screening laut Rodondi keinen Nutzen für die Patientinnen und Patienten.