Ägypten ist zum Drehkreuz des illegalen Organhandels in Afrika und im Nahen Osten geworden. Etwa 1.2 Millionen Sudanesinnen und Sudanesen, die vor dem Krieg nach Kairo geflohen sind, sind zum Hauptziel der dahinterstehenden Mafia geworden.
Mossad ist eines der vielen Opfer dieses Systems.
Ende 2022 bringt er seinen 13-jährigen Sohn wegen hohem Fieber und Erbrechen in ein öffentliches Krankenhaus in Kairo. Der Junge wird in Abwesenheit seines Vaters behandelt, und dieser erhält stundenlang keine Nachrichten.
Erst als ein Wachmann ihm erlaubt, seinen Sohn zu sehen, erfährt er mehr. «Er führte mich in ein winziges Zimmer von kaum zwei Quadratmetern. Mein Sohn war an ein Bett gefesselt, mit Stofffetzen im Mund. Er atmete kaum noch», erzählt er gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS. «Dann bemerkte ich, dass er keine Augen mehr hatte. Er hatte nie Probleme mit den Augen».
Eine Stunde später erklärt das Krankenhaus seinen Sohn für tot.
Seitdem konnte Mossad weder den Leichnam zurückerhalten noch die Krankenakte einsehen – trotz mehrerer eingereichten Beschwerden.
Das Krankenhaus bestreitet jegliche Organentnahme ohne Zustimmung. Dies entspricht auch der offiziellen Haltung der ägyptischen Regierung, die die Existenz eines Organhandels im Land nicht anerkennt.
Mossad wiederum sagt, er sei eingeschüchtert und bedroht worden, als er bei den Behörden Gerechtigkeit suchte.
Mangel an Spenden und lange Wartezeiten
In Ägypten ist der Verkauf von Organen für mittellose Menschen zu einer Möglichkeit geworden, schnell Geld zu verdienen.
Rund 300 Kilometer von Kairo entfernt, auf dem ägyptischen Land, verdient Mahmoud Abdallah als Schuhmacher etwa 45 Franken pro Monat. Sein Einkommen reicht nicht aus, um ein Haus zu kaufen.
Deshalb entschied er sich zum Verkauf einer Niere. Mit einem einzigen Anruf ist das Geschäft abgeschlossen.
Der RTS-Bericht zum illegalen Organhandel:
Diese Operationen werden mit Unterstützung von Ärzten, Analyselaboren und Behörden durchgeführt. Ebenso wie die Händlerinnen und Händler verbergen die Einrichtungen dies nicht einmal.
Seit seiner Operation muss Mahmoud Abdallah täglich Medikamente einnehmen und sich alle drei Monate eine Spritze geben lassen. Trotz der teuren Behandlung bereut er den Eingriff nicht. «Ich hatte keine andere Wahl. Wenn ich sterben sollte, hätte ich meiner Familie wenigstens einen Ort zum Leben hinterlassen».
Die Kundschaft besteht aus wohlhabenden Ägypterinnen und Ägyptern, aber auch aus Ausländerinnen und Ausländern, die es leid sind, in ihrem Heimatland auf eine Transplantation zu warten.
Für sie ist der Preis gering: In manchen Ländern kann eine Niere laut einem Bericht des Europäischen Parlaments bis zu 130’000 Franken kosten. In Ägypten zahlt man rund 8’000 Franken.
Ahmad* wartet in Kairo seit Langem auf eine Nierentransplantation. Und entschied sich, die Organmafia in Anspruch zu nehmen. Fündig wurde er in einer Facebook-Gruppe, in der sich einige Händler nicht einmal verstecken: Preise für Operationen, Herkunft der Spender und Telefonnummern – alles ist auf ihren Profilen detailliert aufgeführt.
Gleichzeitig professionalisieren sich die Netzwerke der Händler zunehmend. Nur wenige Länder der Welt sind in diesem Bereich so nachlässig wie Ägypten.
Laut mehreren NGOs werden weltweit jährlich zwischen 720 Millionen und 1.4 Milliarden Franken durch Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme umgesetzt.
*Name geändert