Der Krieg in der Ukraine trifft auch die Fabriken und Betriebe des Landes. In der zweitgrössten Stadt, in Charkiw, die vor dem Krieg weit über eine Million Einwohner zählte, geht es auch darum, dass die Menschen ihre Lebensgrundlage nicht verlieren. Und in ihrer Region bleiben können.
Ein Beispiel ist die Firma Debant Ukraine. Das fünfstöckige Gebäude, in dem das Unternehmen einst grosse Behälter für Rohstoffe und schwere Lasten herstellte, liegt heute in Trümmern. Wladylen Wawilow, Mehrheitseigentümer des Unternehmens, führt den Reporter von Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) durch die Ruine, gemeinsam mit seinem Betriebsdirektor Dmitri Charkiwski.
«Es war während der Nachtschicht, 25 bis 30 Personen waren bei der Arbeit», erinnert sich Charkiwski an die Nacht des Bombardements. «Als ich ankam, waren alle auf der Flucht. Wir stellten fest, dass sechs Arbeiter fehlten.»
Die Vermissten waren in einen unterirdischen Schutzraum gegangen, der ziemlich sicher gewesen sei. Doch weil sich die Explosion und der Einsturz genau darüber ereignet hatten, wurden die sechs verschüttet. «Sie starben. Die Rettungskräfte gruben sechs Tage lang», berichtet Charkiwski.
Der Angriff an jenem Tag sei der grösste gewesen auf die Stadt: «Etwa 48 Shahed-Drohnen, zwischen vier und sechs Gleitbomben und zwei oder drei Iskander-Raketen», zählt Wladylen Wawilow auf. Und fast alle seien hier im Gewerbegebiet eingeschlagen.
Trotz allem hat Wladylen Wawilow den Betrieb wieder aufgenommen. Er zog in ein Gebäude um, das nur wenige hundert Meter vom alten Standort entfernt ist, wo er nur ein Stockwerk gemietet hat. Von der ursprünglichen Ausrüstung konnte er nur einen kleinen Teil retten. Ersatz konnte er in der Schweiz, Österreich und Deutschland beschaffen: «Die Regierung hat ein spezielles Programm, das neue Ausrüstung sichert», erklärt der Fabrikeigner. «Aber der Zuschuss ist sehr klein: weniger als ein Zehntel von dem, was verloren gegangen ist.»
Hören Sie die Reportage aus Charkiw:
Das Risiko weiterer Angriffe hier im Industriegebiet bleibt hoch, sagt Direktor Dmitri Charkiwski: «Alle wissen, dass es wieder passieren könnte, jederzeit.»
Charkiwski schätzt, dass zwei Drittel der Firmen in der Gegend ihre Produktion verlagert haben – für sein Unternehmen keine valable Option. Zum einen aus praktischen Gründen: «Wir brauchen Spezialisten für unsere Produktion und sind an die Arbeiter gebunden.»
Doch auch aus sozialen Gründen bleibt der Betrieb in Charkiw: «Die Kommunikation ist sehr wichtig, man arbeitet zusammen, macht Witze, scherzt. Wenn man allein zu Hause bleibt, degeneriert man, Schritt für Schritt.»
Er plane über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten, aber in Wirklichkeit lebe man von Tag zu Tag, sagt der Direktor. Stromausfälle, Alarme, Bombardements: «Es ist eine Lotterie», sagt Charkiwski, «man weiss nie, was passieren wird.»