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Zweite Front der Pandemie in Grossbritanniens Altersheimen
Aus Rendez-vous vom 28.04.2020.
abspielen. Laufzeit 04:52 Minuten.
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Altersheime in Grossbritannien Der blinde Fleck der Pandemie

Die britische Statistik weist nur die Corona-Todesfälle in Spitälern aus. Pflegende in Heimen warnen vor der versteckten Gefahr.

Sie gehören mittlerweile zum Tagesablauf der Britinnen und Briten wie die News und die Wetterprognosen: die täglichen Corona-Briefings der Regierung. Downing Street kommuniziert täglich, wie viele Menschen am Coronavirus erkrankt und gestorben sind. Es sind düstere Anlässe.

Die Frage ist nur, ob die offiziellen Zahlen stimmen, die der britischen Bevölkerung präsentiert werden. «Nein», sagt Camilla Brown von Care England, dem Verband der britischen Altersheime, gegenüber Channel 4. «Die Alters- und Pflegeheime hier sind gut organisiert und miteinander vernetzt. Deshalb haben wir rasch realisiert, dass diese Zahlen nicht stimmen können.»

Wir sind nicht im Krieg, sondern in einer zivilisierten Gesellschaft.
Autor: Camilla BrownCare England

Diese zeigten nur, wie viele Menschen am Coronavirus in den Spitälern verstorben seien, so Brown. Die hohe Dunkelziffer in den Altersheimen liesse sich damit erklären, dass es in den Altersheimen bis heute keine Tests für das Coronavirus gibt. Niemand weiss, wie viele Menschen in den Alters- und Pflegeheimen am Coronavirus erkrankt sind und isoliert werden müssten.

Blinder Fleck in der Statistik

Care England schätzt, dass bis heute mindestens 7500 betagte Menschen in britischen Alters- und Pflegeheimen am Coronavirus verstorben sind.

Die hohe Ansteckungsrate kommt für die Pflegeexpertin dabei nicht überraschend: «Ich höre von unseren Kolleginnen täglich Geschichten von Altersheimen, die in Kosmetikstudios betteln müssen, damit sie ein paar Schutzmasken erhalten, oder die aus alten Vorhängen selber Schutzanzüge schneidern müssen.» Das sei gefährlich und unwürdig, findet Brown.

«Wir sind nicht im Krieg, sondern in einer zivilisierten Gesellschaft.» Aber die Beispiele zeigten, dass die Altersheime die versteckte Front dieser Pandemie seien und dringend mit dem notwendigen Material versorgt werden müssten.

Appell ans Parlament

Die desolate Situation in den Altersheimen machte letzte Woche auch Oppositionsführer Keir Starmer in seinem ersten Auftritt im Parlament zum Thema, als er einen Brief vorlas, den er offenbar von einer Altenpflegerin erhalten hatte. Darin stand: «Ich arbeite in einem Pflegeheim und habe Angst, denn ich weiss nicht, welche Patienten erkrankt sind, weil es keine Tests gibt. Wir tragen selbst gemachte Masken.» Das sei bedrohlich, sagte Starmer.

Was tut die Regierung, um das Personal in unseren Altersheimen mit dem nötigen Schutzmaterial auszurüsten?
Autor: Keir StarmerOppositionsführer

«Und diese Bedrohung ist es, die wir immer wieder hören und uns allen zu denken geben muss», so der Chef der Labour-Partei. «Ich frage deshalb die Regierung, was sie tut, um das Personal in unseren Altersheimen mit dem nötigen Schutzmaterial auszurüsten.» Aussenminister Dominic Raab, der den an Covid-19 erkrankten Premier Boris Johnson in den vergangenen drei Wochen vertreten hat, verspricht seit Tagen, alles werde bald besser.

«Markt ist ausgetrocknet»

«Wir tun alles Erdenkliche, sodass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitssektor das nötige Schutzmaterial bekommen», so Raab. «Aber das ist im Moment nicht einfach, weil der Markt ausgetrocknet ist und alle Länder auf der Suche nach Schutzmaterial sind.» Seit gestern sitzt Johnson wieder an seinem Schreibtisch. In einem ersten Auftritt versprach er, dass Grossbritannien auf dem vorsichtigen Weg der Genesung sei.

Damit dies ohne Komplikationen verläuft, muss seine Regierung aber noch den blinden Fleck in den Altersheimen in den Griff bekommen. Sonst – so warnt die Zeitung «The Guardian» – könnte dieser blinde Fleck zu einem nationalen Schandfleck werden.

Rendez-vous, 28.4.2020, 12:30 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Grossrieder  (View)
    Das ist kaum fassbar und dies in dem VK. Wie kann man Altersheime über so vernachlässigen? Liest sich fast mit etwas Argwohn.
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  • Kommentar von Daniele Röthenmund  (Daniele Röthenmund)
    Das ist die Antwort auf die, die eine Gesellschaft durchseuchen lassen will. In Holland wie in England kam der Stop dazu etwas zu Spät. Was in Schweden läuft will ich erst gar nicht genauer wissen. Den das was ich weiß richt mir vollkommen aus!
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  • Kommentar von Franziska Keller  (Franziska Keller)
    In der CH ist es nicht besser. 2/3 der Covid19 Erkrankten sterben im Pflegeheim. Medikamente und Material sind sehr knapp. Wiederbeschaffung kaum möglich.
    Fachpersonal fehlt seit Jahren überall, da wir unterbezahlt sind und die Regierung nicht in die Ausbildung investiert. Anspruch an Qualität der Bevölkerung hingegen ist immer hoch.
    Für Freizeit, schöni Blüemli im Garten und Ausgang ist immer Geld und Energie vorhanden. Da stimmt doch etwas nicht in unserer Vorbildgesellschaft.
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    1. Antwort von Cornelia Back  (momorge)
      Andererseits hat man heute als Alter bis Uralter Mensch kaum mehr Gelegenheit an irgend etwas zu sterben...
      Ich finde es traurig, dass die Menschen auch untereinander keinen Kontakt mehr haben können. Lebensqualität vor 'noch ein jahr leben'!
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