Zum Inhalt springen

Header

Audio
Brasiliens Favelas im Kampf gegen das Coronavirus
Aus Echo der Zeit vom 27.03.2020.
abspielen. Laufzeit 08:40 Minuten.
Inhalt

Brasilien in der Corona-Krise Bolsonaro will es besser wissen

Brasiliens Gouverneure ergreifen Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus. Doch Bolsonaro hält dagegen – ein Stillstand des Landes komme nicht infrage.

Jair Bolsonaro hält die Brasilianer für ziemlich widerstandsfähig: Sie würden sich «nicht mal etwas einfangen, wenn sie im Abwasser tauchen». Das Coronavirus sei für die meisten ja nur «ein Grippchen». Die Medien beschuldigte er mehrfach, eine Hysterie zu schüren.

Längst wirkt der brasilianische Präsident wie ein Geisterfahrer in einer Welt im Krisenmodus. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, doch Bolsonaro weiss es besser - und seine Aussagen bleiben nicht ohne Folge. Nach einer Ansprache am letzten Mittwoch, bei der er Schul- und Ladenschliessungen kritisierte, öffneten etwa in den Favelas in Rio de Janeiro viele Läden wieder, die zuvor geschlossen hatten. Gestern drehte der Präsident gar eine Runde in der Hauptstadt Brasilia, mischte sich unters Volk und besuchte geöffnete Geschäfte.

Es ist ein offener Konflikt zwischen Regionalregierungen und Präsident: Die meisten der Gouverneure haben längst Massnahmen angeordnet. Darunter Dekrete, die alle Geschäfte die nicht der Grundversorgung dienen, zum Schliessen zu zwingen. Doch Bolsonaro widerspricht: Arbeiten zu gehen, das könne doch kein Verbrechen sein. Damit wendet er sich auch gegen seinen Gesundheitsminister, der einen Kollaps des Gesundheitssystems Ende April befürchtet. Und in einem Interview fragte, ob Brasilien wirklich dazu bereit sei, «auf den Strassen Lastwagen der Armee beim Leichentransport zu sehen? Mit Live-Übertragung im Internet?»

Bedürftige trifft es hart

Tatsächlich ist die Ausgangslage schwierig: Das Gesundheitssystem ist unterfinanziert und überlastet. Und für Millionen von Brasilianern ist es unmöglich, Quarantäne-Massnahmen einzuhalten: Sie leben von der Hand in den Mund. Bolsonaros Schlussfolgerung: The show must go on, Arbeiten muss möglich sein. Der Präsident warf den regionalen Behörden vor, «verbrannte Erde zu hinterlassen, indem sie die Bevölkerung einsperren.»

Den Bedürftigen tut Bolsonaro damit vermutlich keinen Gefallen. «Die Armen werden an den Eingangstüren der Spitäler sterben», prophezeite ein Chirurg und Professor der Universidad de São Paulo in einem Fernsehinterview. Das Parlament hat derweil ein Projekt für ein Hilfspaket für informelle Arbeiter wie Strassenverkäufer angestossen, das zwar als ungenügend kritisiert wird - dennoch zeigt diese Initiative klar: Die Abgeordneten suchen nach einer anderen Antwort auf die Corona-Krise als ihr Präsident.

Die Zahlen sind alarmierend – Mehrheit für Ausgehbeschränkung

Box aufklappenBox zuklappen

Es gibt auch in Brasilien inzwischen mehr als 100 Tote und über 4.000 Infizierte – davon mehr als ein Viertel im Bundesstaat São Paulo. Studien legen zudem nahe, dass in Brasilien bisher nur einer von zehn Fällen überhaupt registriert wird. 73 Prozent der Brasilianer sprachen sich in einer Umfrage des Instituts Datafolha für Ausgehbeschränkungen aus.

Schuld auf andere schieben

Der Gouverneur von São Paulo, der bereits Quarantäne-Massnahmen angeordnet hat, hinterfragte kürzlich in einem Interview die geistige Gesundheit des Präsidenten. Das Verhalten Bolsonaros sei kein Zufall, vermuten andere: Indem er sich dafür ausspricht, die Wirtschaft am Laufen zu halten, könne er in einigen Monaten anderen die Schuld an der unvermeidbaren Krise geben. Eine heikle Strategie in einer Situation, in der es darum gehen sollte, Leben zu schützen.

