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Rückkehrende Asylsuchende «Die Hälfte der Bevölkerung Syriens braucht humanitäre Hilfe»

Nach dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 hatte die Schweiz bis auf Weiteres über keine Asylgesuche von Menschen aus Syrien mehr entschieden. Die Lage war zu unsicher und deshalb zu schwierig, Einzelfälle zu überprüfen. Inzwischen ist das Staatssekretariat für Migration (SEM) zum Schluss gekommen, dass sich die Situation verbessert habe.

Asylgesuche von Syrerinnen und Syrern werden deshalb ab kommendem Monat wieder einzeln geprüft. Zudem lanciert das SEM ein freiwilliges Rückkehrhilfsprogramm. Doch wie ist die Lage in Syrien? Nahost-Expertin Bente Scheller schätzt ein.

Bente Scheller

Politikwissenschaftlerin und Nahostexpertin

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Bente Scheller leitet das Referat für den Nahen Osten und Nordafrika bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Diese steht den deutschen Grünen nahe.

SRF News: Ist es zumutbar, Asylsuchende aus Syrien wieder dorthin zurückzuschicken?

Bente Scheller: Die Lage ist deutlich besser, als sie es in den vorherigen Jahren war. Aber die Unsicherheit bleibt. Wir sehen erschreckend hohe Zahlen, wie viele Zivilistinnen und Zivilisten weiterhin in Syrien getötet werden. Das sind manchmal normale Kriminalitätsfälle, das sind Racheakte oder anderes. Aber es sind immer wieder Zusammenstösse zwischen Regierungstruppen und den Kurden oder Drusen oder anderen bewaffneten Gruppen. Sicherheit haben wir in Syrien bisher nicht.

Ist Syrien nur vom Radar der internationalen Medien verschwunden?

Ja, die jetzigen Konflikte zwischen Iran und Israel und Libanon drängen alles in den Hintergrund. Syrien ist zwar nicht direkt Teil dieser Konflikte, gerät dabei aber immer wieder unter Druck. Zum Beispiel dadurch, dass selbst in den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Israel und Libanon 200’000 Menschen nach Syrien geflohen sind. Dann droht Syrien Unheil innenpolitischer Art dadurch, dass verschiedene externe Konfliktparteien versuchen, es hineinzuziehen.

Wir sehen weiterhin keinen Wiederaufbau in grösserem Stil.

Welche Konfliktparteien sind das?

Es sind verschiedene Konflikte, die anfangen mit der schlechten wirtschaftlichen Lage. Über die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die trifft in dieser grossen Masse aber gar nicht ein. Dann sehen wir weiterhin keinen Wiederaufbau in grösserem Stil. Flächendeckend rund um die Hauptstadt, in den Stadtzentren von Homs oder Aleppo haben viele Menschen ihre Häuser, ihre Wohnungen verloren. Dort ist noch nicht viel geschehen, was ermöglichen würde, anders wieder zusammenzuleben. Das sowie die Abwesenheit von Gerichtsverfahren, in denen vergangenes, aber auch jetziges Unrecht aufgearbeitet wird, sorgen weiterhin für Gewalt.

Könnten Rückkehrende auch dazu beitragen, das Land wieder aufzubauen?

Ich habe keine Zweifel, dass diese Expertise sehr wichtig für Syriens Zukunft sein wird. Und auch für die schweizerisch-syrischen oder deutsch-syrischen Beziehungen wäre das eine unschätzbare Brücke. Es hilft aber nicht, wenn man Leute mit Macht zurückdrängt oder mit Anreizen, die vielleicht für die ersten Wochen reichen, ihnen aber nicht ermöglichen, sich dort eine Existenz aufzubauen. Denn dann werden diese Menschen nicht beitragen können. Der ganze Rahmen fehlt: keine Gesundheitsinfrastruktur, keine schulische Infrastruktur, die damit umgehen könnte, auch nur den jetzigen Bedarf zu decken. Deswegen glaube ich, wenn wir wirklich darauf hinauswollen, dass Menschen zurückkehren und sinnvoll einen Beitrag leisten können, müsste erst mal eine Art Bildungsoffensive erfolgen – neben dem ganzen Wiederaufbau materieller Art.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Luftaufnahme von langen Menschenschlangen vor Sitzbänken auf einem Platz.
Legende: In vielen Regionen Syriens ist Gewalt allgegenwärtig. Trauernde beten während einer Beerdigung im Nordosten des Landes vor Särgen einer Familie, die bei israelischen Angriffen in Beirut ums Leben gekommen war. KEYSTONE/AP Photo/Ghaith Alsayed

Echo der Zeit, 19.04.2026, 18 Uhr ; 

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