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Massengräber In Syrien hat die Suche nach den Vermissten erst begonnen

Unter den Assads und im Bürgerkrieg sind Hunderttausende Menschen verschwunden. Ihre Familien wollen Gewissheit, doch es fehlen die Mittel für die Aufarbeitung.

«Wir wollen die Verantwortlichen mit unseren eigenen Augen sehen und spüren, dass wir gewonnen haben, wenn auch nur für einen Moment.» Media, 30 Jahre alt, hält ein Foto und die Dokumente ihres Bruders Heval in der Hand, der 2012 von den Sicherheitskräften des alten syrischen Regimes verhaftet wurde und seither spurlos verschwunden ist.

Frau mit hellgrauem Kopftuch.
Legende: «Wir wollen Gerechtigkeit, damit nicht jeder versuchen wird, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen.» Medias Bruder ist seit 2012 verschwunden. RSI

Media ist vor etwas mehr als einem Jahr mit ihren Kindern nach Damaskus zurückgekehrt, nach dem Fall Assads im Dezember 2024, in ihr Haus in einem Arbeiterviertel der Hauptstadt. Seither versucht sie, mit allen Mitteln herauszufinden, was mit Heval geschehen ist, damit ihre Familie eines Tages Gerechtigkeit erlangen kann.

«Wir wollen keinen weiteren Bürgerkrieg», sagt Media gegenüber den Reportern des Radios und Fernsehens der italienischsprachigen Schweiz (RSI). «Aber ich vergebe nicht und werde es niemandem erlauben, dies in meinem Namen zu tun. Wir wollen Gerechtigkeit, um nicht an den Punkt zu gelangen, an dem jeder versuchen wird, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen.»

Zwei Männer in Schutzkleidung untersuchen einen Schädel.
Legende: Drei Identifikationszentren gibt es im ganzen Land – und potenziell Hunderttausende Verschwundene. RSI

2013 hat Medias Familie auch eine Sterbeurkunde erhalten, aber sie glauben, dass dieses Dokument gefälscht ist. Einige ehemalige Häftlinge haben berichtet, Heval drei Jahre später sehr krank im berühmten Gefängnis von Saidnaya gesehen zu haben.

Es gibt sehr viele Menschen und Familien in der gleichen Situation wie Media. Es ist schwierig, zu sagen, wie viele Syrerinnen und Syrer während des Bürgerkriegs von 2011 bis 2024 und in über einem halben Jahrhundert Diktatur verschwunden sind.

Schwierige Aufarbeitung

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Bereits vor dem Bürgerkrieg hatten die syrischen Sicherheitsdienste Zehntausende von Oppositionellen inhaftiert. Die Schätzungen reichen von 150’000 bis 300’000 Syrern, die in den Gefängnissen des alten Regimes verschwunden sind.

Die Aufarbeitung unter der neuen Übergangsregierung kommt nur schleppend in Gang. In den vergangenen Wochen haben Prozesse gegen einige ehemalige Funktionäre der Assad-Ära begonnen, aber um ein strukturiertes und funktionales System aufzubauen, müssen noch Gesetze erlassen und neue Richter ausgebildet werden.

Die Priorität sowohl der Regierung unter Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa als auch der internationalen Gemeinschaft ist indes die innere Stabilität. Umso mehr in einer Zeit, in der im gesamten Nahen Osten Krisen und Chaos herrschen.

Seit dem Ende des alten Regimes wurden in Syrien Dutzende Massengräber entdeckt. Und es wird sicherlich noch sehr viele weitere geben. Wegen mangelnder Ressourcen haben die eigentlichen Ausgrabungen zur Bergung der Leichen noch nicht begonnen. In mehreren Fällen wurden jedoch die an der Oberfläche liegenden Überreste entnommen.

Nahaufnahme von Pilzen und abgestorbenen Pflanzenresten auf dem Boden.
Legende: Knochen, Kleidungsstücke: Mancherorts sind erste Massengräber bereits an der Oberfläche sichtbar geworden. RSI

In ganz Syrien gibt es bisher drei Identifikationszentren, in denen insgesamt fünfzehn Ärzte arbeiten. «Im Moment brauchen wir vier bis fünf Monate, um hundert Leichen zu klassifizieren», sagt der Arzt Anas Alhourani, der Leiter des Identifikationszentrums von Damaskus. Wenn erst einmal die Massengräber geöffnet werden, wird der Bedarf massiv steigen. «Die Arbeit geht weit über unsere Kapazitäten hinaus. Wir brauchen viel mehr Unterstützung», sagt Alhourani.

Wie die Ärzte in Syrien menschliche Überreste identifizieren

In Otaybah, in der Region Ghouta östlich von Damaskus, befindet sich eines der Massengräber, das dieses Jahr halbwegs entdeckt wurde. Bashar begleitet uns auf offenes Land, wo er vor einigen Monaten die Überreste seines Vaters identifiziert hat, der 2014 zusammen mit dreihundert anderen Menschen starb. Sie sind auf Minen getreten, die von Assads Armee platziert worden waren, während sie auf der Suche nach Essen versuchten, aus einem belagerten Gebiet herauszukommen. Auf dem Boden liegen noch heute Knochen und Kleiderreste.

Mann mit Bart und Kopftuch schaut in die Kamera.
Legende: «Wir haben meinen Vater an seinen persönlichen Gegenständen erkannt»: Bashar wartet noch auf die Freigabe des Skeletts. RSI

«Wir haben meinen Vater an seinen persönlichen Gegenständen erkannt», erzählt Bashar. «Auch sein Skelett war da. Der Zivilschutz hat es zur Identifikation mitgenommen, aber hat uns noch nicht kontaktiert. Wir warten, um ihn begraben zu können.» Wie Media in Damaskus und Hunderttausende andere in Syrien will auch er: Antworten, Wahrheit und Gerechtigkeit.

RSI Falò, 19.5.2026, 21 Uhr

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