Der Wal wird palliativ begleitet, befeuchtet, überwacht und geschützt, aber nicht mehr aktiv behandelt oder gerettet.
Manchmal sprechen Politiker Dinge aus, die niemand hören will. So auch der norddeutsche Umweltminister. Seine Botschaft, vorgetragen mit der Nüchternheit eines Chefchirurgen: Dem Patienten ist nicht mehr zu helfen.
Gestrandet, gefeiert, gestorben
Der Dichter Rainer Maria-Rilke hätte es vielleicht erträglicher verpackt, mit einem Abgesang auf den sterbenden Wal:
Das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich und vor sich Gott. Und wenn es geht, so gehts in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.
Am Ausgang der Geschichte änderte auch die Rettung in dänische Gewässer nichts: Am 16. Mai starb der Meeressäuger, den der Boulevard auf den Namen «Timmy» getauft hat. Wochen, nachdem er zum ersten Mal am Timmendorfer Strand gesichtet wurde. Social Media trägt schwarz.
Die Welt weint um einen Wal. Aber warum eigentlich? Der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer fände tröstende Worte:
Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.
Und sehnen wir uns vielleicht nach einer Feelgood-Story in einer Welt der Kriege, Krisen und Katastrophen? Auch das wäre eine menschliche Reaktion – die über Ostern religiöse Züge annahm. Die Auferstehung blieb aus.
«Ich finde es tragisch und traurig, was da passiert», sagte eine Gymnasiastin ins SRF-Mikrofon, noch am Anfang der Rettungsversuche. «Gleichzeitig hat es mich sehr berührt, dass Menschen versuchten, dem Wal zu helfen.»
Der Philosoph Alexander Grau kommt im «Cicero» zu einem anderen Schluss: «Der Hype ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir jeden natürlichen Umgang mit der Natur verlernt haben – wie Menschen, die in Flip-Flops Berge besteigen oder sich an dem Affenbaby ‹Punch› ergötzen wie einst an ‹Knut›, dem Eisbären.»
Millionen Menschen haben mit Timmy gehofft und gelitten, sei es in Sichtweite an den Buchten, an denen der Buckelwal gestrandet ist. Oder an ihren Smartphones, wo Timmy die Reels und News-Spalten dominierte.
Und manchmal auch zum Meme wurde – wie bei der Satirezeitschrift Titanic, die Timmys Leiden mit der grossen Politik verknüpfte, wo der Mensch dem Menschen ein Wolf ist.
In der Ostseebucht fährt der Schiffbagger vor, um den Wal freizuschaufeln. In der Strasse von Hormus rollt die Kriegsmaschinerie an, um…wozu eigentlich?
Wenn wir doch wenigstens Timmy hätten retten können…
Todeskampf im Liveticker
Wie der Wal auf uns blickte, werden wir nie erfahren. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hätte eine erschütternde Antwort:
Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat.
Niemand weiss, warum der Wal immer wieder auf Sandbänken im flachen Wasser gestrandet ist – seine letzte Ruhestätte fand der schliesslich vor der Küste Dänemarks. Hat er die Orientierung verloren, wollte er sich ausruhen, oder in Ruhe sterben? Auch Experten waren sich uneins, genauso wie bei der Frage nach dem Sinn der Rettungsversuche.
Die Schweizer Walforscherin Ursula Tscherter blieb gegenüber SRF skeptisch: «Das Tier hat wenig Überlebenschancen. Ich setze Fragezeichen hinter die Maschinerie, mit der man dort eingefahren ist – auch mit so vielen Leuten um den Wal herum. Das war nur zusätzlicher Stress.»
Auch der Tierphilosoph Nico Müller meldete Zweifel an: «Aus ethischer Sicht kann man sich fragen, wo die Grenze zwischen Ausschlachtung und Berichterstattung für kurzfristigen Unterhaltungswert verläuft.»
Und doch macht der sterbende Wal etwas sichtbar: das stille Leiden in den Ozeanen – auch das menschgemachte. «Jedes Jahr sterben 300'000 Delfine und Wale in Geisternetzen», sagt die Walforscherin. Dieses Leiden finde – im Gegensatz zu Timmys – im Verborgenen statt.
«Wir sollten seine Geschichte zur Aufklärung nutzen, statt ein Tier um jeden Preis retten zu wollen», schliesst Ursula Tscherter. Es wäre ein versöhnliches Ende einer Geschichte, die anders erdacht war.