Ticket zeigen, Tasche öffnen, sich abtasten lassen: So das klassische Einlassprozedere bei Festivals. Beim 808-Festival, einer Rap-Veranstaltung in Oerlikon, kommt noch ein weiterer Schritt hinzu. Die Besucherinnen und Besucher werden angewiesen, ihr Handy hervorzuholen, woraufhin die Kamera mit einem Sticker abgedeckt wird. Mitfilmen ist an diesem Abend verboten.
«Wir möchten, dass Künstler und Publikum den Moment gemeinsam erleben, ohne den ständigen Griff zum Handy», begründet Co-Festivalgründer Sidney Capiaghi diese Regel. Sie seien die ersten Organisatoren eines Hip-Hop-Festivals in der Schweiz, die so etwas ausprobieren.
Konzertvideos für die Schublade
«Die wenigsten Konzertvideos schaue ich je wieder an», sagt Besucher Alex Mayer aus Heilbronn DE: «Darum ist es eigentlich Quatsch, diese Videos zu machen. Und es gibt ja auch immer Kameraleute, die filmen.» Die Regel stösst bei den Rap-Fans auf viel Verständnis.
Auch Daniel Ribeiro aus Kappelen BE, der Events jeweils gerne mit zwei bis drei Bildern festhält, gibt zu, dass ihm die Videos, die er an diesem Abend nicht machen kann, nicht fehlen werden.
Künstler rappen ins Handymeer
Ein Headliner des Festivals ist der deutsche Rapper Kool Savas. Seit den 90ern ist er in der Hip-Hop-Szene unterwegs und hat somit auch die Zeit ohne Handys noch miterlebt. Er wünsche sich als Künstler, dass die Fans den Moment bewusst geniessen, hat aber auch Verständnis dafür, wenn sie eine Erinnerung ans Konzert haben wollen, erzählt er. Aber: «Viele Momente der Show bekommt man gar nicht mit, wenn man auf einen kleinen Bildschirm schaut und den Rest ausblendet», sagt er.
Der Zürcher Rapper Mc Hero möge es nicht, wenn er auf der Bühne steht und in eine Wand voller Handys schaut. Er wolle den Leuten in die Augen schauen: «Viele Künstler macht es nervös, wenn die Leute filmen. Dann wissen sie, wenn sie einen Fehler machen, ist das auf hunderten Handys festgehalten.» Ausserdem würden sich auch viele Fans im Publikum zurückhalten, da sie Angst hätten, dass sie beim Mitrappen gefilmt werden. Das sei mit einem Handykamera-Verbot kein Problem mehr.
Durchwegs positives Fazit
Obwohl der Sticker auf der Handykamera sehr leicht zu entfernen ist, halten sich die meisten Besucherinnen und Besucher an die Regel. «Der Vibe war geil, alle waren im Moment», erzählt Jeremy Amsler aus Unterentfelden AG.
Florian Kuci aus dem St.Galler Rheintal hat für sich gemerkt, dass das Konzerterlebnis viel eindrücklicher ist, wenn er das Handy in der Tasche lässt und will das in Zukunft auch mehr machen. Er habe immer viele Videos von Auftritten gemacht, die er sich dann nie wieder angeschaut habe.
«Es ist schon eine Erinnerung, die man hat und anderen Leuten zeigen kann», findet Ione Wernli aus Dietikon und wird bei künftigen Konzerten wohl trotzdem ab und zu das Handy zücken. Man solle aber trotzdem die Musik geniessen und nicht immer auf den Bildschirm starren.
Momente statt Mitschnitte
Security-Personal verwarnt Personen, die gegen die Regel verstossen, auf entspannte Art und Weise. Wer also mal zwischendurch kurz ein Video machen will, könne das auch problemlos tun, sagt Co-Gründer Giordano Barone.
Es geht bei der Regel nicht darum, ein Verbot streng durchzusetzen. Die Abwesenheit der Handykameras soll den Besucherinnen und Besuchern wieder in Erinnerung rufen, dass der Moment selbst eben wichtiger ist als der Mitschnitt.