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Epstein-Enthüllungen «Epsteins Elitenetzwerk ist in mancher Hinsicht eine Ausnahme»

Mit der Veröffentlichung der Epstein-Akten ist ein Netzwerk von sogenannten Eliten aufgedeckt worden: Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, aber auch Kultur, Adel oder Wissenschaft. In den vergangenen Tagen wurde viel über das Netzwerk des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein berichtet. Im Zentrum steht vor allem der Missbrauch junger oder minderjähriger Frauen und Kindern durch einflussreiche Männer. Wie in solchen Netzwerken Reiche und Einflussreiche auch andere Geschäfte einfädeln und Informationen austauschen, erklärt der Soziologe Michael Hartmann.

Michael Hartmann

Soziologe

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Michael Hartmann ist ein deutscher Soziologe. Er war bis 2014 Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Elitesoziologie, Industrie- und Betriebssoziologie sowie Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt.

SRF News: Was ist Ihnen bei den Epstein-Enthüllungen aufgefallen?

Michael Hartmann: Die mediale Berichterstattung konzentriert sich weitgehend auf den sexuellen Missbrauch, während das Netzwerk von Epstein seinen Ursprung eigentlich im Finanzbereich gehabt hat. In diesem Sektor hat er zuerst sein Netzwerk über mindestens zwei Jahrzehnte aufgebaut. Erst dann ist der Missbrauch dazugekommen.

Es geht um Geld und Macht. Wie funktionieren solche Elitenetzwerke?

In der Regel funktionieren solche Netzwerke institutionenbasiert und nicht über eine Person wie bei Epstein – das ist eine Ausnahme. Normalerweise sind es Institutionen, in den meisten grossen Industrieländern sind es Elitehochschulen, die für eine Kontinuität sorgen. In der Schweiz wäre die ETH Zürich mit ihrem Sonderstatus innerhalb der Universitätslandschaft am ehesten vergleichbar. Absolventen dieser Einrichtungen haben ein starkes Zusammen­gehörigkeits­gefühl und darüber lassen sich Netzwerke aufbauen.

Solche Netzwerke ergeben nur dann einen Sinn für die Beteiligten, wenn man dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit wesentliche Dinge besprechen kann.

Manche wollen in den Epstein-Enthüllungen den Beleg für eine Verschwörungstheorie sehen, dass eine globale Elite die Geschicke der Welt lenke. Sie stellen sich aber gegen diese Interpretation.

Ja, das ist in doppelter Hinsicht ein Unsinn. Erstens geht es bei diesem Netzwerk mit dem sexuellen Missbrauch um etwas, was es weltweit in der Geschichte immer wieder gegeben hat. Zweitens gibt es kein globales Netzwerk. Die Personen, die in diesem Netzwerk drinstecken, waren im Wesentlichen US-Amerikaner und Briten. 

Abgesehen von Ausnahmen finden Sie praktisch keine Deutschen, Franzosen, Italiener oder Spanier.

In den USA und Grossbritannien war Epstein beruflich tätig. Dort hat er sein Kontaktnetz aufgebaut. Später kam Norwegen dazu. Epstein hat über seine britischen Kontakte auch sehr gute Kontakte in den Nahen Osten bekommen. Darüber hinaus geht das Netzwerk aber nicht. Abgesehen von Ausnahmen finden Sie praktisch keine Deutschen, Franzosen, Italiener oder Spanier. Für die Schweiz beschränkte sich der Kontakt auf Bankerin Ariane de Rothschild, die ihn um Rat gefragt hat, was den Verkauf der Rothschild-Bank in der Schweiz angeht.

Elitenetzwerke gibt es schon lange – aber sie verändern sich

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Das Epstein-Netzwerk ist gemäss dem Soziologen Michael Hartmann in mancher Hinsicht eine Ausnahme. Insbesondere dadurch, dass es an die Öffentlichkeit gekommen ist. Das passiere bei vielen Netzwerken nicht. 

«Netzwerke der grossen Eliteinstitutionen im Bildungsbereich funktionieren seit Jahrzehnten ähnlich - mit einer Ausnahme, dass es inzwischen auch Frauen in diesen Netzwerken gibt.»

Bei Ländern, die keine Elite-Bildungsinstitutionen haben, beispielsweise Deutschland, beobachtet Hartmann, dass die Eliten der verschiedenen Sektoren wie Wirtschaft, Politik, Justiz, Verwaltung und Medien früher sehr strikt getrennt waren. Heute rückten sie näher zusammen und es gebe mehr Querverbindungen. «Wir haben in der jetzigen Bundesregierung nicht nur einen Multimillionär mit intensiver beruflicher Erfahrung in der Finanzwirtschaft als Bundeskanzler. Es wurden auch zwei Spitzenmanager aus der Wirtschaft unmittelbar in das Kabinett berufen. Das hat es vorher in 75 Jahren exakt zweimal gegeben», sagt Hartmann.

In welchen Situationen beginnen solche Elitenetzwerke, die Demokratie zu gefährden?

Sie beginnen im Grunde von Anfang an, die Demokratie zu gefährden, weil die Netzwerke nur dann einen Sinn machen für die Beteiligten, wenn man dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit wesentliche Dinge besprechen und zum Teil auch vorentscheiden kann. Aber Demokratie lebt meines Erachtens von Öffentlichkeit, weil nur Öffentlichkeit halbwegs garantiert, dass die betroffenen Bürger an diesem Entscheidungsprozess zumindest ein Stück weit beteiligt werden. Je geschlossener Elitennetzwerke sind, umso grösser ist die Gefahr, dass wesentliche Entscheidungen vorab so weit schon getroffen wurden, dass sie im Grunde ohne jegliche Beteiligung der Öffentlichkeit oder der Bürger letztendlich auch exekutiert werden.

Das Gespräch führte Matthias Kündig.

Echo der Zeit, 14.2.2026, 18:00 Uhr ; 

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