Für Dario sind Kreuzfahrten sein Leben, ein Teil seiner Identität. Dass er seine Freundin Selina vor eineinhalb Jahren auf einer Kreuzfahrt in den Bahamas kennengelernt hat, bezeichnet er als grösstes Glück in seinem Leben: «Jemanden in meinem Alter zu finden, der Kreuzfahrten geil findet, ist nicht selbstverständlich.»
Dario ist Reiseberater, Selina arbeitet ebenfalls in der Branche. Kreuzfahrten sind für die beiden 26-Jährigen Ferien und Beruf zugleich. Reedereien laden sie ein: alles inklusive – dafür werden die Smartphones gezückt und Videos auf Instagram gepostet.
All-inclusive-Kreuzfahrt für Content
Das Paar nimmt an einer Reise von Rom nach Barcelona teil. Für Dario ist dies die 71. Kreuzfahrt in seinem Leben – mit gerade einmal 26 Jahren. Dort sind die beiden als Content Creator gebucht und auch die allerersten Gäste auf dem Schiff – sie sind Teil einer sogenannten Jungfernfahrt. Die Abmachung mit der Reederei lautet: Sie bekommen ein All-inclusive-Paket und posten dafür Content. Zusätzliches Honorar gibt es keines.
Als Werbemittel versteht sich Dario jedoch nicht: Er geht analytisch durchs Schiff. Er ist fasziniert von der Technik und der Ausstattung an Bord, von der «schwimmenden Stadt auf dem Meer», wie er Kreuzfahrtschiffe nennt. Die Kabinen sind geräumig und an gewissen Stellen kleben sogar noch Abdeckungen. Alles riecht noch wie neu.
Dario erfreut sich an kleinen Details wie den Polsterbezügen der Sessel auf dem Deck, doch er lässt sich auch anmerken, wenn ihn Dinge irritieren. Zum Beispiel, dass der Kaffee am Morgen nicht im All-inclusive-Paket inbegriffen ist und zusätzlich bezahlt werden muss: «Das ist etwas, was mich als Halbitaliener natürlich stört.»
Gen Z vs. Rentner
Auf dem Schiff sind vor allem ältere Leute unterwegs. Viele amerikanische Paare, die die gesamte Reise von Rom nach Miami gebucht haben. Auch Selina fällt auf, dass das Publikum auf diesem Schiff eher älter ist. Das störe sie aber nicht: «Wir verstehen uns sowieso besser mit älteren Leuten. Wir beide sind alte Seelen.»
«Rentnerhobby würde ich es nicht nennen», sagt Dario mit einem Lächeln. Klar höre er auch immer wieder das Klischee, ob er auf ein Seniorenschiff gehe. Doch man komme auch mit jüngeren Menschen in Kontakt.
Voll im Moment und stets am Handy
Als das Schiff den Hafen Richtung Barcelona verlässt, stossen Dario und Selina an. Das sei purer Luxus für sie, wenn sie voll und ganz im Moment sein können. Doch als Content Creator zücken sie ständig ihre Smartphones. Alles wird gefilmt, dokumentiert und später auf Social Media gepostet.
Für mich ist das Selfcare.
Beim Auspacken präsentiert Selina ihre Abendoutfits. Sie geniesst es, sich schön anzuziehen. Etwas, das sie in der Schweiz manchmal vermisse. «Für mich ist das eine Art Selfcare.» Sie möge es, auf dem Schiff ihre hohen Schuhe anziehen zu können, und wenn die Füsse schmerzen oder es kalt wird, einfach in die Kabine zurückzukehren. Ganz ohne Taxi und ohne den Stress eines Städtetrips.
Nachhaltigkeit trifft auf Kreuzfahrten
Dario und Selina diskutieren gerne und widersprechen sich auch mal. Beim Thema Nachhaltigkeit und Kreuzfahrtkritik sind sich die beiden aber einig: «Natürlich tragen wir Verantwortung, schonend mit unserem Planeten umzugehen», erklärt Dario.
Selina ergänzt: «Wenn wir das Thema Umweltschutz genau nehmen würden, würde niemand mehr reisen oder Auto fahren.» Dario stimmt zu, dann dürfe man nichts mehr machen. Er zieht den Vergleich mit Frachtschiffen: «Vergleicht man die Schiffe untereinander, machen Kreuzfahrten weniger als ein Prozent der gesamten Schifffahrt aus.» Insgesamt sehe das Paar die Problematik, wolle aber auch nicht auf Kreuzfahrten verzichten.
Die Lebensader eines Kreuzfahrtschiffs: die Crew
Das Paar schätzt vor allem auch die Begegnungen an Bord mit der Crew. Cristy, die Kellnerin im Restaurant, kommt aus den Philippinen, wie viele der Crewmitglieder. Im Gespräch mit Dario erzählt sie, dass sie seit 22 Jahren auf Kreuzfahrtschiffen arbeite und eine Tochter zu Hause habe. Sie arbeite mehrere Monate am Stück auf dem Schiff und komme dann für zwei Monate nach Hause. Das berührt Selina. «Die meisten Crewmitglieder arbeiten sechs bis elf Monate am Stück auf dem Schiff, sieben Tage die Woche», erklärt Dario.
Das bestätigt auch eine Barkeeperin, die in einem Luxusbereich des Schiffs arbeitet. Dieser ist exklusiv und nicht für alle Gäste zugänglich. Sie arbeite sieben Tage die Woche, neun Monate lang. «Ich arbeite vor allem wegen des Geldes hier. Ich verdiene viel mehr als zu Hause in Kolumbien und kann mir so mehrere Wohnungen dort kaufen.» Dario habe grossen Respekt vor dieser Arbeit. Er wisse, was die Crewmitglieder leisten: «Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Leute durch diesen Job eine Perspektive bekommen.»
Am Hafen von Barcelona ist die Reise vorbei. Von den beiden Städten haben sie kaum etwas gesehen. Normale Reisende haben die Möglichkeit, Stadtbesichtigungen zu buchen.
Dario und Selina kamen, um die schwimmende Stadt zu erleben, die für sie Arbeit und Ferien zugleich bedeutet. Und: Kreuzfahrt Nummer 72 steht bereits in den Startlöchern.