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Britische Regierung testet Notfallszenario für harten Brexit
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.01.2019.
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Briten machen Lastwagen-Test «Der eigentliche Stau entsteht woanders»

Was tun, wenn sich nach einem vertragslosen Austritt Grossbritanniens aus der EU die Lastwagen vor dem Fährhafen Dover wegen Zollkontrollen kilometerlang stauen? Dieses Szenario eines harten Brexit hat die Regierung heute getestet und dafür 150 Lastwagenfahrer aufgeboten.

Martin Alioth

Martin Alioth

Grossbritannien- und Irland-Korrespondent, SRF

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Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

SRF News: Wie muss man sich diesen Brexit-Test vorstellen?

Martin Alioth: Die 150 Lastwagen sind auf dem ehemaligen Militärflughafen Manston nahe der Hafenstadt Ramsgate parkiert. Diese werden dann tröpfchenweise auf die Fahrt nach Dover geschickt. Um herauszufinden, in welcher Kadenz diese Lastwagen losfahren können, damit im Verladehafen Dover kein Stau entsteht.

Im Ernstfall wären es tausende von Lastwagen, die warten müssten. Wie sinnvoll ist dieser Test?

Das ist tatsächlich fraglich. Manston allein hat eine Kapazität für 6000 Lastwagen. Das ist aber nur der Überlauf. Die eigentliche Masse von gestauten Lastwagen wird auf zwei Spuren der Autobahn zwischen London und Dover parkiert werden. Manston käme also nur im schlimmsten Fall ins Spiel. Der eigentliche Stau ist woanders.

Die Regierung hat zusätzliche Fähren gebucht. Ein Millionenauftrag ging an eine Firma, die noch nie ein Frachtschiff betrieben hat. Das kam nicht gut an?

Nein, aber es hat für Amusement gesorgt. Die gewählte Firma «Seaborne Freight» hat gar keine Schiffe und keine Erfahrung mit Fährbetrieb. Deren Chef Glenn Dudley auch schon einmal bankrottgegangen, weil er seine Steuern nicht bezahlte. Nun erhielt er einen Auftrag über 13,8 Millionen Pfund, um Lastwagen von Ramsgate nach dem belgischen Ostende zu befördern. Allerdings ist der Hafen von Ramsgate für Fährschiffe zurzeit nicht zugänglich. Die Regierung hat ihr Vorgehen damit begründet, dass neue Firmen mit unternehmerischem Elan gefördert werden sollen. Die beiden anderen Aufträge gingen immerhin an erfahrene Fährdienstfirmen.

Was sagen die jüngsten Entwicklungen über den Brexit-Prozess aus?

Man kann das von zwei Seiten betrachten. Eine erste Perspektive gesteht der Regierung eine gewisse Raffinesse zu, wonach sie eine Drohkulisse aufbaue, um ihren wankelmütigen Abgeordneten vorzuführen, wie katastrophal dereinst ein vertragsloser Zustand wäre. Deshalb sollen sie in etwa zehn Tagen für den mit Brüssel ausgehandelten Kompromiss stimmen.

Die Aktion ist wohl eher dilettantisch als raffiniert.
Autor: Martin AliothGrossbritannien- und Irland Korrespondent SRF

Eine zweite Perspektive ist, dass die eine Hand der Regierung nicht weiss, was die andere tut und dass es sich tatsächlich um Dilettantismus und Inkompetenz handelt. Der lange Sündenkatalog mit Pannen, Fehlern und Fehleinschätzungen von Transportminister Chris Grayling legt die zweite Variante nahe.

Das Gespräch führte Antonia Moser.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Was tun, wenn sich nach einem vertragslosen Austritt Grossbritanniens aus der EU die Lastwagen vor dem Fährhafen Dover wegen Zollkontrollen kilometerlang stauen? Naja, die EU (Brüssel) ist damit auch zu einem Teil verantwortlich. Besonders Deutschland und Frankreich werden es zu spüren bekommen. Kann sein, dass man dann eine andere Lösung sucht. GB guten Kompromiss anbieten? GB wird ihren Weg gehen , auch wenn er am Anfang hart sein wird. Jede Medaille hat zwei Seiten. Abwarten!
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    1. Antwort von Falco Kirschbein  (GrafKrolock)
      Was für ein Kompromiss? Genau der steht ja gerade davor, seitens GB abgelehnt zu werden und sah eigentlich vor, einen möglichst milden Übergang zu gewährleisten - was aber eben naturgemäß für beide Seiten gilt.
      Sicherlich werden D und F es zu spüren bekommen, aber klar ist auch, dass GB für diese Länder zwar ein wichtiger Markt, aber auch kein Schlüsselmarkt wie der der USA ist. Umgekehrt und vor allem für die Iren sieht es durchweg dramatischer aus.
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  • Kommentar von Max Wyss  (Pdfguru)
    Ebenfalls gemäss Social Media sind von den 150 aufgebotenen Lastwagen nur knapp die Hälfte aufgekreuzt. Herr Alioth hat leider ziemlich recht mit seiner Einschätzung der Situation, insbesondere des Leistungsausweises von Herrn Grayling (es ist erstaunlich wieviel Mist ein einzelner Minister überhaupt bauen kann).
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  • Kommentar von Max Wyss  (Pdfguru)
    Gemäss britischen Social Media-Meldungen ist die Situation mit der Firma "Seaborne Freight" noch viel "amüsanter". Der Chef scheint ein guter Freund von Mr. May (dem Ehemann von Theresa May) zu sein, und sonst auch sehr enge Beziehungen zur engsten Brexit-Szene zu haben. Die Website der Firma wurde von einem Schnellimbiss kopiert, und zugehörige Zertifikate sind von extrem kurzer Laufzeit (3 Monate, Verfall Februar 2019). Sie wird als Musterbeispiel der Korruption der Regierung May dargestellt.
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