Seit Anfang Dezember ist Andrej Babis zum zweiten Mal Ministerpräsident Tschechiens, nachdem er mit seiner Partei ANO (Aktion unzufriedener Bürger) im Oktober die Wahlen gewonnen hat.
Babis hat eine Verbindung zur Schweiz, und für seine Karriere war das von grosser Bedeutung: Er ging zwischenzeitlich in Genf zur Schule. Babis’ Vater war als Beamter der sozialistischen Tschechoslowakei bei der UNO in Genf tätig, und Sohn Andrej besuchte dort während mindestens eines Jahres das Collège Rousseau.
In einer Zeit, in der die meisten Menschen in der Tschechoslowakei kaum Zugang zu Westeuropa hatten, baute Babis so Verbindungen zu wohlhabenden Personen in der Schweiz auf.
Aufbau eines Imperiums
Mitte der 1980er-Jahre arbeitete Andrej Babis für den staatlichen tschechoslowakischen Öl-Importeur Petrimex. Nach dem Ende des Kommunismus und der Aufspaltung der Tschechoslowakei gründete er im Jahr 1993 eine Tochtergesellschaft – mithilfe der Kapitaleinlagen seiner «Schweizer Schulkameraden», wie Babis selbst einmal sagte.
Babis’ Firma Agrofert übernahm von der Muttergesellschaft innert weniger Jahre einen Grossteil der Kunden und sogar der Führungskräfte.
Eine undurchsichtige Rolle spielte dabei die Ost Finanz und Investment AG (OFI) mit Sitz im Kanton Zug. Die OFI übernahm eine Mehrheit an Agrofert und bootete so den Staatskonzern Petrimex aus.
Der tschechische Journalist Jaroslav Spurný sagte gegenüber Swissinfo, er habe mehrmals unter vier Augen mit Andrej Babis darüber gesprochen. Dieser habe die Rolle, die OFI dabei spielte, jedes Mal etwas anders dargestellt.
Schutz durch Schweizer Bankengesetz
«Diese Firma handelte nie unabhängig», sagte der Babis-Biograf Tomás Pergler 2017 gegenüber Reportern des Tschechischen Fernsehens. Sie sei jeweils von den Anwälten von Agrofert vertreten worden. Es sei also mehr oder weniger offensichtlich gewesen, dass die OFI nur formell eine eigenständige Eigentümerin war.
Die Eigentümerstruktur der OFI war durch das Schweizer Bankengesetz geschützt. Daher wurden die Eigentümer des Unternehmens nie öffentlich bekannt, selbst als Agrofert expandierte und Babis politische Macht erlangte.
2003 kaufte Babis den Grossteil der Agrofert-Anteile, auch jene, die OFI gehörten. «Es war eine Zeit, in der verschiedene Wirtschaftsschurken und Betrüger scheiterten, die in den 1990er-Jahren die tschechische Wirtschaft weitgehend beherrschten», erläuterte Spurný. «Sie wurden durch Leute wie Andrej Babis ersetzt, und er war der Aggressivste und Prominenteste unter ihnen – und auch der Skrupelloseste.»
Allerdings war Babis kein Einzelfall: Auch in anderen ehemaligen Ostblock-Ländern nutzen beim Übergang zur Marktwirtschaft gut vernetzte Wirtschaftseliten das Schweizer Bankgeheimnis, um Vermögen anzuhäufen, zu vermehren und zu verstecken.
Nach dem erneuten Wahlsieg von Babis im Oktober 2025 bestand der liberale Staatspräsident Pavel darauf, dass der neue Premier vor seinem Amtsantritt seine Interessenkonflikte lösen müsse. Überraschend trat Babis darauf von Agrofert zurück und erklärte, dass das Unternehmen künftig von einer Treuhandgesellschaft verwaltet werde.