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Vom Hoffnungsträger zum brutalen Diktator in kürzester Zeit
Aus SRF 4 News aktuell vom 10.07.2020.
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Assad 20 Jahre an der Macht «Auch ein Gewaltherrscher kann ein höflicher Mann sein»

Seit mehr als neun Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Hunderttausende wurden getötet, mehr als zwölf Millionen Menschen vertrieben. Das Land hat sich verändert, vieles wurde zerstört. Doch an der Spitze steht nach wie vor derselbe Mann. Vor 20 Jahren, am 10. Juli 2000, übernahm Baschar Al-Assad die Macht von seinem Vater.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert , Link öffnet in einem neuen Fensterist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF.

SRF News: Arabischer Frühling, Bürgerkrieg, Kurden, der IS – wie konnte sich Assad trotz allem an der Macht halten?

Thomas Seibert: Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Innenpolitisch sind die wichtigsten Gründe zum einen die Loyalität wichtiger Minderheiten und Eliten. Dazu gehört die Glaubensgemeinschaft der Alawiten, der Assad auch selber angehört. Diese ist sehr loyal zu ihm – auch aus Angst, was passieren könnte, wenn Assad stürzen sollte. Dazu kommt die grosse Zerstrittenheit der Opposition gegen Assad und die unglaubliche Brutalität des Sicherheitsapparates, der jeden Widerstand unterdrückt.

Auch aussenpolitisch stand Assad immer wieder massiv unter Druck. Der Streit mit der Türkei, die USA drohten ihm mit einem Militärschlag. Wie konnte er sich dennoch behaupten?

Da spielt vor allem Russland eine grosse Rolle, das seit 2015 die syrische Armee mit der Luftwaffe unterstützt. Russland hat damals Assad vor der Niederlage im Krieg gerettet und ist heute die alles dominierende Militärmacht in Syrien. Auch der Iran hilft Assad mit viel Geld und vielen Kämpfern, die sich unter anderem auch an der Grenze zu Israel sammeln sollen.

Inzwischen sagen sogar die USA, dass sie Assad nicht mehr stürzen wollen – es reiche, wenn er sein Verhalten ändere.

Aussenpolitisch war auch entscheidend, dass der Westen in den ganzen Jahren sehr desinteressiert war. Man hat in Sonntagsreden zwar immer wieder den Sturz von Assad gefordert. Aber inzwischen sagen sogar die USA, dass sie Assad nicht mehr stürzen wollen – es reiche, wenn er sein Verhalten ändere. Auch damit hat er politisch profitiert.

Assad, Putin, Shoigu
Legende: Der russische Präsident Wladimir Putin (Mitte), hier mit seinem Verteidigungsminister Sergei Schoigu (rechts), hat Syriens Machthaber Assad 2015 vor der Niederlage im Krieg bewahrt. Reuters

Assad ist vor 20 Jahren mit viel Vorschusslorbeeren als Präsident angetreten. Er galt als weltmännisch und versprach Dialog, man hoffte auf Reformen. Später hat er im Westen eher das Bild von einem brutalen Diktator geprägt, der sogar vor Chemiewaffen nicht zurückschreckt. Wie kam diese Entwicklung?

Die grosse Frage ist, ob es diese Entwicklung von ihm überhaupt gab, oder ob Assad schon immer so war. Es stimmt: Zu Beginn galt er als Hoffnungsträger. Er hatte wenig mit Politik zu tun, bevor er von seinem Vater als Nachfolger auserkoren wurde. Bei seinem Amtsantritt vor 20 Jahren war er erst 34 Jahre alt. Die Verfassung musste damals für ihn geändert werden, weil sie ein Mindestalter von 40 Jahren für das Präsidentenamt vorsah. Die Vorschusslorbeeren, seine Ankündigungen von Reformen und Dialog, gingen sehr schnell unter in Verhaftungswellen. Man muss sich fragen, ob Assad nicht schon damals Mitglied einer Familiendynastie war, die sich ständigen Angriffen ausgesetzt sieht und alles daran setzt, ihre Macht zu erhalten.

Assad und Asma
Legende: Jeans und T-Shirt statt Kopftuch: «Eine moderne Frau, ganz anders als das landläufige Bild einer First Lady des Nahen Ostens». Assads Frau Asma sei lange ein Aushängeschild des Regimes gewesen, so Seibert. Keystone

Journalisten, die ihn persönlich treffen konnten, beschrieben ihn als sehr höflich und nett, gar charmant. Ist das eines seiner Geheimnisse, wie er es geschafft hat, an der Macht zu bleiben?

