Sie hat in Libyen fünf Jahre lang die Hölle durchlebt. «Wenn man mir gesagt hätte, dass ich eines Tages allein ohne die Hilfe eines Arztes gebären würde, hätte ich es nie geglaubt. Wenn man mir gesagt hätte, dass ich eines Tages ohne meine Zustimmung der Prostitution nachgehen würde, hätte ich es nie geglaubt. Aber du tust es, weil du keine Wahl hast.» Das sagt eine Frau aus Kamerun gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS), ein Jahr, nachdem sie in der Schweiz angekommen ist.
Hören Sie die Erlebnisse der Migrantin aus Kamerun:
Ihr Schicksal ist von Gewalt und Gefangenschaft in Libyen geprägt. In diesem nordafrikanischen Land werden viele Migrantinnen und Migranten zu Opfern dieser Form der modernen Sklaverei.
Ein Arbeitsversprechen, das zur Falle wird
Ihre Geschichte beginnt 2019 in Kameruns Hauptstadt Jaunde. Eine Kundin des Restaurants, in dem sie als Kellnerin arbeitet, bietet ihr eine Stelle als Haushälterin in Algerien an. «Sie bot mir mehr als 200'000 Francs CFA an», berichtet sie. Das entspricht etwa 280 Franken, was für lokale Verhältnisse viel ist.
Sie verlässt daraufhin Jaunde, durchquert Nigeria, dann Niger, bevor sie in Algerien ankommt. Dort nimmt die Frau ihr den Pass weg und verkauft sie an ein Bordell in Libyen.
«Ich sagte: Ich werde das nicht tun.» Dann habe man sie versucht, dazu zu zwingen, indem man sie «geschlagen und brutal behandelt» habe, berichtet sie. Während der ganzen Zeit sei sie eingesperrt gewesen. «Ich durfte nur in den Hof des Lagers gehen», präzisiert sie.
Während der fünf Jahre Zwangsprostitution erlitt sie unbezahlten und ungeschützten Geschlechtsverkehr. «Als ich mit meiner Tochter schwanger wurde, kühlte mich das ab, ich hörte mit der Rebellion auf», erinnert sie sich. «Manchmal versteckte ich mich nur, um zu weinen. Abends fühlte ich mich sehr schmutzig.»
Mit der Hilfe eines Kunden flieht sie mit ihrer Tochter, gelangt nach Sfax in Tunesien und überquert dann das Mittelmeer bis Lampedusa. Sie lebt heute in einer Asylunterkunft in der Schweiz und wartet auf einen Entscheid über ihren Asylantrag.
Auch Männer sind Opfer von Ausbeutung
Für die Organisation Perla, die der Frau hilft, illustriert ihr Schicksal eine viel umfassendere Realität. «Das ist Sklaverei, das ist etwas Unvorstellbares. Meiner Meinung nach ist Menschenhandel das abscheulichste Verbrechen der Menschheit», sagt Emmylou Ziehli-Maillard, Co-Direktorin der Organisation.
Laut Perla gibt es in Libyen neben sexueller Ausbeutung auch Fälle der Ausbeutung von Arbeitskräften. «Sie betrifft hauptsächlich Männer, die angeworben wurden, um auf Baustellen in Libyen zu arbeiten, zu unvorstellbaren Bedingungen», berichtet Ziehli-Maillard. «Auch sie werden geschlagen, erleiden Gewalt. Solche Fälle haben wir ebenfalls begleitet.»
Nach dem Grauen müssen diejenigen, die es schaffen, noch einen langen Weg bewältigen, um sich wieder aufzubauen. «Die Schweiz hat mir Hoffnung zurückgegeben», sagt die Kamerunerin.