Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Wal-Drama an der Ostsee Warum bewegt uns dieses Tierschicksal?

In Deutschland ist ein Wal in Not – und das Interesse ist riesig. Warum dieses Tier so starke Gefühle auslöst.

Kurz sah es so aus, als nehme das Drama um den Buckelwal in der Ostsee ein gutes Ende. Doch inzwischen steckt der Wal wieder fest. Laut den Expertinnen vor Ort sind seine Überlebenschancen deutlich gesunken.

Der Buckelwal vom Timmendorfer Strand

Box aufklappen Box zuklappen

Der Buckelwal wurde zum ersten Mal anfangs März in der deutschen Ostsee gesichtet. Dabei bietet das Gewässer kaum geeignete Lebensbedingungen: Wenig Nahrung, niedriger Salzgehalt und dichter Schiffsverkehr erschweren das Überleben.

Seit mehr als einer Woche sitzt das Tier wiederholt fest: Zunächst auf einer Sandbank am Timmendorfer Strand, von der sich das Tier am vergangenen Freitag befreien konnte. Seit Sonntag liegt das Tier in der Wismarer Bucht. Laut den Behörden und Tierschutzorganisationen vor Ort macht der Wal aktuell einen sehr schlechten Eindruck.

So hat sich auch die Stimmung in den Medien verdüstert. «Experte spricht über Sterbehilfe», titelt die «Bild»-Zeitung am Montagmittag. Der Buckelwal steht längst im Zentrum eines aussergewöhnlichen Medienspektakels. Seit letzter Woche erzählen Zeitungsreporterinnen, Youtuber und Fernsehteams vom gestrandeten Wal an der Ostsee – bis in die «New York Times» hat es das geschundene Tier geschafft.

Starke Gefühle

Das Tierschicksal an der deutschen Küste bewegt offenkundig. Aber warum eigentlich? Das hat zunächst mit der Sichtbarkeit dieses Falls zu tun, erklärt Nico Müller. Er ist Philosoph und forscht an der Universität Basel zur Beziehung von Mensch und Tier. Ausserdem ist er Präsident der Tierschutzorganisation Animal Rights Switzerland.

Walrücken schaut aus dem Wasser heraus. Auf dem Wal sitzt eine Möwe.
Legende: «Sein Rufen ist ein furchtbares Heulen.» So hat ein Reporter der «Bild»-Zeitung seine Eindrücke vor Ort geschildert. Laut einer Tierärztin vor Ort geht es dem Wal momentan tatsächlich schlecht. Seit Sonntag gibt er kaum noch Lebenszeichen von sich. Keystone / Philip Dulian

Im Gegensatz zu einem gestrandeten Buckelwal ist das Leid anderer Tiere alltäglicher. Perfiderweise erfahre solches Tierleid aber kaum Aufmerksamkeit, wenn es jeden Tag geschehe. «Wenn Tausende Hühner in einer Halle versteckt sind, sieht sie niemand.»

Der Wal und die Medien

Dass der Buckelwal ein solches Medienecho erzeugt, hat nicht allein mit Mitgefühl zu tun. «Es scheinen Geschichten zu sein, die sich in unserem medialen Ökosystem gut durchsetzen können», so Nico Müller.

Walrücken schaut aus dem Wasser, davor und dahinter sieht man zwei Schlauchboote mit Menschen darauf
Legende: Boote von Greenpeace fahren am Sonntag in die Nähe des – erneut – gestrandeten Wals. Das Tier liegt aktuell vor dem Ort Wismar. Keystone / Daniel Bockwoldt

Dafür brauchten sie bestimmte Eigenschaften: klare Protagonistinnen, eine eindeutige Rollenverteilung, eine starke Bildsprache. Im Zentrum dieser Geschichte steht der Wal, darum herum die vielen Heldinnen und Helden, die dem Wal zu helfen versuchen. So ist es nicht das erste Mal, dass ein gestrandeter Wal auf grosses Interesse stösst. 2022 strandeten etwa in der Bretagne innerhalb weniger Wochen gleich drei Wale. Zwei von ihnen starben, einer schaffte es mithilfe der Tierschützer wieder zurück in den Ozean.

Ein charismatisches Wildtier

Die «Bild»-Zeitung hat dem Buckelwal vom Timmendorfer Strand inzwischen einen Namen verpasst: «Timmy» – eine Anspielung auf den Timmendorfer Strand bei Lübeck, wo der Wal zum ersten Mal gestrandet ist.

Dass dieses Tier nun einen Namen trägt, passt zur Analyse von Nico Müller. Der Philosoph bezeichnet den Wal als ein «grosses charismatisches Wildtier».

Ist diese Rettungsaktion tierethisch gerechtfertigt?

Box aufklappen Box zuklappen

Die Tierärztinnen und Aktivisten vor Ort haben seit letzter Woche unter grossem Einsatz versucht, den Wal aus dem Sand zu befreien. Am Timmendorfer Strand kam sogar ein schwimmender Bagger zum Einsatz. Ist dieser hohe Aufwand gerechtfertigt?

«Ich würde hier nicht zu schnell eine Verteilungsfrage heraufbeschwören, die sich so nicht stellt», sagt Müller. Es sei ja nicht so, dass die Rettungsteams im gleichen Zeitraum andere Tiere gerettet hätten, wenn sie nicht an der Ostseeküste im Einsatz gewesen wären.

Müller plädiert dafür, die Situation als tiermedizinischen Notfall zu betrachten. «In solchen Fällen sagt man aus ethischer Sicht in der Regel, dass die Behandlung so lange sinnvoll und angezeigt ist, wie es noch eine realistische Chance auf Besserung gibt. Das heisst aber auch: Es gibt einen Punkt, an dem man die Behandlung besser beendet und sozusagen aufgibt.» Aktuell finden keine weiteren Rettungsversuche statt.

Unser kultureller Blick auf Tiere falle je nach Art sehr unterschiedlich aus, erklärt Müller weiter. Wale würden im Verhältnis zu anderen Tieren eher als intelligent und warm wahrgenommen. «Das hat wenig mit den Eigenschaften dieser Tiere an sich zu tun. Schlangen, Vögel und Fische sehen wir eher als kalt und abweisend, Wale hingegen als liebevoll, sanft und freundlich.»

Und so erzählt das Drama über den Wal an der Ostsee auch etwas über uns: Mit welchen Lebewesen wir mitfühlen und mit welchen nicht. Der Philosoph Nico Müller plädiert dafür, auch den tierischen Aussenseitern mehr Empathie entgegenzubringen. Das dürfte jedoch in vielen Fällen mit Interessenskonflikten verbunden sein. «Vom Leiden des Wals profitiert niemand – und niemand muss es sich schönreden.» Ein Huhn in der Massentierhaltung habe da mehr Pech.

Podcast «News Plus»

Box aufklappen Box zuklappen
«News Plus»-Logo

In einer Viertelstunde die Welt besser verstehen – ein Thema, neue Perspektiven und Antworten auf Ihre Fragen. Alle Folgen des «News Plus»-Podcasts finden Sie hier.

SRF 4 News, 30.03.2026, 16:25 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel