Model und Unternehmerin Manuela Frey begann ihre internationale Karriere mit 15 Jahren. Heute sagt sie, sie sei für ihre Talente nicht nur Managerin, sondern manchmal auch «Mami, Papi, Psychologe». Ein Gespräch über eine gnadenlose Branche und Verantwortung gegenüber jungen Menschen.
SRF News: Sie waren kürzlich zum Casting in New York. Was haben Sie dort erlebt?
Manuela Frey: Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich heute keine Chance mehr habe. Erstens bin ich zu alt – ich werde bald 30. Zweitens: zu dick. Das ist einfach so, ich will es nicht beschönigen.
Als Sie vor 15 Jahren mit dem Modeln angefangen haben, war der Druck in der Branche, dünn zu sein, sehr gross. Hatten Ihre Eltern Angst um Sie?
Es hat ihnen sehr Angst gemacht. Damals habe ich innerhalb von zwei Monaten zehn Kilogramm abgenommen. Mein Vater hatte grosse Angst, dass ich in eine Essstörung rutschen könnte. Er hat mir jahrelang jeden Sonntag kleine Stücke Zopf mit Nutella geschmiert, das war unsere Tradition. Und plötzlich wollte ich das nicht mehr essen. Er hat mich regelrecht gebeten: «Bitte, Manuela, iss das jetzt. Ich will nicht, dass du in eine Magersucht hineinrutschst.» Einmal hat er sogar fast meine Waage zum Fenster rausgeschmissen (lacht). Aber ich habe es mit dem Gewicht nie übertrieben.
Es geht auf dem Runway wieder zurück Richtung «heroin look»
Die Branche ist für junge Mädchen sehr hart. Was gab Ihnen damals Sicherheit?
Ich hatte guten Support, dadurch dass ich den «Elite Model Look»-Contest gewonnen habe. Das haben andere nicht. Und geraten dann an zwielichtige Personen. Dazu kommt, dass ich jeden Tag mit meinen Eltern videotelefoniert habe. Der Rekord mit meiner Mutter ist achteinhalb Stunden. Ich habe sie sehr vermisst, gleichzeitig habe ich meinen Traum gelebt.
Heute sieht man, auch in den sozialen Medien, erneut ein sehr schlankes Schönheitsideal. Wie schätzen Sie das ein?
Es war toll, als man in den letzten fünf Jahren auf den Laufstegen Diversität gesehen hat, Plus Size, People of Color. Während Jobs in der Werbung heute auch mit einem gesünderen Körper gut funktionieren, geht es auf dem Runway jetzt wieder zurück Richtung «heroin look», also extrem dünne Models, wie man das von Kate Moss kannte.
Mit welchem Gefühl schauen Sie heute auf ganz junge Models?
Ich sass wirklich wie ein Mami dort in New York. Ein Mädchen hat den Weg zum nächsten Casting nicht gefunden, da habe ich ihr geholfen. Ich wollte, dass es ihnen gut geht. Ich war selbst mit 16 allein in New York, bin von Casting zu Casting gelaufen, aber ich habe mich damals schon immer älter gefühlt. Man wird in dieser Branche ins kalte Wasser geworfen und wird schnell erwachsen.
Man kann nicht immer die Beste sein
Heute wirken Sie sehr positiv. Wie gehen Sie mit Misserfolg um?
Ich musste sehr früh lernen, mit Absagen zu leben und habe auch an mir gezweifelt. Mein grösster Traum war es, einmal für Victoria’s Secret zu laufen. Ich wurde zum Casting eingeladen, kam sogar ins Recall und bin dann rausgeflogen. Ich war 18, nervös, noch zu «mädchenhaft». Das hat mein Ego getroffen. Aber ich habe begriffen: Wichtig ist, weiterzumachen. Man kann nicht immer die Beste sein.
Ich will nicht, dass jemand Angst vor mir hat
Sie haben später eine eigene Agentur gegründet. Welche Fehler von Agenturen sind Ihnen in Ihrer Karriere aufgefallen?
Wenig Information, viel Druck. Du musst dir alles selbst erarbeiten. Manchmal hatte ich sogar Angst vor den Bookern. Ich will niemals, dass ein Talent Angst vor mir hat. Ich habe 15 Jahre Erfahrung im Fashion‑ und Entertainmentbereich. Es wäre falsch, das nicht zu nutzen, vor allem, um jungen Talenten einen sichereren Weg zu ermöglichen.
Das Gespräch führte Stefan Büsser.