Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Krieg im Libanon Journalistin: «Niemand hat mehr Kraft für das, was passiert»

Der Krieg im Libanon eskaliert im Schatten des Irankonflikts. Die Berner Journalistin Meret Michel lebt in Beirut und hat aus Sicherheitsgründen vor zwei Wochen das Land verlassen. Ein Gespräch über die Wut auf die Hisbollah, die Angst der Zivilbevölkerung und eine tiefe Hoffnungslosigkeit.

Meret Michel

Freie Journalistin

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Meret Michel ist freie Reporterin und lebt in Beirut, der Hauptstadt Libanons. Von dort aus schreibt sie über die arabischen Länder, mit Fokus auf Libanon, Syrien und den Irak.

SRF News: Sie sind mit Ihrer vierjährigen Tochter von Beirut in die Schweiz gekommen. Wären Sie als Journalistin lieber im Libanon geblieben?

Meret Michel: Ja, natürlich. Beirut ist unsere Heimat, meine Tochter geht dort zur Schule. Aber es war eine rationale Entscheidung. Am letzten Tag vor unserer Abreise waren in ihrer Kindergartengruppe nur noch fünf Kinder. Das ist sehr bedrückend und traurig. Als Journalistin wäre ich lieber dort, um zu berichten, aber die Situation ist zu volatil.

Die Hisbollah hat nach dem Start des Irankriegs Raketen auf Israel abgefeuert, und es war völlig klar, wie die Antwort ausfallen würde.

Im Libanon soll die Wut auf die Hisbollah gross sein, weil sie den Krieg provoziert hat. Stimmt das?

Ein grosser Teil der Bevölkerung ist wahnsinnig wütend, und das nicht erst seit dieser Eskalation. Die Hisbollah hat nach dem Start des Irankriegs Raketen auf Israel abgefeuert, und es war völlig klar, wie die Antwort ausfallen würde. Es gibt Libanesen, vor allem unter den Christen, die sich insgeheim wünschen, dass Israel seine Drohung wahr macht und die Hisbollah ausmerzt.

Warum ist hauptsächlich die schiitische Bevölkerung betroffen?

Israels Aufforderungen zur Evakuierung zielen auf die Gebiete, in denen die Hisbollah stark ist – und das sind schiitische Gebiete. Das Problem ist, dass diese Menschen im Rest des Landes nicht willkommen sind. Es gibt das Gefühl, die Schiiten seien kollektiv für die Taten der Hisbollah verantwortlich. Hinzu kommt die Angst, dass die Hisbollah mit den Flüchtlingen in neue Gebiete kommt und diese dann ebenfalls bombardiert werden.

Verwüstete Strasse mit Schutthaufen und Werbetafel.
Legende: Hunderttausende Menschen sind im Libanon auf der Flucht, Bomben schlagen im ganzen Land ein. Täglich steigt die Zahl der Opfer. (25.3.26) REUTERS/Yara Nardi

Profitiert die Hisbollah paradoxerweise von diesem Krieg?

Ja, das ist so. Leute, die die Hisbollah vorher kritisiert haben, sind jetzt still, weil sie nun wieder als die Kraft gesehen wird, die gegen den israelischen Vormarsch kämpft. Das verleiht ihr neue Legitimität. Das Narrativ, dass es die Hisbollah braucht, weil die Armee zu schwach für den Widerstand ist, gewinnt wieder an Boden.

Dieses Mal gibt es eigentlich keinen diplomatischen Ausweg mehr.

Sie beschreiben die Lage als viel verzweifelter als bei früheren Kriegen. Warum?

Beim letzten Krieg endete alles mit einem Waffenstillstandsabkommen und der Hoffnung auf eine Lösung. Dieses Mal gibt es eigentlich keinen diplomatischen Ausweg mehr. Die Leute sind wahnsinnig erschöpft und müde. Eigentlich hat niemand mehr Kraft für das, was jetzt passiert. Dazu kommt: Was heute zerstört wird, bleibt zerstört. Früher haben Saudi-Arabien, Katar und westliche Staaten für den Wiederaufbau bezahlt. Das wird heute niemand mehr machen.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 26.3.2026, 13 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel