Zum Inhalt springen
Inhalt

Abfallproblem auf Bali Die Trauminsel versinkt im Müll

Bali ist bekannt für weisse Sandstrände und lächelnde Bewohner. Doch das Paradies hat grosse Schönheitsfehler.

Im Gartenrestaurant des Fünfsternehotels Intercontinental ist das Paradies noch intakt. Auf dem Tisch steht eine frische Kokosnuss, die Wellen schwappen an den Sandstrand und Hotelmanager Michael Koth lässt sich von einem Kellner das Mittagsmenü vorlesen und stimmt dann ein Loblied auf Bali an: «Wir sind innerhalb der zehn beliebtesten Luxusdestinationen der Welt. Und wir sind eine der zehn beliebtesten Hochzeits- und Honeymoon-Destinationen.»

Das Hotel Intercontinental liegt an der Südspitze von Bali am Strand von Jimbaran. Die Hotelanlage ist eine Art Insel auf der Insel, abgeschirmt von der Aussenwelt. Koth führt durch den Garten, vorbei an acht Schwimmbädern und Fischteichen. Gäste sonnen sich auf Liegestühlen. Der Hotelmanager schwärmt: «Wir haben hier 25 verschiedene Tierarten, Eidechsen, die übers Resort spazieren, die Kinder zählen Kois und Goldfischkarpfen – es ist wirklich ein schönes, natürliches Plätzchen.»

Legende: Der Strand Jimbaran auf der Insel Bali SRF

Bali ist das beliebteste Ferienziel in Indonesien und die Touristen bringen der Insel am meisten Geld. Die Zahl der ausländischen Touristen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Im letzten Jahr waren über fünfeinhalb Millionen hier – mehr als die Insel Einwohner hat. Die Infrastruktur jedoch ist kaum gewachsen.

Ein Tourist verbraucht fünfmal so viele Ressourcen am Tag wie ein Balinese.
Autor: Nino LotzeUmweltberater

Das sei ein riesiges Problem, sagt Umweltberater Nino Lotze: «Ein Resort mit 200 Zimmern verbraucht so viele Ressourcen wie ein Dorf von 1000 Einwohnern. Ein Tourist verbraucht fünfmal so viele Ressourcen am Tag wie ein Balinese. Am meisten ist das beim Wasser zu sehen. Pro Gast werden bis zu 2000 Liter Wasser verbraucht pro Nacht. Das ist nicht so, weil der Gast so lange duscht. Nein, das ist so, weil überall Lecks sind und es kümmert sich keiner darum, das System effizient zu gestalten, weil das Wasser hier sowieso günstig ist.»

Bäume, Felder und im Hintergrund ein Vulkan.
Legende: Abseits der Mülldeponien hat Bali traumhafte Landschaften zu bieten. SRF/Karin Wenger

60 Prozent des Wassers wird laut Schätzungen von der Tourismus-Industrie verbraucht. Und obwohl Bali eine regenreiche, tropische Insel ist, ist das Grundwasser inzwischen auf prekäre Tiefstände gesunken. Deshalb hat Lotze vor fünf Jahren die Umweltberatungsfirma PT. Mantra Bali mitgegründet. Sie berät Hotels, wie sie ressourcensparender arbeiten können.

Schweizer engagieren sich auf Bali für den Umweltschutz

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Nino Lotze gründete die Umweltberatungsagentur PT. Mantra zusammen mit Wayan Lam und Maitri Fischer. Fischer ist als Sohn eines Schweizers und einer US-Amerikanerin auf Bali aufgewachsen und studierte später in Deutschland und in den Niederlanden.

Seit über 18 Jahren lebt David Küper auf Bali. Der Schweizer hat die Recyclinganlage Temesi errichtet. Dort wird organischer Abfall gesammelt und mithilfe von Sauerstoff innert vier Monaten zu fruchtbarer Erde umgewandelt. In der Anlage kommt der Abfall von einer halben Million Menschen zusammen. Das ergibt bis zu 20 Tonnen Kompost pro Tag. Küper und sein Team setzen aber auch auf Sensibilisierung: Regelmässig finden in Temesi Infoanlässe für Schulkinder zum Thema Abfallvermeidung statt.

Tourismus sei ein zweischneidiges Schwert, sagt Lotze: «80 Prozent unserer Ökonomie kommt vom Tourismus. Man kann die Umweltzerstörung schwer anprangern, weil alle vom Tourismus so abhängig sind. Wir haben hier keine gesunde Diskussion über Umweltauswirkungen. Unsere Reisfelder verschwinden, das Wasser wird leer gepumpt, Abfall ist überall zu sehen.»

