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Legende: Audio Anschläge in Sri Lanka: Regierung beschuldigt radikale Muslime abspielen. Laufzeit 05:54 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 22.04.2019.
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Attacken in Sri Lanka «Die Anschläge passen eigentlich nicht zusammen»

Die Anschlagsserie in Sri Lanka auf Kirchen und Hotels hat weltweit Entsetzen ausgelöst. Sri Lankas Präsident hat dem Militär Vollmachten wie zu Kriegszeiten erteilt, um Verdächtige zu verhaften.

Die Regierung sieht eine einheimische radikal-islamische Gruppe namens NTJ hinter den Attacken. Doch viele Fragen bleiben offen, so SRF-Korrespondent Thomas Gutersohn.

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Indien- und Südasien-Korrespondent, SRF

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Thomas Gutersohn lebt seit 2016 im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien. Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert.

SRF News: Was ist das genau für eine Gruppe?

Es ist eine Gruppe, über die nur wenig bekannt ist. Man weiss, dass sie die Scharia propagiert und letztes Jahr in Erscheinung getreten ist, als sie buddhistische Statuen zerstört hat. Aber diese Anschläge von Sonntag sind ganz anderer Natur. Es waren koordinierte Terrorattacken. Deswegen gehen die Behörden auch nicht davon aus, dass diese Gruppe allein gehandelt hat und suchen nach Verbindungen mit dem Ausland.

Welche Beweise hat man, dass es diese Terrorgruppe war? Bis jetzt hat sich niemand zur Tat bekannt.

Eigentlich keine Beweise. Man hat nur dieses Statement der Regierung, die sagt, dass diese Gruppe dahintersteht. Es gibt auch kein Bekennerschreiben von Organisationen, die vielleicht mitbeteiligt gewesen wären.

Gibt es auch Hinweise, was die Täter beabsichtigten mit den Angriffen auf Christen, aber auch auf Touristen?

Nicht wirklich. Im Moment ist ja noch nicht einmal klar, ob tatsächlich diese Gruppe hinter den Anschlägen stand. Oder ob da nicht vielleicht doch ein grösseres Netzwerk am Werk war.

Die beiden Anschläge passen auch nicht zusammen. Auf der einen Seite waren die Opfer sri-lankische Christen, also Einheimische. Auf der anderen Seite Besucher von Luxushotels, die aus allen möglichen Ländern kommen und alle möglichen Religionen haben.

Karte von den Anschlagszielen in Sri Lanka.
Legende: Koordinierter Terror: An diesen sechs Orten kam es quasi zeitgleich zu Detonationen. SRF

Warum geraten Muslime und Christen aneinander, die beide zu den Minderheiten gehören und mit dem bisherigen Konflikt kaum etwas zu tun hatten?

Das ist schleierhaft. Der Grundkonflikt in Sri Lanka herrschte zwischen den Tamilen und Singhalesen. Diese haben sich über zwei Jahrzehnte einen blutigen Bürgerkrieg geliefert. Die Christen sind in beiden Gruppen vertreten, die Muslime in keiner. Sie identifizieren sich weder als Tamilen noch als Singhalesen. Es sind die kleinsten Minderheiten im Land. Beide machen jeweils etwa 7 Prozent aus.

Sie hatten dieselben Probleme. Es gab oft Übergriffe radikaler buddhistischer Mönche oder Hinduisten auf Kirchen oder Moscheen. Insofern fühlten sich beide gleichermassen benachteiligt. Jetzt wird da ein Keil zwischen diese zwei Gruppen getrieben.

Das schadet der Regierung. Denn während dem die Opposition des früheren Machthabers Rajapaksa die buddhistische Bevölkerung hinter sich weiss, muss die aktuelle Regierung ihre Leute bei den Christen, bei den Tamilen, bei den Muslimen zusammensuchen. Nun wird es noch viel schwieriger, diese Minderheiten zusammenzuhalten.

Die Behörden besassen seit mehreren Tagen Hinweise, dass Anschläge geplant waren. Warum hat man diese Warnungen in den Wind geschlagen?

Es gab tatsächlich Hinweise, dass die Polizei Informationen über geplante Anschläge hatte und diese auch weitergeleitet hat. Dass nichts unternommen wurde, deutet für mich auf die Verworfenheit der Regierung hin.

Im Dezember wollte Präsident Sirisena noch sein Kabinett auflösen und den Premier Wickremesinghe absetzen. Das gelang ihm nicht. Die beiden mussten weiter miteinander verkehren, obwohl sie das Heu nicht auf derselben Bühne haben. Und so hat auch gestern der Premierminister gleich gesagt, dass er nichts von diesen Plänen gewusst hatte und insofern die Schuld in die Schuhe des Präsidenten schiebt. Denn dieser ist der Chef der Sicherheitsdienste und hätte die nötigen Schritte einleiten sollen.

Es kann sein, dass dieser Zwist zwischen den beiden Männern dazu geführt hat, dass nichts unternommen wurde – das wäre verheerend, wenn man nun das Ausmass der Katastrophe anschaut.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von M. Kaiser  (Klarsicht)
    Alles hängt zusammen -nur sehen muss man es .
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  • Kommentar von Simon Johannes  (simon.johannes)
    Wenn wir ehrlich sind, wissen fast nichts. Wir wissen aber, dass Konflikte instrumentalisiert werden. Was mich stört ist, dass viele Medien bei Christchurch sofort (auch Videos können heute leicht gefakt werden) Position bezogen, bei Nottre-Dame verkündet wurde, es sei keine Brandstiftung (extrem schnelle Brandentwicklung) und in Sri Lanka nun sehr zurückhaltend in der Bewertung sind. Was in diesem Falle mal richtig ist... Ich wünsche mir neutrale und kritische Medien, und zwar in JEDEM Fall.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey  (Jean-Philippe Ducrey)
    Im Interview übersieht Soltermann, dass allein die Handschrift der Anschläge ganz klar auf einen islamistischen Hintergrund hindeutet. Grundsätzlich geht es diesen Islamisten vorallem um Anti-Westliche Präsenz zu markieren. Wo, wann, wie ist sekundär, wichtig ist allein die Brutalität und die hohe Opferzahl. Dabei werden missionierte einheimische Muslime gerne als Wasserträger eingespannt, während die "Zentrale" in Riad sitzt.
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    1. Antwort von Jean-Philippe Ducrey  (Jean-Philippe Ducrey)
      So zur Präzision: Die "Zentrale" in Riad beschreibt nicht die Saudische Königsfamilie, sondern die Geistlichen. Es gibt seit der Besetzung der Grossen Moschee 1979 eine Art unheilige "Allianz" zwischen dem Saudischen Königshaus und den islamistischen Predigern, wobei letztere immer noch am längeren Hebel sitzen. Vor 1979 trug in Saudi Arabien kaum eine Frau einen Schleier, sie durften Autofahren etc.
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    2. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Das Problem ist, dass eine derart kleine Gruppe nicht ohne Hilfe in der Lage wäre, solche grossen Anschläge auszuführen. Dazu müssen viel Sprengstoff und Zünder beschafft, Bomben gebaut und Suizidbomber bis zum letzten Moment motiviert und unter Kontrolle gehalten werden. Es gibt kein Bekennerschreiben, wie üblich. Kommt dazu, dass es Anzeichen gibt, dass die Regierung auf Informationen nicht reagiert hat. Ein Minister spricht von Putschversuch. Eine Handschrift kann auch gefälscht werden.
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    3. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Der gegenwärtige Kronprinz, Mohamed bin Salman, hat die Hardliner unter den Religiösen kaltgestellt, genauso wie alle anderen Anwärter auf den Thron. Da er sich grosse Investitionen aus dem Ausland erhofft, dürfte ein solcher Anschlag kaum in seinem Interesse sein. Al-Kaida und der IS würden ihn sicher für sich reklamieren. Das heisst aber nicht, dass nicht Islamisten die Anschläge verübt haben. Die Frage ist, zu welchem Zweck und mit wessen Hilfe.
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    4. Antwort von Jean-Philippe Ducrey  (Jean-Philippe Ducrey)
      @Meier: Erstens: Die religiösen Hardliner kaltstellen ist eines, doch dieser Hydra werden wohl mehr neue Köpfe wachsen, als dass dies dem Saudischen Prinz lieb sein kann. Zweitens: Wenn die neuen Infos stimmen und das Attentat eine Vergeltung auf Christchurch war, dann zeigt das in beängstigender Weise, wie organisiert und stark die Islamisten, wie immer sie ihre Gruppierungen nennen, sind. Bzw. wie schnell man "Schläfer" aktivieren kann.
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    5. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Terrorexperten gehen davon aus, dass ein solcher Anschlag monatelange Vorbereitungen braucht, Christchurch war aber erst im März. Es gibt einfach Fragen, die Wichtigste ist die, wer dieser kleinen lokalen Extremistengruppe geholfen hat. Mit der Hydra haben Sie sicher Recht. Der IS ist alles andere als besiegt, er hat nur sein Gewand und Einsatzgebiet gewechselt.
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