Landesweit klopfen die Bürger Brasiliens aus Protest auf ihre Kochtöpfe

Jeden Abend klopfen Tausende aufs Neue aus Protest gegen die Regierung auf Kochtöpfe, sie stehen an den Fenstern, auf den Balkonen. Doch auch Bolsonaros Unterstützer äussern sich lautstark. Am Dienstag wollen sie wieder losfahren, in Autokorsos, um in Regionen mit Quarantäne-Massnahmen die Wiedereröffnung aller Geschäfte zu fordern. Vor einer Ansteckung dürften sie in ihren Autos geschützt sein.

SRF 4 News, 28.03.2020, 05.00 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

25 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Ulrich Zimmermann  (Crocc)
    Viele ärmere Länder haben kaum eine Möglichkeit die Ansteckungen zu steuern. Sie werden durchseuchen müssen, bis das Virus von alleine stoppt. Dass sie dabei ihre Wirtschaft zu retten versuchen, ist vernünftig und gut. Später werden wir dann sehen, ob diese Variante zur Herdenimmunität nicht besser abläuft, als die Verzögerungstaktik mit Teilquarantäne, die unser Wirtschaft fast stilllegt und immense Verlust bringt. Diese Milliarden müssen unsere Jungen über Jahre zurückzahlen.
    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Crocc. Stimmt. Es wird sich in einigen Jahren zeigen, wo die Verluste grösser sind. Auch Sie wissen es nicht.
    2. Antwort von Walter Gut  (Walter Gut)
      Herr Zimmermann, sie würden besser schweigen den ich glaube kaum, dass Sie es besser wissen.
      Der BR und das BAG handel richtig und im Sinne der Bevölkerung.
  • Kommentar von Peter Heckendorn  (Heck)
    Und was ist in Schweden? Da macht der schwedische Präsident Löfven (sozialistische Arbeiterpartei) auch viel zu wenig, um das Covid-19 Problem in Schranken zu halten, ähnlich wie Bolsonaro. Warum wird der nicht auch an den Pranger gestellt? Klar, er ist in der "richtigen" Partei.
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Peter Heckendorn Sozialdemokratische Arbeiterpartei
    2. Antwort von Rudolf Räber  (Eins)
      In Schweden wird Covid-19 nicht als Grippchen dargestellt. Die haben im Gegensatz zu Bolsonaro eine klare Strategie, zudem kann man die Gesundheitssysteme der Länder kaum vergleichen.
    3. Antwort von Daniel Häberlin  (Svensk)
      Es liegt nicht an der Partei, Sie blenden hier die wahren Gründe aus. Erstens hat Löfven meines Wissens die Corona-Krise nie verharmlost, und die lockeren Schutzmassnahmen sind in Schweden auch allgemein akzeptiert. In Brasilien hingegen schlägt man lokal schon längst Alarm, und Bolsonaro streitet die Krise immer noch ab. Zweitens kommen in Brasilien die dichtgedrängten städtischen Elendsquartiere und das marode Gesundheitssystem noch erschwerend hinzu - beides Probleme, die Schweden nicht hat.
  • Kommentar von Urs Stäbler  (Stab)
    Man wusste ja schon vor den Wahlen, dass Bolsonaro korrupt und gnadenlos vor allen gegenüber der armen Bevölkerung und gegenüber Frauen. Die Brasilianer haben ihn trotzdem gewählt. Nun sehen sie seinen wirklichen Charakter.
    1. Antwort von Armin Hug  (Hugi)
      so ein Blödsinn! Warum hat ihn wohl die Kirche unterstützt? Die Option war die korrupte und unfähige Linke, die 16 Jahre Misswirtschaft betrieben hat und die Bevölkerung geteilt und gegenseitig aufgehetzt hat. Würde ich ausschliesslich der europ. Presse folgen, käme ich aber vermutlich zum gleichen Urteil wie Sie.
    2. Antwort von kurt trionfini  (kt)
      Leider stimmt das mit dem korrupten und gnadenlosen Bolsonaro genau so wie das mit der korrupten und wenig kompetenten Linken vor Bolsonaro...
    3. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Armin Hug. Welche Presse gibt dann ein anderes Bild?