Medikament auf Vertrauensbasis - «Hochproblematisch»: Rezeptpflichtige Medikamente per Mausklick
Gewisse Onlineplattformen geben verschreibungspflichtige Medikamente aus, ohne dass Patientinnen und Patienten je eine Ärztin oder einen Arzt sehen. Statt einer Untersuchung reicht ein selbst ausgefüllter Fragebogen – mit potenziell riskanten Folgen.
Normalerweise führt der Weg zu einem Rezept über eine Untersuchung und eine Diagnose, und erst danach kommt – wenn nötig – die Verschreibung eines Medikaments. Bei Plattformen wie Dokteronline dagegen entfällt dieser Ablauf vollständig.
Die Kundinnen und Kunden wählen das Medikament selbst aus, füllen online einen Fragebogen aus und bezahlen. Bewertet werden die Formulare von Ärzten, die in ganz Europa tätig sind – in England, Deutschland oder Rumänien.
Wie trotz Warnhinweisen ein Rezept durchgeht (dt. Untertitel)
Sie sind zwar offiziell zugelassen und dürfen Verschreibungen ausstellen, tun dies jedoch häufig ohne vertiefte Prüfung. Es findet weder eine Untersuchung noch ein persönlicher Kontakt statt. Das hat das Radio und Fernsehen für die italienische Schweiz (RSI) herausgefunden.
Diskutieren Sie mit:
Erstellt ein Arzt das Rezept, verschickt eine angeschlossene Apotheke das gewünschte Medikament direkt an die Wohnadresse.
Was die Recherche zeigt
Für die Untersuchung bestellte RSI zweimal das Medikament Saxenda – ein Mittel für Menschen mit Adipositas oder Diabetes. Beide Male wurde das Produkt problemlos geliefert.
Die Plattform setzt voraus, dass Patientinnen und Patienten ehrlich antworten. Doch wer ein Medikament unbedingt möchte, kann den Fragebogen entsprechend anpassen. Die Recherche zeigt sogar, dass eine Lieferung selbst dann erfolgt, wenn im Formular ausdrücklich Umstände genannt werden, die gegen die Anwendung dieses Medikaments sprechen.
Stellungnahme von Dokteronline
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Dokteronline betont, dass die Plattform lediglich digitale Konsultationen zwischen Patientinnen und unabhängigen, in der EU zugelassenen Ärzten vermittle. Die medizinische Beurteilung sowie die Entscheidung über eine Verschreibung liege vollständig bei den behandelnden Ärzten. Grundlage dafür seien detaillierte Fragebögen, deren Angaben die Patienten als korrekt bestätigen müssten. Die Telemedizin per Fragebogen sei laut Dokteronline eine zulässige Form digitaler Konsultation.
Zum Testfall mit Saxenda erklärt Dokteronline, ein fehlerhaft angegebenes 6‑Milligramm-Dosierungsschema sei ein Tippfehler gewesen; der korrekte Einnahmeplan sei kommuniziert worden. Eine frühere Pankreatitis sei als Vorsichtshinweis, aber nicht als absolute Kontraindikation beurteilt worden.
Auch beim Body-Mass-Index hätten Ärztinnen und Ärzte Spielraum, individuelle Faktoren einzubeziehen. Die Plattform betont, dass die beteiligten Mediziner unabhängig seien und allein für ihre Verschreibungen verantwortlich blieben. Ein Interview lehnt Dokteronline ab und verweist auf die schriftliche Antwort.
Beim zweiten Test bestellte eine Person, die nicht in die Verschreibungskriterien passte und sogar eine Erkrankung angab, die das Medikament riskant macht. Trotzdem wurde die Bestellung ohne zusätzliche Rückfragen akzeptiert.
Welche Risiken entstehen
Für die Tessiner Kantonsapothekerin Francesca Bortolo ist dieses System «hochproblematisch». Sie verweist auf mehrere Gefahren:
Unpassende oder falsche Verschreibungen,
mögliche schwere Nebenwirkungen,
fehlende persönliche medizinische Abklärung,
kein strukturiertes, professionell begleitetes Behandlungskonzept und
das Risiko, gefälschte oder gesundheitsgefährdende Medikamente zu erhalten.
Legende:
Auf einigen Onlineplattformen lassen sich verschreibungspflichtige Medikamente allein über selbst ausgefüllte Fragebögen bestellen – ohne Untersuchung, ohne direkten Kontakt zu Ärztinnen oder Ärzten.
Getty/Gti337
Bortolos Einschätzung: Die Umgehung des klassischen medizinischen Wegs bringe Patientinnen und Patienten in eine unsichere Lage – teilweise, ohne dass sie es merken.
Ratschläge für Konsumentinnen und Konsumenten
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Vorsicht bei Plattformen, die «sofortige» Rezepte ohne direkten Austausch mit einer Ärztin oder einem Arzt versprechen.
Vor dem Onlinekauf Identität der Fachpersonen sowie Transparenz zu Sitz und rechtlicher Verantwortung der Plattform prüfen.
Bei chronischen Behandlungen, Abnehmtherapien oder Antibiotika sich an den Hausarzt oder an anerkannte Telemedizindienste wenden, die ein echtes ärztliches Gespräch vorsehen.
In der Apotheke nachfragen: Apothekerinnen und Apotheker können die Gültigkeit von Rezepten und die Angemessenheit von Therapien einschätzen.
Verdächtige Angebote und Praktiken den zuständigen Behörden melden.