Atomgespräche zwischen den USA und dem Iran, Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland – das internationale Genf ist wieder Basis für Verhandlungen.
Das zu ermöglichen, ist der Job von Gabriel Lüchinger. Der 49-Jährige ist der Schweizer Spitzendiplomat, der konsequent im Hintergrund agiert.
Offiziell leitet Lüchinger die Sicherheitsabteilung des Schweizer Aussendepartements. In dieser Funktion redet er mit allen. Und er tut es stets diskret – Medienkontakte meidet er.
Überall dabei, nie im Rampenlicht
«Lüchinger ist ein Scharnier. Er wirkt unscheinbar, geniesst aber überall sehr viel Vertrauen», sagt eine Schweizer Aussenpolitikerin. Ständerat Josef Dittli (FDP), ebenfalls Aussenpolitiker, sagt: «Er hat eine unglaublich hohe Sozialkompetenz. Er ist hochintelligent – und er hat immer Zeit, um zuzuhören.»
Er reist in den Iran, nach China und in den Nahen Osten. Er informiert stets all jene, die nicht dabei sein können, über alles, was sie interessieren könnte.
Längst gilt Lüchinger als der bestvernetzte Diplomat der Schweiz. Dazu verholfen hat ihm unter anderem die Tatsache, dass in der Schweiz immer alles wechselt: Das Bundespräsidium im Jahrestakt, die Botschaftsposten im Vierjahresrhythmus.
Für das Ausland waren die Top-Beamten und die wenigen Schweizer Staatssekretäre stets die stabilsten Ansprechpartner. Sie sind auch nach der nächsten Wahl noch da.
Einen Grundstein für Lüchingers Vernetzung legte die Ukraine-Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock im Jahr 2024, ein äusserst ambitioniertes Projekt von Aussenminister Ignazio Cassis.
Während andere Nationen der Ukraine Waffen lieferten und ihre Reihen schlossen, verwehrte die Schweiz ihre Waffen – und drohte, ins Abseits zu geraten. Es brauchte einen Befreiungsschlag, um die traditionelle Rolle der Schweiz in die neue geopolitische Situation zu tragen.
Cassis wünschte sich, möglichst viele bedeutende Staatschefs in die Innerschweiz zu holen. Dazu lobbyierte Lüchinger im Kreis der nationalen Sicherheitsberater, alles Leute mit direktem Draht in die Regierung. Da kennt man sich von Konferenzen. Da denkt man eher operativ als politisch, was Dinge oft vereinfacht.
Zudem wusste Lüchinger um die Kapazitäten des Schweizer Aussennetzes – er setzte dieses strategisch ein. «Wir haben alle Botschaften rund um die Welt auf die Piste geschickt mit der Bitte, die nationalen Sicherheitsberater anzugehen», erzählte er gegenüber Radio SRF.
Scheitern gehört zum Job
Doch Lüchinger kann auch scheitern: An der Ukraine-Konferenz auf dem Bürgenstock fehlte China, damals die einzige Macht mit Hebelwirkung. Bei den US-Zöllen fehlt der Schweiz nach wie vor ein verbindliches Abkommen, die Dossierführung liegt wieder beim Wirtschaftsdepartement.
Doch Glanz ist in Lüchingers Welt kein Kriterium. Zuletzt sah man ihn in Moskau, mit Aussenminister Ignazio Cassis. Im Namen der OSZE versuchten sie, Russland wieder in einen internationalen Dialog zu bringen.
Cassis wurde vorgeführt, die Mission stiess international auf Kritik.
Kurz zuvor wütete das iranische Regime gegen die eigene Bevölkerung. Lüchinger hatte den Draht zu Ali Laridschani, dem Sicherheitsberater des Regimes und einem der engsten Vertrauten von Religionsführer Ali Chamenei. Er telefonierte. Das Regime wütete unbeirrt weiter.
Es war wie wohl alles, was er tut: Nicht vergeblich, sondern einen Versuch wert.