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Skurrile Wahlposse Gemeinderätin wider Willen

Einwohner der Waadtländer Gemeinde Prilly unterschrieben für mehr Parkplätze. Und staunten nicht schlecht, als sie ihre Namen plötzlich auf der FDP-Liste für die Gemeinderatswahl entdeckten. Missverständnis oder unlautere Absicht?

Joel und Claudia Castro, beide 44, führen in Prilly eine Autowerkstatt. Eines Abends im Januar kommt eine Frau in der Garage vorbei mit einem Blatt in der Hand: Sie setze sich für den Erhalt von Parkplätzen ein.

Die Castros geben ihre Personalien an und unterzeichnen die Petition, ebenso wie ihr Sohn und die Angestellten.

Zwei Monate später entdeckt Claudia Castro ihre Namen und Gesichter auf der Wahlliste der FDP Prilly. Während des Wahlkampfs häufen sich Anrufe und E-Mails: Die Familie Castro und ihre Angestellten werden aufgefordert, an Infoständen mitzumachen und sich im Wahlkampf zu engagieren.

Das sagen die Betroffenen – und die Partei (dt. Untertitel):

Zuerst hätten sie darüber gelacht. Spätestens als Claudia Castro am 8. März mit fast 700 Stimmen in den Gemeinderat gewählt wird, dem Parlament der 12’000-Einwohner-Stadt, weicht das Lachen der Empörung: «Ich verstehe nichts von Politik, habe weder Zeit noch Lust, mich zu engagieren.»

Reihe von Wahlplakaten auf einer Wiese vor Wohngebäuden.
Legende: Plakate der Parteien in Prilly kurz vor der Gemeinderatswahl vom 8. März. Keystone / JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Für Claudia Castro ist klar: Das ist kein Missverständnis. «Die Art und Weise, wie sie das gemacht haben, ist wirklich unehrlich», sagt sie gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). Zumal die Gemeinde bestätigt, dass nie eine Initiative oder Petition für mehr Parkplätze in Prilly eingereicht wurde.

FDP: Strategie ging auf

Die FDP Prilly bestreitet jegliche Täuschungsabsicht. «Wir haben sie informiert, dass es um den Gemeinderat geht. Wenn Leute das falsch verstanden haben, tut es mir leid», sagt Vorstandsmitglied Tony Capuano.

Capuano steht zu einer Strategie, die darauf abzielt, die Wahlliste der Partei zu erweitern. «Je mehr wir sind, desto mehr Stimmen machen wir. Man wählt seine Nachbarn, die Leute, die man kennt.» 53 Kandidierende stellte die FDP auf – die anderen Parteien hatten zwischen 11 und 23. Die Strategie scheint aufgegangen zu sein: Gegenüber RTS zeigt sich Capuano erfreut über die neue bürgerliche Mehrheit im Gemeinderat.

KI-retuschierte Fotos

Für Irritation sorgen auch die Fotos, die die FDP für ihr Wahlkampfmaterial benutzte. Sie wurden mit KI stark verändert, unter anderem wurde die Arbeitskleidung gegen Hemden und Sakkos ausgetauscht.

Die Castros hatten eingewilligt, sich am Arbeitsplatz fotografieren zu lassen – das sei ihnen als visuelle Ergänzung zur Petition verkauft worden. FDP-Vorstand Capuano bestreitet das: «Wir waren sehr klar, wir haben ihnen die Fotos gezeigt.»

Capuano räumt ein, dass die Bilder bearbeitet wurden – dies, weil sie direkt in der Garage gemacht wurden, da die Castros nicht an den organisierten Fotoshootings teilgenommen hätten.

Verwirrendes Formular

Eine Kopie des offiziellen Anmeldeformulars für die Wahlen zeigt, dass dieses jenem für eine Petition tatsächlich ähnelt. Zwar ist darauf vermerkt: «8. März – Wahl des Gemeinderats», allerdings klein gedruckt.

Laut Gesetz hat Claudia Castro drei Möglichkeiten: das Mandat annehmen und in den Gemeinderat gehen, entweder für die FDP oder als Unabhängige. Oder die Wahl ablehnen und sofort zurücktreten. Beides passt ihr nicht: Ein Rückzug könnte dem Image schaden, fürchtet sie: «Der Name der Familie ist auch jener der Garage. Kunden könnten denken, dass wir nicht seriös sind.»

FDP-Vorstand Capuano versichert, ein Verzicht sei weiterhin möglich. Ein möglicher freier Sitz im Gemeinderat sei eine Frage, die sich die FDP «später stellen» werde.

RTS, La Matinale, 23.3.2026, 7:18 Uhr;brus

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