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Bürgerkrieg in Jemen «Das ist eine Schande für die Menschheit»

Die jemenitische Menschenrechtlerin Antelak Al Mutawakel erlebt die Not in der Hauptstadt Sanaa hautnah.

Legende: Audio Die Situation in Jemen ist dramatisch abspielen. Laufzeit 08:15 Minuten.
08:15 min, aus Rendez-vous vom 19.11.2018.

Früher, wenn sie auf Reisen war, brachte sie Geschenke nach Hause. Heute versuche sie im Ausland Medikamente aufzutreiben, die vielleicht einen Nachbarn, eine Bekannte, einen Verwandten retten können.

Antelak Al Mutawakel

Antelak Al Mutawakel

Jemenitische Menschenrechtlerin

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Antelak Al Mutawakel unterrichtet an der Universität in Sanaa Sozialwissenschaften und Genderstudies. Die 58-Jährige setzt sich für Menschenrechte und Bildung in Jemen ein und hat mehrere entsprechende Organisationen mitgegründet.

Antelak Al Mutawakel schildert eindringlich, wie dreieinhalb Jahre Krieg das Leben für Millionen Menschen in Jemen zum Überlebenskampf reduziert haben. «Jeder Tag bringt neue Katastrophen.»

Ein Volk von Bettlerinnen

«Viele betteln, die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder», sagt Mutawakel. Sie bettelten zu Hunderten in den Strassen der jemenitischen Hauptstadt, wühlten in den Abfällen nach etwas Essbarem. Achtzig Prozent der jemenitischen Bevölkerung sind angewiesen auf humanitäre Hilfe in der einen oder anderen Form, schätzt die UNO.

Mutawakel hat in London Englisch studiert, sie unterrichtet an der Universität in Sanaa Sozialwissenschaften, Genderstudies, der Lehrbetrieb geht irgendwie weiter – ohne Lohn.

Der Konflikt geht weiter

Die eine Seite in diesem Konflikt, die Huthis – Gefolgsleute Gottes, wie sie sich selber nennen – überweisen der anderen, der sogenannten Regierungsseite in Aden keine Steuereinnahmen mehr. Die Regierungsseite hält im Gegenzug die Beamtenlöhne zurück, von denen jenseits der Frontlinie direkt oder indirekt wohl gegen neun Millionen Menschen abhängen.

Die internationalen Hilfsorganisationen sind vor Ort. Ohne sie wäre Jemen längst völlig zusammengebrochen. «Die humanitäre Hilfe ist hat guten und schlechte Auswirkungen gleichzeitig», so Mutawakel.

Was aufgebaut wurde, ist zerstört

Die Hilfe mache die Bevölkerung zu Almosenempfängern. Antelak Al Mutawakel schmerzt das. Als Menschenrechtlerin habe sie über Jahrzehnte versucht, Aufbauarbeit zu leisten: Hilfe zur Selbsthilfe, eine jemenitische Zivilgesellschaft heranwachsen zu lassen, die Rolle der Frauen darin zu stärken.

Die meisten haben nichts. Gar nichts.
Autor: Antelak Al Mutawakeljemenitische Menschenrechtlerin

Der Krieg zerschlägt die Früchte auch dieser Arbeit. Gleichzeitig zersetzt er die Gesellschaft. Auf beiden Seiten bestärkten sich fundamentalistische Kräfte gegenseitig. Obwohl religiöser Extremismus eigentlich quer zur jemenitischen Tradition stehe.

Antelak Al Mutawakel unterstellt Absicht: «Die Radikalisierung ist ein Instrument der Kriegsführung», sagt sie. «Das Problem in Jemen ist nicht Schiiten gegen Sunniten. Doch sie versuchen uns auseinanderzutreiben in einem absurden Kampf um Macht und Pfründen.»

«Eine Schande für die Menschheit»

Der Krieg habe auch Profiteure hervorgebracht, vor allem dank der Korruption. Währenddessen hat die grosse Mehrheit gar nichts, so die Universitätsdozentin aus Sanaa: «Die meisten haben nichts. Gar nichts.»

Mädchen und eine Unterkunft aus Tüchern
Legende: Ein Mädchen ausserhalb ihrer Notunterkunft in Sanaa. Reuters

Die Uno nennt den Jemen-Krieg die schlimmste humanitäre Krise der Gegenwart. Praktisch die Hälfte der Bevölkerung sei inzwischen unmittelbar von Hunger bedroht: «Menschen sterben. Das ist eine Schande für die Menschheit.»

Sie hoffe, dass die Staatengemeinschaft erwache und in allen Ländern der Druck wachse auf die Regierungen, damit Jemen wieder zur Ruhe komme. Der Jemenkrieg sei keine Naturkatastrophe, sondern von Menschen gemacht. Er könne beendet werden. Und es sei dringend, angesichts des Sterbens und der Not, dass das geschehe.

Grafik Steckbrief Jemen

SRF 1, Rendez-vous, 12:30 Uhr; kocm;

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12 Kommentare

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  • Kommentar von R. Raphael (R.Raphael)
    Frūher zogen die USA vermehrt selber in den Krieg und brachten Särge nach Hause was der Bevölkerung missfiel. In dem sie Saudiarabien zum Vassallen rekrutierten, entfällt diese Schande, und sie können getarnt und verdeckt ihre Ziele verwirklichen. Die echte Schande aber ist dass es alle Länder dieser Erde es wissen, und niemand ausser Iran und z.T. Russland sie stoppt.
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    1. Antwort von Samuel Müller (Samuel Müller)
      Die Amis und die Russen sind an allem Schuld ... und vorallem Trump, Trump ganz besonders!! (Ironie aus)
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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Falsch, der Krieg ist eine Schande für die USA, denn diese sponsert diesen Krieg über ihren Alliierten Saudi-Arabien. Immer wieder setzen europäische Medien die USA mit der “Welt“ oder hier gar der “Menschheit“ gleich.
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  • Kommentar von Hans Wüthrich (Hans007)
    Das hatten wir in Mitteleuropa auch einige Male, endlose Kriege über lange Zeiträume, mit Millionen von Toten, ungezählte Städte und Dörfer flach, ganze Landstriche leergefegt, und jegliche menschlichen Errungenschaften weggefegt. Das wird auch in Jemen so sein, die werden erst aufhören, wenn alles kaputt ist. Das ist der Mensch, wenn er sein dünnes humanistisches Mäntelchen abstreift. Dabei geht es wie immer und überall um Geld und Macht und nur vordergründig um Religion.
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    1. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Es ist kein Bürgerkrieg, wenn das Nachbarland mit einer modernen Luftwaffe mit US Kampfflugzeugen das Land flächendeckend bombardiert.
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