Einst stand der «polnische Klempner» in den alten Wirtschaftsnationen Europas sinnbildlich für die billigen Arbeitskräfte aus Osteuropa. Und für die Angst, die viele in den westeuropäischen Ländern vor ihnen hatten. Der Ausdruck kam 2005 auf, zur Zeit des Referendums über den EU-Verfassungsvertrag.
Gut zwanzig Jahre später hat sich die Situation umgekehrt: Die Polinnen und Polen kehren aus Grossbritannien, Deutschland, den Niederlanden zurück in ihr Heimatland, wo die Wirtschaft stark wächst und sich der Lebensstandard deutlich verbessert hat.
Früher war der Lebensstandard in Grossbritannien viermal höher. Heute kann man genauso gut zurück nach Hause
Aktuelle Migrationsstatistiken zeigen, dass Polen mittlerweile mehr Rückkehrer als Ausreisende verzeichnet, insbesondere aus Grossbritannien. Eine Entwicklung, die Premierminister Donald Tusk jüngst nutzte, um sich in den sozialen Medien mit einem Video in Szene zu setzen.
«Die Leute stimmen mit den Füssen ab. Sie gehen dorthin, wo sie glauben, ein besseres Leben führen zu können», sagt er darin, und weiter: «Für viele ist Polen heute zum gelobten Land geworden, dafür kämpfen wir. Kommt zurück!»
Tatsächlich hat sich Polen seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 grundlegend verändert. «Als ich jung war, lag der polnische Arbeitsmarkt am Boden», erinnert sich Tomasz Boroński im Interview mit dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS an die Gründe, die ihn einst dazu bewegt haben, nach Grossbritannien auszuwandern. «In meiner Gegend lag die Arbeitslosigkeit bei über 30 Prozent, eine Fabrik nach der anderen schloss. Für uns in den 1970er-Jahren Geborene war es fast unmöglich, eine Arbeitsstelle zu finden», so Boroński weiter.
Heute hat Polen mit gut 3 Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten Europas, steht in der Liste der grössten Volkswirtschaften der Welt auf Platz 20, in Europa auf Platz 6. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf hat sich seit dem EU-Beitritt verdreifacht.
Tomasz Boroński wartet nur noch darauf, sein Haus in England verkaufen zu können, um zurückzukehren. «Früher war der Lebensstandard in Grossbritannien viermal höher als in Polen. Heute sind wir etwa auf demselben Niveau. Da kann man genauso gut zurück nach Hause», sagt er.
Auswanderer Tomasz Boroński über damals und heute:
Laut Dominika Pszczółkowska, Migrationsforscherin an der Universität Warschau, hatte das Brexit-Referendum einen starken Einfluss auf die Einwanderung aus Polen nach Grossbritannien. Ab 2017 brechen die Ausreisen nach Grossbritannien drastisch ein, die Zahl der Rückkehrer steigt: «Die polnische Gemeinschaft in Grossbritannien hat sich dadurch um ein Drittel verringert: Es waren etwa eine Million, heute sind es rund 600’000».
Aber auch aus Deutschland und den Niederlanden wandern Polinnen und Polen ab. Das erklärt sich vor allem durch das sogenannte polnische Wirtschaftswunder: 2025 verzeichnete das Land ein Wachstum von über 3,6 Prozent, während viele andere europäische Volkswirtschaften stagnieren.