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Anschlag in Berlin Berlin, die Dunkelheit und die extreme Linke

Kein Strom, keine Heizung: Teile Berlins sind seit Tagen dunkel. Wer steckt hinter dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz?

Wäre es ein einziges Kabel, ginge es von Berlin nach Neuseeland und zurück: 36'000 Kilometer lang sind die Stromleitungen in der Millionenstadt Berlin – rund 99 Prozent davon sind im Boden verlegt. Das eine Prozent, das besonders gefährdet ist, liegt oberirdisch – und genau dort sind Anschläge möglich. Mit ein bisschen Googeln ist es leicht, herauszufinden, wo diese besonders verwundbaren Punkte der Stromadern liegen.

Und genau an einem solchen Punkt schlug die linksextreme Gruppe «Vulkan» zu. In einem Bekennerschreiben schilderten die Täter exakt, wie sie vorgegangen waren – dieses Insiderwissen ist ein Indiz dafür, dass das Schreiben echt und die Täter tatsächlich aus der «Vulkangruppe» kommen.

«Nahezu täglich» Angriffe von Linksextremen

Seit 2011 führt die Gruppe Anschläge in Berlin durch, vor allem auf die Energieinfrastruktur. Man wolle, heisst es im Bekennerschreiben, damit gegen die Nutzung fossiler Energien kämpfen. Die Extremisten ziehen sich das Mäntelchen der Umweltschützer an – was nicht nur in den betroffenen Gebieten Berlins für Fassungslosigkeit sorgt.

Im März 2025 griffen die «Vulkan»-Leute das Tesla-Werk in Grünheide bei Berlin an – tagelang stand das Werk still. Linksextreme, die sich als Naturfreunde gerieren und eine Fabrik für Elektroautos angreifen? Mit Logik hat das nicht viel zu tun.

Menschen warten bei Nacht an einer Haltestelle, vorbeifahrender Bus.
Legende: Pendler warten in Berlin am Morgen des 6. Januar in völliger Dunkelheit auf den Bus zur Arbeit. KEYSTONE/EPA/CLEMENS BILAN

Im letzten Verfassungsschutzbericht heisst es, Linksextremisten verübten in Deutschland «nahezu täglich» Straf- und Gewalttaten. Insgesamt wurden im Jahr 2024, das sind die neuesten Zahlen, 5857 linksextremistisch motivierte Straftaten erfasst. Im Vergleich dazu gab es 37'835 Straftaten, die von Rechtsextremen verübt wurden.

Warum werden die Täter nicht gefasst?

Die Jagd auf die «Vulkangruppe» blieb bisher aber ziemlich erfolglos. Wie kann es sein, dass eine Gruppe während fünfzehn Jahren ständig zuschlägt – und dennoch nie erwischt wird? Die Polizei beklagt, es fehlten Mittel, um intensiver zu fahnden. So sei zum Beispiel der Einsatz von künstlicher Intelligenz eingeschränkt, bei der Gesichtserkennung zum Beispiel. Was jeder Primarschüler mit dem Handy kann, darf die Polizei nur in Ausnahmefällen. Zudem tritt die «Vulkan»-Gruppe nie öffentlich auf, handelt im totalen Untergrund.

Natürlich hat Berlins regierender Bürgermeister nun angekündigt, «mit aller Härte» zu ermitteln und die Täterinnen und Täter zu finden. Doch viele Menschen in Berlin zweifeln: Warum soll jetzt plötzlich gelingen, was in den letzten Jahren keiner schaffte?

Vor Ort in den betroffenen Gebieten ist der Unmut gross. «Wut» empfinde sie, sagt eine Anwohnerin zu SRF. Alte und kranke Menschen leiden vor allem, Spitäler und Altersheime müssen Patienten und Einwohnerinnen umquartieren – vielerorts herrscht Not am Mann. Ein Tierarzt postet auf den sozialen Medien, wie er seine Praxis mit Kerzen beleuchtet – Läden und Tankstellen müssen tonnenweise aufgetaute Nahrungsmittel entsorgen.

Der grösste Stromausfall seit 1945

Unterdessen laufen die Reparaturarbeiten – bis Donnerstag soll es wieder überall Strom und Energie geben. Im gefrorenen Boden neue Stromleitungen verlegen – nicht ganz einfach. Schon jetzt ist aber klar: Der Anschlag der «Vulkan»-Gruppe hat zum grössten Stromausfall in Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geführt.

Und von den Tätern fehlt weiterhin jede Spur.

Tagesschau, 4.1.2026, 19:30 Uhr;brus

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