«I can buy myself flowers», singt US-Popstar Miley Cyrus und holt sich mit ihrer Hymne auf das selbstbestimmte Alleinsein 2024 gleich noch einen Grammy ab. Mit Zeilen wie «No one can love me the way I can» – niemand kann mich so lieben wie ich mich selbst – schlägt auch die junge Britin Olivia Dean ganz ähnliche Töne an und ihre Popstar-Berufskollegin Selena Gomez freut sich im Song «Single soon» schon auf die Nächte, die sie bald wieder solo durchtanzen wird.
Soundtrack zum gesellschaftlichen Imagewechsel
In der Popkultur spiegelt sich wider, was die Gesellschaft in Industrieländern gerade erlebt: Das Narrativ vom Single-Sein verschiebt sich von «nicht geschafft» zu «frei gewählt».
Am Soziologischen Institut der Universität Zürich beschäftigt sich Katja Rost seit Jahren mit dieser Entwicklung und beobachtet dass das Alleinleben heute häufig als Ausdruck von Freiheit verstanden wird: «Sich niemandem unterwerfen oder anpassen zu müssen und keine Verpflichtungen zu haben – das empfinden viele als grossen Vorteil, durch den sie ihre Selbstverwirklichung komplett ausleben können.»
Bewusst alleinstehende Frauen erfüllen derzeit begehrte Statusmerkmale.
Diese neue Errungenschaft der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung wird – oft von jungen Frauen – in Sozialen Medien inszeniert und zelebriert.
Solo reisen, solo wohnen, solo glücklich: Das kommt bei den Followern gut an. «Bewusst alleinstehende Frauen erfüllen derzeit begehrte Statusmerkmale und sind dadurch gesellschaftlich sehr angesehen», sagt Katja Rost.
Deutlicher Anstieg in den USA
In der Schweiz ist laut Nachforschungen des Soziologischen Instituts der Universität Zürich der Anteil dauerhaft alleinstehender Personen in den vergangenen Jahren nur moderat gestiegen. Der langfristige Trend zeigt zwar vor allem im urbanen Raum eine Zunahme von Einpersonenhaushalten, dabei müsse es sich aber nicht zwingend um alleinstehende Personen handeln, hält Rost fest.
Deutlich aussagekräftiger sind die Zahlen aus den USA: Dort lebt inzwischen rund die Hälfte der Erwachsenen ohne Ehepartner oder feste Partnerschaft – ein historischer Höchststand, hält die US-Statistikbehörde fest. Ein Grund dafür sieht Katja Rost in der Bildungsexpansion: «Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten stark aufgeholt und stellen inzwischen die Mehrheit der Hochschulabsolventen. Das führt zu einer Schieflage auf dem Partnermarkt.»
Studien aus den USA bestätigen: Gut ausgebildete Frauen bleiben besonders häufig allein. Gleichzeitig sind es vor allem Männer mit niedrigerem Bildungsabschluss, die keine feste Partnerschaft eingehen können oder wollen.
Soziale Auswirkungen des «Trends»
Da Partnerschaften nicht nur romantische, sondern auch gesellschaftlich verbindende Funktionen erfüllen, sieht Soziologin Katja Rost im neuen Hochgefühl des «Single-Seins» auch sozial negative Folgen: «Gemeinsame Verantwortung, gegenseitige Unterstützung in Krisenzeiten und soziale Überschneidungen zwischen Milieus könnten seltener werden, wenn Menschen häufiger allein leben.»
Weniger dauerhafte Bindungen können potenziell auch weniger geteilte Erfahrungen bedeuten – im Guten wie im Schlechten.