Über ein Jahrzehnt lebte Radwan Abdellatif im Ungewissen über das Schicksal seines Bruders. Samer verschwand am 5. Mai 2012 in Palmyra. Sicherheitskräfte nahmen ihn mit, weil er an Protesten gegen den damaligen Machthaber Assad teilgenommen hatte.
Die letzte Spur: Ein ehemaliger Insasse des Sednayah-Gefängnisses bei Damaskus gab Ende 2012 an, dass Samer ebenfalls dort inhaftiert gewesen sei. Sednayah war berüchtigt für Folter – und dafür, dass das Regime dort Gefangene verschwinden liess. Die syrischen Behörden haben Samers Verbleib nie bestätigt.
Seit Assads Sturz 2024 ist Radwan Abdellatif dreimal aus seiner Exil-Heimat Japan nach Syrien gereist. Mit Tausenden anderen suchte er in den unterirdischen Zellen von Sednayah nach Spuren seines Bruders.
Er fand nur nutzlose, halb verbrannte Gefängnisprotokolle. «Es war, als betrete man eine Grabstätte», erinnert er sich an das Gefängnis. Die Geschichte von Radwan Abdellatif und seinem Bruder Samer zeigt, wie wichtig die nationalen und internationalen Bemühungen sind, die Verbrechen des Assad-Regimes zu dokumentieren und strafrechtlich zu verfolgen.
Die neuen syrischen Machthaber verkünden, sie wollten Gerechtigkeit, Rechenschaft und Versöhnung. Sie haben Kommissionen und Ausschüsse dazu gegründet. Kritiker bemängeln, dass die Zivilgesellschaft nicht einbezogen wird. Und dass der Fokus einseitig auf den Menschenrechtsverletzungen des ehemaligen Regimes liegt.
Zentrum der internationalen Bemühungen ist Genf. Dort haben unter anderem die UN-Organisationen IIIM (siehe Box) und IIMP (Unabhängige Institution für Vermisste Personen in Syrien) ihren Sitz.
Die IIMP soll das Schicksal und den Verbleib aller vermissten Personen in Syrien aufklären und deren Familien unterstützen – und zwar in Fällen von vor und nach 2024.
Dazu gehören auch Hunderte Fälle von Kindern, die zwischen 2013 und 2018 durch Assads Sicherheitsapparat von ihren Familien getrennt wurden. Sowie jene von jesidischen Frauen, die von Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staates entführt wurden.
Die andere Genfer Organisation, die IIIM, berät die syrischen Behörden in Justizfragen. «Im syrischen Strafrecht gibt es kein Konzept der Befehlsverantwortung», sagt IIIM-Chef Robert Petit gegenüber Swissinfo. Die aktuelle Verfassung regelt die Verfolgung von Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht.
Petit betont, dass es vollständige Gerechtigkeit nach Gräueltaten, wie sie in Syrien begangen wurden, oft nicht gebe. Dass Familien wie jene von Samer Abdellatif möglicherweise nie wissen werden, was mit ihren Angehörigen passiert ist.
Doch Versöhnung allein kann die Wunden nicht heilen. Es braucht auch Rechenschaft. Die syrische Justiz und die Sicherheitsbehörden müssen vollständig umgestaltet werden. Und das mitten in einer wirtschaftlichen und institutionellen Krise. «Von Damaskus aus wird ganz klar Wert auf einen von Syrien geführten und verantworteten Prozess gelegt», sagt Robert Petit.
Radwan Abdellatif hat schliesslich ein Dokument gefunden, demzufolge sein Bruder seit 2013 tot ist. «Wenn klar ist, wer meinen Bruder getötet hat, will ich natürlich, dass diese Person vor Gericht gestellt wird», sagt er.