Auf dem Abfallberg

Nicht weit vom Luxus-Hotel, ebenfalls direkt am Meer, liegt der «garbage mountain», die grösste Müllhalde der Insel. Am Himmel kreisen Geier. Es stinkt bestialisch. Hunderte von Lastwagen laden hier täglich weit mehr als 1000 Tonnen Abfall ab – der grösste Teil kommt von den Hotels im Süden der Insel. Der Berg ist ungefähr 50 Meter hoch und liegt auf einer Fläche so gross wie 44 Fussballfelder.

Legende: Video Müllberge so weit das Auge reicht abspielen. Laufzeit 00:32 Minuten.
Aus News-Clip vom 06.09.2018.

Es ist eine von vielen Mülldeponien. Kühe staksen in Einerkolonne den Berg hoch. Fliegen summen über Babywindeln, leeren Chipstüten, Plastikflaschen und viel Undefinierbarem.

Jeden Morgen, wenn die Lastwagen von den Hotelanlagen kommen, warten die Bewohner des nahen Slums bereits auf dem Abfallberg. Sie wühlen sich durch alles, was abgekippt wird und suchen nach Plastikflaschen und anderen, wiederverwertbaren Abfällen.

Müllsammlerinnen suchen nach Brauchbarem.
Legende: Müllsammlerinnen suchen nach Brauchbarem. So verdienen sie zwar etwas, doch der Preis dafür ist hoch. SRF/Karin Wenger

Das bringe zwar ein kleines Einkommen, schaffe aber auch viele Probleme, sagt Piter Panjaitan. Der 36-jährige Indonesier hat deshalb die NGO «Bali Life» gegründet, die sich um die rund 200 Slumbewohner kümmert.

Er sagt: «Am schlimmsten sind die Gesundheitsprobleme. Die Menschen leiden an Hautkrankheiten und Durchfall, weil das Wasser hier verschmutzt ist. Es gibt viele Fliegen und etwa 1000 Kühe und 500 Schweine, die auf dem Abfallberg Futter suchen und ihren eigenen Dreck dort lassen. Für die Slumkinder gibt es keine Schule hier. Und viele Leute haben auch keine Toilette.»

Meterhohe Müllberge direkt am Meer.
Legende: Meterhohe Müllberge direkt am Meer. SRF/Melissa Michaels

Müll und Plastik gehören heute zum Inselbild Balis wie die Kokospalmen und der Vulkan Agung. Doch einzig den ungezähmten Tourismus für die zunehmenden Umweltprobleme verantwortlich zu machen, wäre falsch. Das Problem ist weit grösser und komplexer.

Regensaison ist Abfallsaison

Am Strand von Canggu, an der Westküste Balis, erklärt Fatoni, ein lokaler Surflehrer mit wildem, blond gefärbtem Haar und braungebrannter Haut, ein paar Touristinnen, wie sie auf dem Brett stehen müssen. Ihm war das Surfen in der letzten Regenzeit jedoch ganz und gar verleidet. «Der ganze Abfall verfing sich am Brett, am Fuss und in der Fangleine. Das Wasser und der Wind stanken an allen Stränden in Kuta, Seminyak, Canggu und Jimbaran. Überall wurde der Dreck angeschwemmt.»

Menschen erholen sich am beliebten Jimbaran-Strand.
Legende: Direkt am beliebten Jimbaran-Strand bekommen Touristen vom Müllproblem kaum etwas mit – die Fünfsternehotels sorgen dafür, dass der Strand sauber ist. Getty Images

Abfallsaison nennen Balis Bewohner inzwischen die Regenzeit. Sie begann im vergangenen Dezember so dramatisch, dass die Regierung den Umweltnotstand ausrief. Die Strände waren übersät mit Abfallsäcken, Autoreifen, Plastikflaschen, Styroporverpackungen, Damenbinden und Flipflops. Der Müll kam mit den Meeresströmungen von anderen Inseln und wurde von den Flüssen aus dem Inneren der Insel an den Strand geschwemmt. Die Aufräumequipen der Regierung, der Hotels und die vielen freiwilligen Helfer sammelten täglich bis zu 100 Tonnen Abfall ein.

