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Kommunikation im Wandel Warum viele Junge nicht gern telefonieren

Anrufen statt schreiben? Für viele Jugendliche ist das keine Option. In der italienischen Schweiz zeigt sich ein verbreitetes Phänomen der sogenannten Telefonphobie – mit möglichen Folgen für Kommunikation und Empathie.

«Wenn ich einen Anruf von zu Hause sehe, vor dem ich Angst haben könnte, warte ich zuerst auf eine Nachricht, bevor ich antworte.» Aussagen wie diese ziehen sich durch die Erfahrungsberichte von Jugendlichen und Teenagern aus der italienischen Schweiz.

Das Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz (RSI) ist dem Phänomen der sogenannten Telefonphobie nachgegangen und hat junge Menschen zu ihrem Umgang mit Telefonanrufen befragt.

Hier sehen Sie, was Alte und Junge zum Thema sagen:

Die Rückmeldungen sind erstaunlich einheitlich: Telefonanrufe setzen viele Jugendliche unter Druck. Nachrichten oder Sprachnachrichten empfänden sie als weniger stressig. «Bei der Nachricht kann ich mir überlegen, was ich antworte. Beim Anruf muss man direkter sein», sagt eine Jugendliche. Ein anderer Befragter beschreibt das Telefonieren als zusätzliche mentale Anstrengung: Er schalte das Telefon lieber stumm und warte, bis eine Nachricht eingehe.

Auch Kommunikationsexperten befassen sich mit dieser Entwicklung. Lorenzo Cantoni von der Universität der italienischen Schweiz (USI) betont, dass Kommunikation mehr sei als das Verfassen von Nachrichten. «Wir denken oft, Kommunikation bedeute, eine Nachricht abzusetzen. In Wirklichkeit ist das zunächst nur Ausdruck», sagt er. Erst wenn eine andere Person zuhört, interpretiert und reagiert, entstehe echte Kommunikation. «Im Dialog geschieht diese Begegnung in Echtzeit», sagt Cantoni. Wer Kommunikation auf isolierte Akte des Ausdrucks beschränke, verliere diese zentrale Dimension.

Skepsis gegenüber dem Kommunikationsverhalten der Jugendlichen kommt auch von älteren Generationen. Befragte Seniorinnen äussern die Sorge, junge Menschen hätten die Fähigkeit zum direkten Gespräch verlernt – oder nie richtig erworben. «Man hat nur den Bildschirm und kann gar nicht sprechen», sagt eine Rentnerin. Ein anderer ergänzt: «Wenn ihr etwas zu sagen habt, ruft an!»

Nach Einschätzung Cantonis sind solche Kompetenzen nicht angeboren, sondern erlernt. Sie entstünden durch Übung – etwa in der Familie, wenn gesprochen, diskutiert und zugehört werde. Wo Kommunikation vor allem über kurze Sprachnachrichten laufe, fehle oft die Gelegenheit, sich auf einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin einzustellen.

Der Soziologe Sebastiano Caroni sieht darin eine gesellschaftliche Herausforderung. Die virtuelle Welt biete einen scheinbar sicheren Raum, in dem Unvorhersehbarkeit vermieden werde. «Man lebt lieber in virtuellen, bequemen Blasen», sagt Caroni. Diese schützten zwar vor der rauen Realität, könnten langfristig aber auch zu einem Problem werden – etwa der Empathie, der Konfliktfähigkeit und der sozialen Beziehungen.

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RSI, «Il Quotidiano», 29.4.2026, 19 Uhr;liea

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