Influencer wie Andrew Tate erreichen mit Tipps für männliche Dominanz und frauenfeindlichen Botschaften Millionen junger Männer. Was Eltern und Bezugspersonen gegen Online-Radikalisierung tun können.
1. Anziehung nicht verstärken
Wenn Eltern Influencer wie Andrew Tate kritisieren, kann dies bei Jugendlichen die Faszination steigern. Das sagt Philippe Wampfler, Lehrer und Dozent für digitale Bildung: «Solche Influencer erzeugen bewusst Abgrenzung, auch gegenüber den Eltern.» Die Aussagen zu verurteilen oder faktisch zu widerlegen, funktioniere selten. Auch rät Wampfler davon ab, Inhalte der Manosphere zu verbieten. «Der Zugang lässt sich kaum verhindern – und es sollte für Jugendliche nicht das Gefühl entstehen, sie müssten etwas verstecken.»
2. Ansetzen, wo Jugendliche Orientierung suchen
Vielversprechender sei es, echtes Interesse zu zeigen und bei Fragen anzusetzen, die Jugendliche umtreiben: etwa zu Freundschaften oder der beruflichen Zukunft. «Wenn sich Jugendliche unterstützt fühlen, sind sie für Manosphere-Inhalte weniger empfänglich», sagt Wampfler.
Das zeige auch die Forschung, bestätigt die Soziologin Lea Stahel: Das beste Mittel gegen Online-Radikalisierung sei eine hohe Beziehungsqualität zu Bezugspersonen. Wertvoll sei, wenn auch stigmatisierte Themen wie psychische Probleme oder Einsamkeit offen besprochen werden könnten.
3. Das Geschäftsmodell aufzeigen
Stahel hebt zudem die Bedeutung von Medienkompetenz hervor: «Wer digitale Manipulation erkennt, ist für die Manosphere weniger anfällig.» Philippe Wampfler empfiehlt, über das Geschäftsmodell der Influencer zu sprechen: «Den jungen Empfängern sollte bewusst sein, dass viele Inhalte nicht auf ihr Wohlbefinden ausgerichtet sind, sondern darauf, ihnen etwas zu verkaufen.» Mitgliedschaften oder Coachings würden oft mit unrealistischen Erfolgsversprechen beworben.
Die Manosphere ist die falsche Antwort auf eine wichtige Frage.
Wie Andrew Tate mit der Online-Plattform «The Real World» Millionen verdient, thematisiert die zweite Episode des SRF-Podcasts «Alpha Boys».
4. Rollenbilder thematisieren
Männlichkeit wird in der Manosphere als natürlich überlegen dargestellt. Der Psychologe Markus Theunert sagt: «Die Manosphere ist die falsche Antwort auf eine wichtige Frage. Auf die Frage nämlich, was Mannsein heute heisst.» Auch in der Schweiz klaffen Männerbilder weit auseinander, zeigt eine Studie des Forschungsinstituts Sotomo: Männer sollen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung belastbar und durchsetzungsstark sein, privat geschätzt werden aber Fürsorge und Selbstreflexion. Theunert rät Eltern, mit jungen Männern über diese widersprüchlichen Anforderungen zu sprechen, Rollenbilder, Werte und Vorbilder zu thematisieren und offen mit eigenen Unsicherheiten umzugehen.
5. Offlinezeit ermöglichen
Bereits nach wenigen Minuten sehen Schweizer Jugendliche auf Tiktok Manosphere-Videos, zeigt das Experiment von SRF Data.
Das, was den extremsten Ausprägungen in der Manosphere wie den Incels besonders fehlt, sind Real-Life-Beziehungen.
Philippe Wampfler empfiehlt Eltern, gezielt Offline-Erlebnisse zu ermöglichen: ob im Familienumfeld oder mit Freundinnen und Freunden. Auch Psychologe Markus Theunert hebt die Bedeutung von Offlinezeit hervor: «Das, was den extremsten Ausprägungen in der Manosphere wie den Incels besonders fehlt, sind Real-Life-Beziehungen.» Analoge Begegnungen liessen sich nicht digital ersetzen, sagt Markus Theunert: Und gerade weil Eltern den Online-Raum kaum regulieren könnten, sollten sie versuchen, den Zugang zur Offline-Welt so einladend wie möglich zu machen.