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Angriff auf Libanon Ärzte ohne Grenzen: «Die Lage ist schrecklich»

Israel hat trotz Feuerpause im Iran-Krieg bei einem Grossangriff auf den Libanon zahlreiche Ziele bombardiert. Mindestens 203 Menschen seien getötet und mehr als tausend verletzt worden, meldet das libanesische Gesundheitsministerium. Die Gesundheitsversorgung ist überlastet. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist mit Personal im Einsatz. Christian Katzer, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, erzählt von der Situation vor Ort.

Christian Katzer

Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen Deutschland

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Seit 2020 leitet Katzer die Geschäftsstelle von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Deutschland. 2013 trat er der NGO als Operations Manager für mehrere südlich der Sahara gelegene afrikanische Länder bei.

SRF News: Wie sieht die humanitäre Lage nach dem israelischen Angriff im Libanon aus?

Christian Katzer: Die Lage vor Ort ist wirklich schrecklich und absolut unübersichtlich. Es gab ja zuerst diese angekündigte Waffenruhe, die dann aber nicht für den Libanon galt. Wir haben zum Beispiel eine Familie behandelt, die gerade wieder zurückgegangen war in ihre alte Behausung.

Die Leute brauchen dringend sichere Unterkünfte.

Die ganze Familie wurde verwundet und war einfach völlig überrascht von diesem Angriff. Der medizinische Bedarf ist extrem gross, weil wir nach diesen Angriffen immer wieder extrem viele Patientinnen in einzelnen Spitälern sehen, die dann total überlastet sind – eine Situation, die wir auch aus anderen Kriegs- und Krisengebieten kennen.

Welche Hilfe braucht die Bevölkerung neben der medizinischen am dringendsten?

Die Menschen brauchen dringend sichere Unterkünfte. In Beirut und anderen Grossstädten leben die Leute zum Teil auf der Strasse. Mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben. 

Es gibt nicht genug Notunterkünfte, es fehlt an sauberem Wasser und an Hilfsgütern wie Matratzen, Decken, Hygieneartikel, an medizinischer Versorgung und Notfallversorgung. Extrem gefragt sind zudem auch Hilfe für chronisch Erkrankte und psychologische Unterstützung. 

Zwei Männer stehen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes mit Rauch.
Legende: Viele Häuser wurden durch die Angriffe Israels zerstört. Als Notunterkünfte dienen Schulen, Familien richten sich in Zelten am Strassenrand und auf Plätzen in Beirut ein. imago images

Es sind auch ganz viele Kinder betroffen. Ist die psychologische Hilfe auch deshalb wichtig?

Absolut. Wir sehen wirklich eine grosse Anzahl von Kindern, die von diesem Krieg betroffen sind. Betroffen von Vertreibungen, aber auch bei den Verletzten, die wir behandeln, sind immer wieder viele Kinder dabei. So haben wir gestern zum Beispiel nach dem Angriff im staatlichen Spital in Rafik Hariri in Beirut mehrere Kinder behandelt, die wirklich schwere Verletzungen aufweisen. 

Wir als Weltgemeinschaft müssen unbedingt dafür sorgen, dass diese Menschen jetzt humanitäre Hilfe bekommen.

Die psychologische Unterstützung ist natürlich extrem wichtig. Die Leute wissen nicht, wo sie hin sollen. Sie wissen nicht, was jetzt kommt. Deswegen haben wir eine Telefonhotline aufgebaut, wo die Menschen anrufen können. Dort können sie sich Hilfe holen. Sie können fragen, wo es Trinkwasser, wo es noch Unterkünfte gibt und wo Matratzen verteilt werden.

Der Libanon ist ja wirtschaftlich schon länger unter Druck. Ist der Staat überhaupt noch in der Lage zu helfen?

Wie in allen Krisengebieten kommt ein Staat natürlich schnell an die Kapazitätsgrenzen, einfach weil die medizinische Versorgung nicht für diese Extremfälle aufgebaut ist. Wenn irgendwo Luftangriffe durch die israelische Armee, zum Beispiel in den Vororten oder in Beirut, stattfinden, dann gibt es auf einmal ganz viele Verletzte, die behandelt werden müssen. Das führt schlagartig zu einer Überlastung der einzelnen Spitäler. 

Deswegen haben wir Teams in den Grossstädten vor Ort, die die Spitäler unterstützen, sowohl mit medizinischem Know-how als auch mit Material. Wir als Weltgemeinschaft, als europäische Staaten müssen unbedingt dafür sorgen, dass diese Menschen jetzt humanitäre Hilfe bekommen.

Das Gespräch führte Radka Laubacher.

Rendez-vous, 9.4.26, 12:30 Uhr ; 

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