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Spitzendiplomat Gabriel Lüchinger – der Beziehungsmanager der Schweiz

Wenn der Iran und die USA oder die Ukraine und Russland zu Gesprächen nach Genf kommen, zieht Gabriel Lüchinger die Fäden. Ein Portrait.

Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran, Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland – das internationale Genf ist wieder Basis für Verhandlungen.

Gespräche zum Iran und der Ukraine in Genf

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Genf rückt diese Woche ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Am Dienstag kommt es zu weiteren Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland, mit dabei die USA. Am Donnerstag werden die Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran fortgesetzt.

Dass die Treffen in Genf stattfinden, zeige, dass die wichtigen Akteure Vertrauen haben in die neutrale Schweiz, sagt Thomas Greminger zu SRF; er ist Schweizer Diplomat und Direktor des Zentrums für Sicherheitspolitik in Genf. «Es braucht weiterhin diese Neutralen, die in der Lage sind, solche Dialogplattformen zur Verfügung zu stellen.»

Das zu ermöglichen, ist der Job von Gabriel Lüchinger. Der 49-Jährige ist der Schweizer Spitzendiplomat, der konsequent im Hintergrund agiert.

Offiziell leitet Lüchinger die Sicherheitsabteilung des Schweizer Aussendepartements. In dieser Funktion redet er mit allen. Und er tut es stets diskret – Medienkontakte meidet er.

Überall dabei, nie im Rampenlicht

«Lüchinger ist ein Scharnier. Er wirkt unscheinbar, geniesst aber überall sehr viel Vertrauen», sagt eine Schweizer Aussenpolitikerin. Ständerat Josef Dittli (FDP), ebenfalls Aussenpolitiker, sagt: «Er hat eine unglaublich hohe Sozialkompetenz. Er ist hochintelligent – und er hat immer Zeit, um zuzuhören.»

Mann mittleren Alters, grauer Kurzhaarschnitt.
Legende: Der Bundesrat vertraut auf die Fähigkeiten von Top-Diplomat Gabriel Lüchinger. Keystone / Peter Schneider

Er reist in den Iran, nach China und in den Nahen Osten. Er informiert stets all jene, die nicht dabei sein können, über alles, was sie interessieren könnte.

Längst gilt Lüchinger als der bestvernetzte Diplomat der Schweiz. Dazu verholfen hat ihm unter anderem die Tatsache, dass in der Schweiz immer alles wechselt: Das Bundespräsidium im Jahrestakt, die Botschaftsposten im Vierjahresrhythmus.

Für das Ausland waren die Top-Beamten und die wenigen Schweizer Staatssekretäre stets die stabilsten Ansprechpartner. Sie sind auch nach der nächsten Wahl noch da.

Gabriel Lüchingers steiler Weg nach oben

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Lüchinger, Sohn eines Juristen, studiert Jura in Bern. Mit 22 Jahren kandidiert er als Nationalrat für die Junge SVP. In einem Leserbrief schreibt er im Jahr 1999 gegen die EU an: «Ich bin nicht bereit, auf unsere Offenheit gegenüber der Welt zu verzichten, nur um zu einer Organisation zu gehören, die korrupt und undemokratisch ist.»

Er setzt sein Studium in Helsinki fort, später folgen Studien in internationalen Beziehungen in Schweden. Zurück in der Schweiz arbeitet er für die SVP und im Verteidigungsdepartement. Er ist Oberst in der Armee und wird Militärattaché in den Schweizer Botschaften von Abu Dhabi und Kairo.

Sechs Jahre bleibt er im arabischen Raum, lernt seine heutige Frau kennen, eine Jordanierin, lässt sich vom arabischen Frühling begeistern. «Der Kampf der Jungen für die Demokratie hat mich stark geprägt», sagt er später.

Dann kontaktiert ihn die SVP, lockt ihn 2016 mit dem Job als Generalsekretär zurück in die Schweiz. Er wird zum engen Vertrauten des Parteipräsidenten, dem heutigen Bundesrat Albert Rösti. Kurz darauf wird er zum persönlichen Berater von SVP-Bundesrat Guy Parmelin.

Später wird er als Bundeskanzler gehandelt, sitzt dafür aber in der falschen Partei. Auch als Chef des Schweizer Nachrichtendiensts wird er empfohlen.

Lüchinger zieht es jedoch in die Diplomatie. Er absolviert die strengen Auswahlverfahren des Aussendepartements. Dann ernennt ihn Aussenminister Ignazio Cassis zum Sicherheitschef. Lüchinger selbst sagt 2024 über den Job: «Ich bin genau dort, wo ich hingehöre.»

Einen Grundstein für Lüchingers Vernetzung legte die Ukraine-Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock im Jahr 2024, ein äusserst ambitioniertes Projekt von Aussenminister Ignazio Cassis.

Während andere Nationen der Ukraine Waffen lieferten und ihre Reihen schlossen, verwehrte die Schweiz ihre Waffen – und drohte, ins Abseits zu geraten. Es brauchte einen Befreiungsschlag, um die traditionelle Rolle der Schweiz in die neue geopolitische Situation zu tragen.

Lüchinger im Gespräch mit Selenski.
Legende: Gabriel Lüchinger im Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski während des Gipfeltreffens zum Frieden in der Ukraine auf dem Bürgenstock 2024. Keystone / Michael Buholzer

Cassis wünschte sich, möglichst viele bedeutende Staatschefs in die Innerschweiz zu holen. Dazu lobbyierte Lüchinger im Kreis der nationalen Sicherheitsberater, alles Leute mit direktem Draht in die Regierung. Da kennt man sich von Konferenzen. Da denkt man eher operativ als politisch, was Dinge oft vereinfacht.

Zudem wusste Lüchinger um die Kapazitäten des Schweizer Aussennetzes – er setzte dieses strategisch ein. «Wir haben alle Botschaften rund um die Welt auf die Piste geschickt mit der Bitte, die nationalen Sicherheitsberater anzugehen», erzählte er gegenüber Radio SRF.  

Scheitern gehört zum Job

Doch Lüchinger kann auch scheitern: An der Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock fehlte China, damals die einzige Macht mit Hebelwirkung. Bei den US-Zöllen fehlt der Schweiz nach wie vor ein verbindliches Abkommen, die Dossierführung liegt wieder beim Wirtschaftsdepartement.

Doch Glanz ist in Lüchingers Welt kein Kriterium. Zuletzt sah man ihn in Moskau, mit Aussenminister Ignazio Cassis. Im Namen der OSZE versuchten sie, Russland wieder in einen internationalen Dialog zu bringen.

Cassis wurde vorgeführt, die Mission stiess international auf Kritik.

Links Lüchinger unter anderem im Raum mit Ali Laridschani. Im Hintergrund ist eine iranische Flagge.
Legende: Lüchinger mit dem iranischen Sicherheitsberater Ali Laridschani 2025 in Teheran. x.com

Kurz zuvor wütete das iranische Regime gegen die eigene Bevölkerung. Lüchinger hatte den Draht zu Ali Laridschani, dem Sicherheitsberater des Regimes und einem der engsten Vertrauten von Religionsführer Ali Chamenei. Er telefonierte. Das Regime wütete unbeirrt weiter.

Es war wie wohl alles, was er tut: Nicht vergeblich, sondern einen Versuch wert.

 

Tagesschau, 15.2.2026, 19:30 Uhr; wilh

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