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Bilanz Nato-Gipfel Der «Geist von Ankara» ist noch nebulös

Im protzigen Präsidentenpalast von Ankara, wo der Nato-Gipfel stattfand, gibt es 1150 Räume. Da kann man sich schon mal verirren.

Verirrt und verwirrt wirkten die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Mitgliedländer indes nicht primär wegen der Örtlichkeit, sondern angesichts ihrer Aufgabe: die Nato neu erfinden. Zwar ist nun allen klar, was die westliche Militärallianz nicht mehr ist. Weniger jedoch, was sie künftig sein und wie sie funktionieren soll.

Nato muss europäischer werden

Immerhin: Auf dem Gipfel war man sich einig. Die Nato muss europäischer werden. Und es gab konkrete Schritte, damit sie es auch wird. Mehr Geld von fast allen europäischen Ländern. Neue Rüstungsprojekte und so mit der Zeit auch mehr Kampfkraft der Europäer. Denn US-Präsident Donald Trump macht klar: Auf ihn kann Europa nicht zählen. Er ist weiterhin überzeugt, dass die USA noch immer fast allein die Lasten schultern. Grönland zu annektieren, wird bei ihm zur fixen Vorstellung. Ebenso, dass die Europäer sich am amerikanisch-israelischen Iran-Krieg hätten beteiligen müssen. Dieser Dissens zeigt zugleich: Die USA und Europa haben geopolitisch ganz andere Prioritäten.

Im Ukraine-Krieg wiederum will Washington bloss an der Bande stehen. Sein Land, so Trump in Ankara, sei einen Ozean weit weg. Dafür schwadroniert er von einem baldigen Frieden, ohne auch nur anzudeuten, worauf seine Zuversicht gründet.

Von Trump gibt es in der Nato also kaum noch Hilfe, dafür Vorwürfe ohne Ende. Geht es um die Rolle der USA in der Nato, besteht wohl bestenfalls die Aussicht, dass sie – unter einem neuen Präsidenten – bei der Fahne bleiben, wenngleich mit weitaus bescheidenerem, aber dafür hoffentlich wieder verlässlichem Engagement.

Wer gibt künftig den Ton an?

Der Nato kommt ihre Führungsmacht abhanden. Das hat finanzielle und militärische Folgen, aber ebenso politisch-strategische. Erstmals stellt sich die Frage: Wer gibt künftig im Bündnis den Ton und den Takt an? Bisher war allen klar: die USA. Doch in Zukunft: Deutschland als europäisches Schwergewicht? Ein deutsch-französisches Tandem? Ein britisch-französisch-deutsch-polnisches Quartett? Würden all die anderen das jemals akzeptieren?

Die Gefahr ist gross, dass eine europäischere Nato genau jene Differenzen importiert, welche seit Jahrzehnten die EU aussen- und sicherheitspolitisch lähmen. Eine überzeugende Lösung, genau das zu vermeiden, hat niemand.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz beschwört zwar einen «Geist von Ankara», doch der bleibt nebulös. Die neue, europäischere Nato ist gestartet, aber harzig. Und holprig dürfte es weitergehen.

Ein Zeichen dafür: Eigentlich sollte nächstes Jahr der Nato-Gipfel in Albanien stattfinden. Nun ist auf einmal völlig offen, ob es 2027 überhaupt einen gibt. Auch hier: Der Weg in die Zukunft ist verschlungen.

Fredy Gsteiger

Diplomatischer Korrespondent

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Fredy Gsteiger ist diplomatischer Korrespondent und stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».

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