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Beim Brand in Moria starb am Montag ein Kind
Aus SRF 4 News aktuell vom 17.03.2020.
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Brand im Flüchtlingscamp Moria «Als wären sie Menschen zweiter Klasse»

Im überfüllten Flüchtlingslager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat es am Montag gebrannt. Dabei starb ein sechsjähriges Kind. Der Vorfall zeige, wie verletzlich die 20'000 Menschen dort seien – vor allem auch angesichts einer drohenden Coronavirus-Welle, sagt die Journalistin Rodothea Seralidou.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Freie Journalistin

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Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

SRF News: Wie ist es zum Brand in Moria gekommen?

Die Ursache ist noch unklar. Griechische Medien berichten aber, das Feuer sei zu einer Zeit ausgebrochen, als viele im Camp ihr Mittagessen kochten. Gleichzeitig herrschte starker Wind, das Feuer konnte sich schnell ausbreiten. Mindestens zwei Wohncontainer und mehrere Zelte sowie selbstgebaute Hütten wurden zerstört, ein Kind konnte nur noch tot geborgen werden.

Im völlig überfüllten Lager auf Lesbos kommt es immer wieder zu Bränden. Wieso bekommt man dieses Problem nicht in den Griff?

In Moria leben mehr als 20'000 Menschen zusammengepfercht um ein Flüchtlingscamp, das eigentlich nur Platz für 3000 Menschen bietet. Es fehlt am Nötigsten, die Leute machen Feuer, um nicht zu erfrieren oder um Essen zu kochen.

Wenn im Camp ein Feuer ausser Kontrolle gerät, ist es schwer zu löschen.

Wer keinen Zugang zu Strom hat, versucht die Stromleitungen im Camp zu kappen und Strom zu ziehen, was zu einem Kurzschluss führen kann. Wenn im Camp das kleinste Feuer ausser Kontrolle gerät, ist es schwer zu löschen.

Feuerwehrauto zwischen Hütten und Menschen, aus der Ferne fotografiert.
Legende: Beim Brand im Flüchtlingslager von Moria starb am Montag ein Kind. Reuters

Wie gross ist die Angst vor einer Coronavirus-Epidemie im Lager Moria?

Die Angst ist gross – bereits gibt es einen ersten Corona-Patienten auf der Insel. Die Flüchtlinge und Migranten gehen im Camp ein und aus, fahren in die Stadt, kaufen im Supermarkt ein, sie könnten sich theoretisch jederzeit anstecken. Mittlerweile gibt es Helfer, die versuchen, die Leute im Camp über das Coronavirus und die nötigen Verhaltensänderungen in ihren Muttersprachen zu informieren. Dasselbe geschieht in den sozialen Netzwerken.

Das einzige Krankenhaus auf der Insel ist jetzt schon komplett überlastet.

In einem Camp mit so vielen Menschen auf engstem Raum will man sich wirklich nicht ausmalen, was passieren würde, wenn es dort auch nur einen einzigen Corona-Patienten geben würde. Oft reicht das Wasser nicht zum Duschen aus, Seife ist Mangelware. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit zur Desinfektion, viele Menschen sind krank und ernähren sich schlecht. Das einzige Krankenhaus auf der Insel Lesbos ist jetzt schon komplett überlastet. Die Menschen in Moria hätten überhaupt keine Chance auf eine fachgerechte medizinische Versorgung.

Die Evakuierung wird gefordert, weil die hygienischen Zustände katastrophal sind – und jetzt kommt noch die Gefahr durch das Coronavirus hinzu.

Die Ärzte ohne Grenzen haben mit Blick auf die Pandemie die Evakuation aller fünf Lager auf den Inseln in der Ägäis gefordert. Wie kommt das bei den Behörden an?

Die Evakuierung wird nicht nur wegen der Corona-Gefahr gefordert. Die Forderung besteht seit Längerem, vor allem weil die hygienischen Zustände im Camp katastrophal sind. Das Coronavirus kommt zu all dem dazu und macht das Ganze noch dringender. Die Forderung findet bei der griechischen Opposition Gehör. Doch die konservative Regierung schweigt bisher. Auch jetzt, nach dem Brand und dem Tod des Kindes in Moria, hat der Migrationsminister zwar sein Beileid getwittert, konkrete Massnahmen hat er aber nicht angekündigt.

Eine junge Frau kocht unter Plastikplanen.
Legende: Die Bedingungen in Moria sind katastrophal für die Flüchtlinge und Migranten. Reuters

Es gibt für die Flüchtlingslager also auch keine Notfallpläne, falls sich das Coronavirus dort verbreitet?

Davon ist nichts bekannt. Die griechische Regierung hat im ganzen Land Schulen und Spielplätze geschlossen, damit die Bevölkerung geschützt wird. Doch die Menschen in Camps wie Moria scheinen überhaupt nicht auf der Agenda zu stehen – als wären sie Menschen zweiter Klasse.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News aktuell, 07.50 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Beatrice Fiechter  (thea)
    Ich würde mir wünschen, dass niemand je in eine so hilflose, schäbige Lage kommen und dabei noch so viel Ablehnung einstecken muss! Irgendwann rächt sich das an uns allen, davon bin ich überzeugt!
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  • Kommentar von Beatrice Fiechter  (thea)
    Diese überfüllten Lager sind eine Schande für ganz Europa, die Schweiz inklusive! Die Zustände sind schon lange bekannt! Nur wegen Angst vor Wählerstimmenverlust u.den rechtsaussen Parteien traut sich niemand etwas zu tun! Das ist einfach nur feige! Griechenland kritisieren ist auch nicht angebracht,solange die Länder rundherum Griechenland nicht mit Anteilen von Flüchtlingen entlasten - ein schlimmer u.unfassbarer Makel auf Europa! Es gäbe vielfältige Soforthilfe, die schon lange machbar wäre.
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    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      In die Länder um GR wollen die Migranten aber nicht. Herr Erdogan sagte kürzlich zum Innenminister von GR, er soll doch auch die Grenzen öffnen, da die Menschen Migranten nicht in GR bleiben wollen. Es waren einige Journalisten vor Ort und haben die Leute inteviewt. Am 09.03.2020 war Stefan Bauer in Mytilini auf Lesbos und konnte einige der Migranten befragen: "Diskussion mit Migranten auf Lesbos"
      Griechenland wurde mit weit über zwei Milliarden unterstützt. Aber wo in was finanziert?
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Wer so dreist ist, Menschen in "Kategorien" zu unterteilen, ist ein beschämender Kleingeist und manövriert sich damit selber in die unterste, beschämendste "Kategorie" des "Homo sapiens"?
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