Die Eisenbahn spielte im 19. Jahrhundert eine wesentliche Rolle bei der territorialen Expansion der USA. Im folgenden Jahrhundert wurde sie dann aber vom Auto und der Luftfahrt verdrängt. Und heute ist sie das Stiefkind des Personenverkehrs im Land.
«Es gibt heute keine einzige Hochgeschwindigkeits-Strecke in den USA», hält Alain Leray gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) fest. Er ist der Amerika-Chef der französischen Staatsbahn SNCF. «2007 hatte Präsidentschaftskandidat Obama elf Korridore versprochen. Nicht ein einziger wurde gebaut.»
So erklärt der SNCF-Manager Leray das Zug-Malaise in den USA:
Ein Beispiel für ein stockendes Eisenbahnprojekt: die Hochgeschwindigkeits-Strecke zwischen San Francisco und Los Angeles. Das Projekt wurde 2008 lanciert. Inzwischen weist es erhebliche Verspätungen auf und leidet unter kolossalen Budgetüberschreitungen.
Donald Trump sprach von «Betrug» und entzog dem Projekt im vergangenen Sommer die Bundesfinanzierung. Die demokratische Regierung des Bundesstaats Kalifornien glaubt hingegen an diese Verbindung. Sie hat die SNCF mit der Elektrifizierung der Strecke beauftragt.
Ein erstes Teilstück könnte 2030 im Central Valley betriebsbereit sein, berichtet Leray. Er räumt ein, dass dieses Projekt von Anfang an «schlecht aufgegleist» war. Was seiner Ansicht nach das Problem war: Jeder lokale Politiker wollte, dass seine Stadt, auch wenn sie von bescheidener Grösse ist, eine Haltestelle bekommt. Lerays Meinung nach hätte man nur die beiden Grossstädte miteinander verbinden sollen.
«Statt eines Hochgeschwindigkeitszugs haben wir jetzt einen regionalen Schnellzug», kritisiert Leray. Die Republikaner ihrerseits verspotten das Projekt. Sie nennen es den «Zug von nirgendwo nach nirgendwo».
Eine «notwendige» öffentliche Finanzierung
Nach Ansicht von Leray haben die Schwierigkeiten des Projekts viel zu tun mit der amerikanischen Vorstellung von der Rolle des Staates bei der Finanzierung der Eisenbahn. «Die Dinge können nicht vorankommen, solange die US-Politik, das heisst Demokraten und Republikaner zusammen, nicht eingestehen kann, dass die öffentliche Hand notwendig ist, um eine Eisenbahninfrastruktur zu bauen», analysiert er. «Und solange die Politiker darauf fixiert sind, privates Kapital einzubeziehen, was nie gelingen wird.»
Investitionen in Eisenbahninfrastrukturen seien nicht rentabel. Und private Geldgeberinnen und Geldgeber wollten kein Geld verlieren. Das Schicksal der Eisenbahn in den USA hänge somit von der öffentlichen Hand ab.
Somit bleibt in den USA das Auto König. Das liege aber nicht am fehlenden Interesse der Bevölkerung an der Eisenbahn, wie Leray betont. Und er ergänzt: «Die Amerikaner nehmen den Zug, wenn man ihnen ein gutes System anbietet.»
«Nehmen Sie die Verbindung Boston-New York-Washington», erläutert der Bahn-Manager. «Diese drei Bahnhöfe befinden sich in der Innenstadt. Man muss reservieren, weil die Züge voll sind!»