Der Nullmeridian der Royal Mail ist grün, sechseckig und steht an der Aldersgate Street im Zentrum von London.
-
Bild 1 von 2. Der erste Briefkasten des Vereinigten Königreichs war noch grün – und ist in der Nähe des Hauptquartiers der Royal Mail noch immer im Einsatz. Bildquelle: SRF / Patrik Wülser.
-
Bild 2 von 2. Robert Cole kennt die britischen Briefkästen bis auf die Schraube. Bildquelle: SRF / Patrik Wülser.
«Um die Ecke befindet sich die St. Paul’s Cathedral und gleich hinter uns steht das Hauptquartier der Royal Mail», erklärt Robert Cole. Er ist Kurator der königlichen Gesellschaft der Briefkastenfreunde. «Deshalb wurde 1860 genau hier der erste Briefkasten des Vereinigten Königreichs aufgestellt.» Damals waren sie noch olivgrün. «Damit man sie besser sieht, wurden sie später feuerrot gestrichen.»
Briefkästen als Machtdemonstration
Gleich sind die Briefkästen trotzdem nicht. 800 bauliche Unterschiede sind in den Büchern der Briefkasten-Freunde katalogisiert. Oft seien es nur kleine Nuancen wie dickere Schrauben oder eine Randverzierung, die nur einem Kenner auffallen würden, erzählt Cole.
«Diese beiden Briefkästen hier gleich um die Ecke sehen auf den ersten Blick zwar fast gleich aus. Aber wenn man genau hinschaut, ist auf dem einen das Monogramm von König Eduard VII. zu sehen. Auf dem anderen dagegen das Monogramm von König Georg V.» Schwarz seien die beiden Kästen, weil sie nicht mehr im Betrieb sind.
Auf jedem Briefkasten im ganzen Königreich sieht man anhand des Monogramms, unter welcher Regentschaft der Kasten errichtet wurde. Subtil würden die Untertanen so zudem an jeder Strassenecke daran erinnert, dass sie in einer Monarchie leben.
Die feuerroten Gusseisen-Säulen bildeten nicht nur die Basis des Kommunikations-Netzwerks des analogen Zeitalters, sie seien ebenso hoheitliche Landmarken gewesen. «London konnte von Indien bis Schottland seine territorialen Ansprüche markieren. Briefkästen waren also auch eine imperiale Machtdemonstration.»
Ein begehrtes Diebesgut
Für die royale Gesellschaft der Briefkastenfreunde sind die roten Gusseisen-Säulen eine Art dreidimensionales Geschichtsbuch. Anhand des königlichen Monogramms auf einem Briefkasten lässt sich z.B. ableiten, in welcher Epoche ein Wohnquartier oder eine Siedlung errichtet wurde.
-
Bild 1 von 4. Zwei Monate nach der Krönung, am 6. Juli 2023, besuchen König Charles III. und Camilla Schottland und erweisen auch einem royalen Briefkasten die Ehre. Bildquelle: Imago / Andrew Milligan / Avalon UK.
-
Bild 2 von 4. Die roten Briefkästen sind Teil des Strassenbilds – und werden heute noch genutzt. Bildquelle: SRF / Patrik Wülser.
-
Bild 3 von 4. Die Gusseisen-Säulen sind Zeugen der Zeit: Jede ist mit einem Monogramm des jeweiligen Regenten oder der Regentin versehen. Bildquelle: SRF / Patrik Wülser.
-
Bild 4 von 4. Mit Abstand am häufigsten findet man das Monogramm der verstorbenen Queen Elizabeth II. auf den roten Säulen. Bildquelle: SRF / Patrik Wülser.
Fast zwei Drittel der Briefkästen im Vereinigten Königreich tragen das Monogramm der verstorbenen Queen. Von Eduard VIII., der 1936 bereits nach einem Jahr unter skandalösen Umständen die Krone niederlegte, gibt es nur eine Handvoll davon.
Einzelne Briefkästen sind unter Sammlern so begehrt, dass sie gelegentlich nachts gestohlen werden. Ein Vandalismus, der Cole fast das Herz bricht. Ein Briefkasten sei nicht einfach ein Stück Gusseisen, sondern habe eine Seele.
Wenn Robert Cole an die Freuden und Dramen des Lebens denkt, die durch diese Briefkästen gewandert sind, geht ihm das Gedicht «Night Mail» des britischen Dichters W. H. Auden durch den Kopf.
Auch wenn heute meist mehr mit dem Computer getippt als von Hand geschrieben wird, bleiben die feuerroten Briefkästen stehen. Sie sind längst keine Hoheitszeichen mehr, aber stille Überbleibsel der imperialen Vergangenheit. Wegmarken, die in brüchigen Zeiten ein Gefühl von Beständigkeit und Nostalgie vermitteln.
Gerade wurden 3500 neue Briefkästen mit dem Monogramm von König Charles III. gefertigt, obwohl der König längst nicht mehr der Eigentümer der Royal Mail ist. Diese gehört inzwischen einem tschechischen Milliardär.