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Verschwindender Spielraum «Wir vollziehen unser Leben, anstatt es zu leben»

In seinem neuen Buch «Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums» beschreibt der deutsche Soziologe Hartmut Rosa, warum wir zunehmend die Fähigkeit verlieren, unser Leben selbst zu gestalten. Ein Gespräch über machtlose Angestellte, die Tücken von Lego-Bausätzen und den Aufstieg von Donald Trump.

Hartmut Rosa

Soziologe

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Hartmut Rosa ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ist Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt und Mitherausgeber der Fachzeitschrift «Time & Society». Sein aktuelles Buch heisst: «Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums»

Foto: Jürgen Scheere

SRF: Sie sagen, wir vollziehen unser Leben nur noch, statt es zu leben. Was meinen Sie damit?

Hartmut Rosa: Der Unterschied zeigt sich schon beim morgendlichen Kaffee. Wenn Sie Filterkaffee machen, ist das ein Handeln, das von der Situation abhängt: Sind Sie müde, nehmen Sie mehr Pulver. Hat der Arzt Sie entsprechend ermahnt, nehmen Sie weniger. Sie handeln mit Augenmass. Wenn Sie stattdessen eine Kapsel in die Maschine schieben, ist das ein Vollziehen. Das Ergebnis ist immer gleich, völlig immun gegenüber Ihrer Befindlichkeit oder Ihrem Gesundheitszustand.

Viele Menschen können nicht mehr handeln, wie es der Situation angemessen wäre, weil Technik oder Bürokratie sie daran hindern.

Und diesen Wandel vom Handeln zum Vollziehen sehen Sie schon in der Kindheit?

Ja, schauen Sie sich Lego an. Früher bekamen Kinder eine Kiste mit Steinen und bauten, was ihnen in den Sinn kam – ein Ausdruck ihrer selbst. Das war Handeln. Heute bekommen sie Bausätze für die Titanic oder ein Formel-1-Auto. Sie folgen einer Anleitung und werden zu Vollziehenden. Das Modell sieht am Ende perfekt aus, aber es steht tot im Regal und sagt nichts mehr über das Kind aus.

Bunte Lego-Bausteine verstreut.
Legende: Einfach mal anfangen, ohne Anleitung, und schauen, was passiert: Der Soziologe Hartmut Rosa findet das besser, als streng nach Anleitung vorzugehen. KEYSTONE/AP/THOMAS BORBERG

Wie setzt sich das in der Berufswelt fort?

Überall dort, wo Menschen einem sagen «Ich sehe Ihr Problem, aber ich kann nicht anders, das System gibt es so vor». Ich wollte ein Skiabonnement umbuchen, da ich es für den falschen Tag gekauft hatte. Die Frau am Schalter konnte das Datum nicht ändern, das System liess es nicht zu. Ihr Job wurde zu einem Bullshit-Job, ohne Handlungsspielraum. Viele Menschen fühlen sich heute so: Sie können nicht mehr handeln, wie es der Situation angemessen wäre, weil Technik oder Bürokratie sie daran hindern. Das führt zu einem Gefühl der Ohnmacht.

Aber diese Standardisierung führt auch zu mehr Gerechtigkeit?

Das ist der «gute» Grund, warum wir das tun: Gleichbehandlung. Das nenne ich «konstellative Gerechtigkeit». Aber es gibt auch eine situative Gerechtigkeit oder Angemessenheit. Wenn eine Studentin eine Minute zu spät kommt und die Bibliothek ein dringend benötigtes Buch nicht mehr herausgeben kann, weil das System um Punkt 12.00 Uhr schliesst, dann hat das mit Gerechtigkeit nicht mehr viel zu tun. Wir müssen diese beiden Formen von Gerechtigkeit gegeneinander abwägen können.

Was Trump macht, ist nicht das kluge Ausnutzen von Spielräumen, sondern das Zerstören von Situationen.

Sie sehen einen Zusammenhang zwischen diesem Gefühl der Ohnmacht und dem Aufstieg von Populisten wie Donald Trump.

Ja, die gefühlte Ohnmacht in diesen starren Zusammenhängen führt zum Wunsch, Menschen zu wählen, die radikales Handeln versprechen. Trump oder die Brexit-Kampagne mit «Take back control» versprechen genau das: sich von keinen Verträgen, Gerichten oder Regeln binden zu lassen. Sie versprechen, situativ zu handeln. Das Problem ist: Handeln erfordert Urteilskraft, und die kann auch mangelhaft sein. Was Trump macht, ist nicht das kluge Ausnutzen von Spielräumen, sondern das Zerstören von Situationen.

Wir brauchen eine Kultur des Vertrauens statt des systematischen Misstrauens.

Sie plädieren für eine Rückeroberung der Spielräume. Wie soll das gehen?

Wir müssen Akteuren wieder Verantwortung und Urteilskraft zutrauen. Wir brauchen eine Kultur des Vertrauens statt des systematischen Misstrauens. Wenn wir wieder in der Lage sind, auf die Situationen des Lebens angemessen zu reagieren, bringt das Lebensfreude. Vertrauen kann man nicht erzwingen, aber man kann es wieder einüben, indem wir es voneinander erwarten und die Bedingungen dazu schaffen.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Tagesgespräch, 21.4.2026, 13 Uhr ; 

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