Eine Katastrophe, aber keine, die bislang ein grundlegendes Umdenken bewirkt hat. Wachstum um jeden Preis scheint weiterhin die Devise der indonesischen Regierung zu sein. 2015 lockte Indonesien etwa 9 Millionen ausländische Touristen an, bis 2019 sollen es 20 Millionen werden, so die ehrgeizigen Ziele.

Langsames Erwachen

Einzelne Nichtregierungsorganisationen und Bürgerbewegungen sind nun jedoch erwacht. Die «Trash Heroes» beispielsweise, eine Gruppe von lokalen Freiwilligen, die wöchentlich an unterschiedlichen Orten der Insel die Strände säubern und den Abfall rezyklieren. Oder «Bye Bye Plastic Bags», eine NGO, die von zwei jungen, balinesischen Schwestern gegründet wurde. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Bali, sondern ganz Indonesien von Plastik zu befreien.

Zudem hat Schmuckdesigner John Hardy vor zehn Jahren die «Green School», eine Schule ganz aus Bambus, gegründet. Hier lernen Kinder nicht nur mehr über die Umwelt, sondern leben auch durch und durch ökologisch.

Die Regierung muss erkennen, dass die lukrativen Einnahmen, die sie heute mit den Touristen macht, schnell austrocknen werden – wenn zerstört ist, was heute die Haupt-Devisenbringer anlockt: Die Natur, die Strände, die bunte Unterwasserwelt. Verantwortung liegt aber auch bei der Tourismusindustrie und den Touristen selbst.

Wir sind ja nicht dafür da, dem Kunden ein gutes Gewissen zu verschaffen.
Autor: Michael KothHotelmanager

Sein Hotel versuche umweltbewusster zu werden, sagt Michael Koth vom Hotel Intercontinental: Mit Bambusstrohhalmen statt Plastikröhrchen, Glasflaschen statt Plastikflaschen, einer eigenen Abwasseraufbereitungsanlage und ehrgeizigen Sparzielen beim Energieverbrauch.

Aber, Hand aufs Herz, sagt er: «Wir sind ja nicht dafür da, dem Kunden ein gutes Gewissen zu verschaffen, dass er Kerosin verbrannt hat im Flug von 18 Stunden und wir hinterher die Plastikflaschen trennen.» Diese Ökobilanz muss jeder Tourist für sich selbst ziehen. Genauso wie die Inselbewohner selbst entscheiden müssen, ob sie ihr Paradies bewahren wollen – oder nicht.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

14 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Das Problem mit der Schönheit und dem Anthropos, er kann sie nicht lassen. Das erfordert etwas ganz oldschoolmässig Schauen & Staunen ohne besitzen zu wollen, ohne gleich, ich will auch. Denn mit der Schönheit ist es wie mit dem Sehen, wäre das Aug nicht sonnenhaft, könnte es die Sonne nicht erblicken. Die Schönheit ist in uns. Darum, all dieses erratischen Hinreisen, all diese Scheisstips, wo es am schönsten, am besten ist .... Da wo wir sind sollten wir wenn schon Schönheit schaffen...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von JP Emch (JE)
    -Gibt es eine Regierung für welche "Wachstum um jeden Preis" nicht Devise ist? -Nein. -Warum? -Weil sie sonst nicht mehr gewählt wird.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Klaus Kreuter (KallePalle)
    Das Problem wird mit Offenheit beschrieben. Nur, die Frage stellt sich hier doch sehr brennend: wo ist die Lösung? Keine Touristen mehr hinschicken? Das wenige was die Inselbewohner verdienen wäre dann auch noch weg. Kann man die Regierung zwingen hier andere Massstäbe anzulegen? Wer will die Infrastruktur wie Wasser, Strom, Abwasser sanieren. Müssen das diejenigen tun, die das Geld eh bringen? Das ist eine Situaton die nur dann zu lösen ist wenn diese Staaten endlich begreifen was zu tun ist.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von André Nedwed (A.Nedwed)
      Korruption, wie üblich in solchen Ländern. Das Geld das die Touristen bringen und welches vorhanden wäre, fließt weder in Infrastruktur, noch hat die Bevölkerung etwas davon! Aber ich bin mir sicher, dass es den Regierungsmitglieder an nichts fehlt, in Ihren luxuriösen Villen mit vollen Garagen von Automobilen deutschen Fabrikats
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Peter Holzer (Peter Holzer)
      Es gibt Inseln, auf welchen die Touristen ihren Müll wieder mit nach Hause nehmen müssen und nichts vor Ort entsorgt wird (Leere Verpackungen etc.) Das finde ich bis jetzt den besten Ansatz.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen