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Wie ist die Lage der Juden in Deutschland?
Aus Rendez-vous vom 18.12.2020.
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Attentat von Halle vor Urteil Zentralrat der Juden: «AfD trägt moralisch eine Mitschuld»

Am Montag fällt das Urteil gegen den Attentäter von Halle, der im Oktober 2019 in der dortigen Synagoge ein Blutbad anrichten wollte, aber an der Tür scheiterte. Später erschoss er aus Frustration zwei Passanten und verletzte mehrere zum Teil schwer. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht einen Zusammenhang zwischen der antisemitischen Gewalttat und der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD).

Josef Schuster

Josef Schuster

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Josef Schuster ist seit 2014 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er ist zugleich Vizepräsident des World Jewish Congress und des European Jewish Congress.

SRF News: Falls der Attentäter von Halle, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, mit lebenslanger Haft und anschliessender Sicherheitsverwahrung bestraft wird: Sind Sie dann zufrieden?

Josef Schuster: Es geht nicht um die Frage nach «zufrieden». Aber ich würde dies für ein angemessenes Urteil halten.

Der Anschlag in Halle ist Teil einer langen und blutigen Kette antisemitischer Gewalttaten in Deutschland seit 1945. Was ist die Bedeutung dieses Anschlags?

Der Anschlag ist eindeutig antisemitisch. Ich sehe diesen aber eher in einer Reihe mit dem Mordanschlag auf den Regierungspräsidenten von Kassel, Walter Lübcke, im Juni 2019. Durch Aussagen von Politikern insbesondere der AfD wurden Äusserungen in der breiteren Bevölkerung salonfähig. Äusserungen, von denen man lange dachte, dass sie sich niemand zu sagen getraut. Aus Worten folgen Taten – das ist die Konsequenz, die wir bei diesen Anschlägen sehen.

Aus Worten folgen Taten – das ist die Konsequenz, die wir bei diesen Anschlägen sehen.
Autor: Josef Schuster

Geben Sie der AfD also klar eine Mitschuld?

Eine Mitschuld an der veränderten Einstellung eines Teils der Bevölkerung, Hemmschwellen abzubauen. Insofern gebe ich der AfD moralisch eine Mitschuld. Dass die AfD nicht direkt am Mordanschlag beteiligt ist, steht ausser Zweifel.

Ist diese sogenannt vorbildliche deutsche Vergangenheitsbewältigung ein Mythos?

Ich weiss nicht, ob man von herausragender Vergangenheitsbewältigung besonders in Deutschland sprechen kann. Ich sehe aber, dass man sich quer durch die Bevölkerung und vor allem auch bei jungen Erwachsenen und Schülern intensiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Das hat in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen.

Der Blick richtet sich dabei Blick vermehrt auch auf die Täter. Das hat sicher damit zu tun, dass der Fingerzeig auf den lebenden Vater oder die Grosseltern heute wohl nicht mehr gegeben ist. Was die Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur angeht, sehe ich unverändert eine positive Entwicklung.

Was Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur angeht, sehe ich unverändert eine positive Entwicklung.
Autor: Josef Schuster

Alle Experten und Opfer sagen, der Anschlag sei nur eine Frage der Zeit gewesen. Wird es weitere blutige Anschläge geben?

Das hoffe ich nicht, kann es aber nicht ausschliessen. Die hundertprozentige Sicherheit vor Anschlägen gibt es nirgends mehr auf dieser Erde. Fakt ist allerdings, dass in Halle die notwendigen polizeilichen Sicherheitsmassnahmen zum Schutz einer Synagoge an hohen jüdischen Feiertagen sträflich vernachlässigt wurden. Wenn Halle etwas Positives hat, dann dass die Sicherheitsbehörden in den Regionen mit Defiziten hellwach geworden sind.

Wenn Halle etwas Positives hat, dann dass die Sicherheitsbehörden in den Regionen mit Defiziten hellwach geworden sind.
Autor: Josef Schuster
Türe der Synagoge mit Einschusslöchern,
Legende: Einschusslöcher in der Türe der Synagoge von Halle. Sie schützte die 51 Menschen, die zurzeit des Angriffs im Gebäude Jom Kippur feierten. Keystone/Archiv

Hat Corona den Antisemitismus verstärkt. Es gab an Kundgebungen von Demonstranten mit Judenstern und der Aufschrift «ungeimpft».

Immer wenn etwas Dramatisches geschieht, das man nicht so richtig fassen kann, werden Schuldige gesucht. Das ist jetzt nicht anders als im Mittelalter mit der Pest. Den Juden wurde damals vorgeworfen, sie hätten die Brunnen vergiftet. Auch damals brannten Synagogen. Jetzt wird erneut bei Minderheiten die Schuld gesucht. Insoweit kommen genau diese kruden Thesen auf den Tisch und fördern die antisemitische Stimmung.

Immer wenn etwas Dramatisches geschieht, das man nicht so richtig fassen kann, werden Schuldige gesucht.
Autor: Josef Schuster

Das Gespräch führte Peter Voegeli.

Das Attentat von Halle

Am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag, wollte der damals 27-Jährige Stephan B. mit selbstgebauten Waffen ein Blutbad in der Synagoge von Halle anrichten, in der sich 51 Personen befanden. Er scheiterte an der hölzernen Eingangstür. Darauf tötete er aus Frustration zwei unbeteiligte Passanten und verletzte mehrere zum Teil schwer. Er filmte den Anschlag selbst mit einer Helmkamera, gestand die Tat und seinen Hass auf Juden. Der Fall deckte auch massive Defizite bei der örtlichen Polizei auf. Denn sie kannte weder den Standort der Synagoge, noch wusste sie, dass an diesem Tag Jom Kippur gefeiert wurde. Entsprechend fehlten die polizeilichen Sicherheitsmassnahmen.

Rendez-vous, 18.12.2020, 12:30 Uhr;

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59 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Jede extreme Haltung ist fragwürdig und die Afd dürfte von mir aus auf dem Misthaufen entsorgt werden. Es ist doch voraussehbar, dass Hemmschwellen sinken, wenn abwertende Aeusserungen salonfähig werden. Ich befürchte nicht nur in Deutschland gewalttätige Reaktionen. Die Saat die Trump in den USA säht wird embenso aufgehen. Morddrohungen gegen Wahlhelfer sind ernst zu nehmende Indizien.
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  • Kommentar von Lothar Drack  (spprSso)
    Es ist erschütternd, wieviele auch hier in diesen Kommentarspalten – in der Schweiz – sich für jene antisemitischen, im Kern faschistischen Kreise stark machen. Oder sich auf ein simplifizierendes Rechts-Links-Schema einschiessen. Antisemitismus gibt es, wie irgendwelche Varianten von Rassismus, in jeder politischen Couleur, wenn auch nicht überall gleich ausgeprägt.
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Es sind nicht viele, allein elf Kommentare stammen von " Knell".
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    2. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      " sich für jene antisemitischen, im Kern faschistischen Kreise stark machen. Es sind nicht viele, allein elf Kommentare stammen von " Knell"." Ich weiss nicht wie Du auf elf kommst. Herr Drack wer macht sich denn Stark für antisemitische, faschistische Kreise hier. Zitieren sie mal.
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    3. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      Ich bedaure, dass es kein Zitat gab. Das ist doch der Hinweis, dass die Behauptungen nicht stimmen. Aber Hauptsache einfach so gesagt. Aber warum dann noch erschüttert sein? Eigentlich müsste Drack und Plana sich doch freuen, wenn solche Behauptungen nicht getätigt worden sind.
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  • Kommentar von Albert Planta  (Plal)
    Die AfD soll sich endlich von ihren faschistischen Mitgliedern trennen. Vorher ist sie nicht glaubwürdig.
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    1. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      "Die AfD soll sich endlich von ihren faschistischen Mitgliedern trennen" Sehr richtig gesagt. Dieser Flügel gibt es natürlich. Und der muss weg, wie Du sehr gut schreibst. Ich war nur irritiert weil Du um 17;47 es so geschrieben hast, als würdest Du die gesamte Partei meinen. Finde ich super, weil dies klargestellt hast.
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    2. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Das wird die AfD nie und nimmer, Herr Planta, sich vom Hauptharst der Wählerschaft zu trennen ist politischer Selbstmord. (3. Anlauf, 2. um 6:30, 1. gestern um 22:30)
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    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Um 17:37 habe ich keinen Kommentar gesendet und würden sie mich nicht mit du ansprechen, ich kenne sie nicht!
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    4. Antwort von Markus Kappeler  (markant)
      Genau und die Linken sollen sich vom Linksextremen Flügel trennen.
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    5. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Es sind Extremisten jeder Couleur zu verurteilen, aber in diesem Artikel beschwert sich der Zentralrat der Juden über die AfD.
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    6. Antwort von Sam Brenner  (Sam Brenner)
      Die AfD wird sich wohl kaum von ihren Schwarzhemden trennen, sonst wird sie wieder in dem Bodensatz verschwinden, aus dem sie gekommen ist.
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    7. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      Aber Aber wer wird denn gleich so echauffiert. Ich bin halt kein AFD-Fan und "Die AfD soll sich endlich von ihren faschistischen Mitgliedern trennen. Vorher ist sie nicht glaubwürdig." Das stimmt einfach Plantage Du sagst das völlig korrekt. Und ich finde es gut, hast Du Dich im Gegensatz zum Kommentar von 17;47 Uhr korrigiert. Die AFD hat ganz eindeutig mindestens einen Rechtsextremen Flügel. Aber halt doch nicht die gesamte Partei.
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    8. Antwort von Mihai Löchli  (Siebenbürgen)
      @Brenner, sind die Grünen auch aus dem Bodensatz gekommen, nur einfach ein paar Jahre früher?
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    9. Antwort von Sam Brenner  (Sam Brenner)
      ML: Nicht soweit mir bekannt, aber Sie dürfen selbstverständlich Ihren eigenen Senf dazugeben.
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    10. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Nett, wie Siebenbürger seine Sicht auf die Welt in eine Frage packt. Nun, während die einen von «Blut und Boden» schwafeln, kümmern sich andere um die «Erde, die uns ernährt». Da sind Welten dazwischen, Herr Löchli.
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    11. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      Dagmar Knell, wenn sie die Grünen mit der AFD vergleichen, tun sie mir schon etwas leid. Die Grünen setzen sich für eine bessere Welt ein und die AFD für total etwas anderes. Bitte legen sie doch einmal die Rosarote Brille ab.
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    12. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      "Dagmar Knell, wenn sie die Grünen mit der AFD vergleichen, tun sie mir schon etwas leid. Die Grünen setzen sich für eine bessere Welt ein" Wo soll ich das denn gesagt haben. Zitiere doch einfach mal. Ich teile aber diese Begeisterung für die Grünen. Sie setzen sich für eine bessere Welt ein. Für sich selber und die finanzielle Einnahmeseite. Die Buchhaltung wird so zur besseren Welt.
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    13. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      "Die Grünen setzen sich für eine bessere Welt" Wer das denkt tut mir schon etwas leid. Mit fremdem Geld, wovon ein ordentlicher Teil zu eigenen Bezügen umfunktioniert werden. Und dann sich noch auf die Schulter klopfen wie tolle man sei. Wo haben denn die Grünen mit eigenem Geld und mit eigenem Verzicht irgendetwas geleistet? Zudem geht es um Deutschland und die AFD und nicht um die Grünen. Oder öppe nöd
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    14. Antwort von Dagmar Knell  (DagmarKnell)
      Vielen, lieben Dank für den Kommentar um 08:11. Ich kann gar nicht die Begeisterung darüber gebührend zum Ausdruck bringen. Ein echter Erheiterung und Aufsteller. Da hat sich der Aufwand ja wirklich gelohnt. Gut hat die Staatsanwaltschaft nicht nachgelassen und nun die Höchststrafe für den Täter erreicht. Hoffe er kommt nie wieder auf freiem Fuss.
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