Die Migration in Richtung Europa geht zurück. Das zeigen die Zahlen für die Routen übers Mittelmeer und den Balkan für 2025. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex zählt einen Viertel weniger Versuche von «irregulären Grenzübertritten» als im Jahr davor. Insgesamt seien es 178'000 gewesen. Migrationsforscherin Judith Kohlenberger ordnet ein.
SRF News: Zeigt die verschärfte Migrationspolitik Wirkung?
Judith Kohlenberger: Jein. Die Zahl der Asylanträge geht bereits seit Ende 2023 zurück. Die Gründe sind vielfältig. Die Verschärfung der Grenzpolitik spielt natürlich eine Rolle. Es wird schwieriger, gewisse Grenzen nach Europa zu überschreiten. Dadurch ist es in der Vergangenheit zu einer Verlagerung der Routen gekommen.
Gleichzeitig sind manche Fluchtgründe in den bisherigen Hauptherkunftsländern von Geflüchteten weggefallen – so zum Beispiel durch den Sturz des Assad-Regimes in Syrien. Das ist ein wesentlicher Faktor für die gesunkene Zahl der Asylanträge in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
Das Bedürfnis nach Europa zu kommen hat also nachgelassen?
In gewissen Herkunftsländern gibt es weniger Druck, das Land unmittelbar zu verlassen. Gleichzeitig haben in den letzten zehn Jahren schon sehr viele Menschen Länder wie Syrien und Afghanistan verlassen. Plakativ könnte man sagen: fast alle, die es wollten.
Die Migration von Afrika nach Europa ist aber auch eine Ressourcenfrage: Menschen müssen sich die Überfahrt oder generell den Weg nach Europa leisten können.
Dazu kommt: Aufgrund der unsicheren Lage in Syrien sind Asylentscheide in den meisten europäischen Ländern ausgesetzt. Es wird also nicht in die eine oder andere Richtung entschieden. Das wissen auch die Menschen aus Syrien. Für sie ist es nun heikler, den gefährlichen und teuren Weg nach Europa auf sich zu nehmen.
Auf der westafrikanischen Route sind die Zahlen 2025 um 63 Prozent zurückgegangen. Was ist das passiert?
Das hängt einerseits stark mit dem Vergleichszeitraum zusammen. 2024 gab es auf der westafrikanischen Route einen starken Anstieg, vor allem in Richtung der Kanarischen Inseln. Hier gab es nun einen Rückgang. Die Migration von Afrika nach Europa ist aber auch eine Ressourcenfrage: Menschen müssen sich die Überfahrt oder generell den Weg nach Europa leisten können. Das bedarf finanzieller Mittel, sozialer Netzwerke im Aufnahmeland, Infrastruktur, Transportmittel und so weiter.
Viele Menschen – gerade in Ländern, die von Konflikten und humanitären Krisen betroffen sind – haben diese Mittel oft nicht. Zudem findet der Grossteil der afrikanischen Migration und Vertreibung innerhalb des Kontinents statt. Die allermeisten Menschen gehen maximal in Nachbarländer.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner bezeichnet den Rückgang als Ergebnis stärkerer Aussengrenzen und wirksamer internationaler Partnerschaften. Ist es viel schwieriger geworden, nach Europa zu kommen?
Das ist richtig. Es blendet aber den zweiten Teil der Gleichung aus. Weltweit sind die Fluchtursachen und humanitäre Krisen nicht weniger geworden. Im Gegenteil: Die aktuellen UNHCR-Zahlen sprechen von 117 Millionen Menschen, die entweder innerhalb der Landesgrenzen oder grenzüberschreitend geflüchtet sind. Die Zahl der Geflüchteten und Schutzbedürftigen steigt Jahr für Jahr.
Aber der Zugang zu Ländern, die Schutz bieten, wird immer schwieriger. Aus Sicht der Regierungen der europäischen Länder mag die Entwicklung ein Erfolg sein. Es bedeutet aber, dass sehr viele schutzbedürftige Menschen diesen Schutz nicht mehr bekommen.
Das Gespräch führte Sandro Della Torre.