Es ist richtig, dass er dieses Image hat, im persönlichen Umgang sehr zurückhaltend, höflich und weltmännisch zu sein. Auch seine Frau Asma war lange Zeit ein Aushängeschild des Regimes. Aber da ist der Lack wohl schon lange und auch nachhaltig ab. Dieser freundliche Umgang im Ton ist wohl nur eine Fassade für einen brutalen Diktator. Auch ein Gewaltherrscher kann ein höflicher Mann sein, wenn er will. Die Zeit, als er davon zehren konnte, ist aber endgültig vorbei.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Video
Aus dem Archiv: Auch Sandro Brotz hat Assad getroffen
Aus Rundschau vom 19.10.2016.
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SRF 4 News, 10.07.2020, 7:15 Uhr;

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Fritz Hostettler  (hoss)
    Einem Despoten der sein Volk in den Abgrund führt und das seit 20 Jahren sollten die Medien keine Plattform bieten auch wenn er hin und wieder mal freundlich sein kann.
    Ich sehe nur das Elend das er verursacht hat.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
    Bürgerkrieg? Vieviel Syrer wollten Assad weg haben, was sagen dazu Umfragen der syrischen Bevölkerung und wieviel ausländische Mächte wollten Assad weg haben? - Vor wen hat Russland Assad gerettet? Von Kämpfer für die Demokratie, die mit wehenden schwarzen Fahnen beinahe Damaskus eingenommen hätten, wenn Russland nicht eingegriffen hätte?
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer  (Koni)
      Einerseitz wird ein Gottesstaat wie der Iran bekämpft, anderseits wenn ein islamischer Gottesstaat verhindert wird ist es auch wieder nicht recht. Was wäre wohl ohne Assad, wäre es besser oder noch schlechter?
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    2. Antwort von Charles Grossrieder  (View)
      @Koni, ohne Assad wohl ein zweites Lybien. Assad kontrollierte ein blühendes Land, mit etwas Härte, weil’s ohne nicht geht (Irak/Iran/ Lybien z.B.) und welche von ihm erwartet wird. Er wurde wohl mit Iran und Verbündeten, für die einen zu stark und zur Gefahr. Russland wurde nicht ohne Grund von seinem Vater als Verbündeter reingeholt. Interessant, dass sich ihr geschworener Erzfeind nie öffentlich in die Syrien Kriese einmischt; wieso auch wenn man willige Söldner hat.
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  • Kommentar von Andreas-David Balzer  (Davidshalom)
    Fr.Ehler ,M.Manama und Hr.Stanic !Finden sie nicht auch, wie komfortabel ihre Situation ist ,aus dem freien Westen heraus mit Propaganda für Russland und den Despoten Assad hier aufzufahren !? Im Trocknen sitzen und sich dann noch über unser System beschweren , dass ihnen überhaupt ermöglicht trocken zu sitzen und ihnen dazu noch erlaubt ihre Meinung frei herauszuschreiben.Ob sie Russland in Russland auch so kritisieren würden, wie sie unsere Wertesystem ständig hier im Chat kritisieren?
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    1. Antwort von Corinne Ehrler  (Corinne Ehrler)
      Herr Balzer, ich möchte sehr viel lieber in einer fairen Welt leben, als hier "im Trockenen" zu sitzen, in einem Land mit starker Währun, die nicht nur auf dem Fleiss seiner Bewohner gründet, sondern auch auf luschen Geschäften seiner Konzerne und Banken. Zensiert werde ich übrigens nicht zu knapp (trotz Einhaltung der Netiquette)... Dass die Nato ein aggressives Bündnis ist, dafür gibt es nun wahrlich genug Belege.
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    2. Antwort von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
      Wollen Sie damit sagen, weil es den Menschen im Westen gut geht, sollen sie schweigen und alles schlucken an Verbrechen durch den Westen und an Desinformation und Kriegspropaganda?
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    3. Antwort von Drago Stanic  (drago stanic)
      Auch in Schweiz verlieren Menschen ihre Arbeit wenn Sie zu fest an einen anderen Meinung behaaren. Wie Herr D. Ganser.
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    4. Antwort von Misra Namana  (Misra Namana)
      Es lebt sich halt gut wenn man auf der bösen Seite sitzt (damit meine ich jetzt nicht die Schweiz, sondern die Westliche Orientierung im gesamten). Dann kann man von allen alles holen, ausbeuten ihnen diktieren und nach innen seinen Sozialstaat bekunden. Ja, wir haben es schon schön, aber auf Kosten anderer. Und um unseren Status zu behalten wird alles gemacht, was nötig ist.. da sind auch Kriege und Gewalt ein Mittel.
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    5. Antwort von Andre Mahr  (Andre M.)
      Frau Ehrler: faire Welt?! Glauben Sie wirklich, Mütterchen Russland und Onkel Xi aus China sind in Syrien aus Eigennutz? Das nennt man Verklärung! Assad wurde auch nicht frei gewählt, sondern wurde von seinem Vater, der Militär und Macht hinter sich hatte, "vorgeschlagen". Was bitteschön legitimiert also Assad & was legitimiert China + Russland, mit nur einem Grenzübergang, die syrische Bevölkerung hungern zu lassen? Ah: wenn diese mürbe ist, wird sie wieder Assad-treu. Das ist das Kalkül!
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    6. Antwort von Andre Mahr  (Andre M.)
      @Namana: Ihre Sichtweise ist stark einseitig. Darauf zu hoffen, Sie bekommen weniger dislikes, wenn Sie die Schweiz, in der Sie leben, entschulden, muss ich Sie enttäuschen! Auch wir in der Schweiz leben westliche Werte und sind freiheitlich orientiert! Punkt. Glauben Sie wirklich, Russland und China sind aus reiner Liebe in Syrien? Beide Länder haben exakt die gleiche Strategie, die Sie der 'bösen westlichen Welt' vorwerfen!
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