In einem Studio in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh sitzt Influencerin Su Heng vor einer Kamera. Sie wettert gegen die Regierung Taiwans, die kritisch gegenüber Peking ist. Sie befürworte eine Vereinigung mit dem Festland. Eine friedliche, wie sie sagt, denn: «Niemand möchte, dass seine Heimat durch Krieg zerstört wird.»
Su ist überzeugt, die Regierungsführung auf dem Festland sei «besser, stabiler, wissenschaftlicher und logischer». Das sei ihre eigene Meinung und sie werde dafür nicht bezahlt.
Pekings Propaganda abwehren
Aber genau dieser Verdacht schwebt über den Peking-nahen Influencern in Taiwan. Sie seien ein zentrales Element der sogenannten kognitiven Kriegsführung Pekings, sagt das Ermittlungsbüro des Justizministeriums MJIB.
Der stellvertretende Direktor Sun Cheng-yi erklärt: «Dazu gehört das Verbreiten von Falschmeldungen, gezielte Stimmungsmache und das Untergraben von Vertrauen.» Das Kernziel sei, «das Denken und das Verhalten der Leute zu ändern durch das Streuen von falschen und verzerrten Informationen».
Tausende solcher Angriffe würden auf der Insel jährlich registriert. Deshalb gibt es in Taiwan seit diesem Jahr ein entsprechendes Forschungs- und Massnahmenzentrum.
Meinungsfreiheit infrage gestellt
Influencer wie Su Heng sind dabei nicht per se illegal. Entscheidend sei, ob sie von Peking finanziert oder instruiert werden. Erst wenn stichhaltige Beweise für Anweisungen der Kommunistischen Partei Chinas vorlägen und die Handlungen der Influencer illegal seien, dann ergreife man Massnahmen, sagt Sun.
Er wiederholt mehrfach. «Taiwan ist eine freie Gesellschaft.» Rede und Gedanken würden nicht überwacht oder eingeschränkt – niemals, es sei denn, es handle sich um illegale Aktivitäten.
Festland wirbt Influencer an
Für Aufruhr sorgte in Taiwan der Fall der Schauspielerin und Influencerin Alexis Ho. Sie machte letztes Jahr Offerten einer chinesischen Agentur publik. Diese bot ihr einen Videodreh an. Mit dem Hinweis, dass es dafür notwendig sei, die «korrekte politische Haltung einzunehmen», wie Ho gegenüber SRF News erzählt. Sie lehnte ab.
Für Ho war es eine alltägliche Anfrage. Sie hat einige Jahre in Shanghai gearbeitet und war dort tagtäglich mit Propaganda konfrontiert. Dass ihre Veröffentlichung in Taiwan für Aufsehen sorgte, überraschte sie. Doch es zeigte sich, dass auch andere Influencer gleichlautende Offerten erhielten.
Geld aus chinesischen Quellen
Su Heng, die Peking-nahe Influencerin, beteuert zwar, nicht von Peking bezahlt zu werden. Ihre Inhalte verbreitet sie aber auch auf chinesischen Social-Media-Plattformen. «Die Einnahmen von dort decken auch unsere Ausgaben in Taiwan», sagt sie.
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Bild 1 von 2. Die chinesische Influencerin Su Heng ist ausgesprochen Peking-nah und verbreitet ihre Inhalte auf Social-Media-Plattformen. Bildquelle: SRF / Samuel Emch.
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Bild 2 von 2. Im Studio von Influencerin Su Heng in Taipei arbeiten sieben Angestellte. Bildquelle: SRF / Samuel Emch.
Sie finanziert damit sieben Angestellte. Angesichts der strengen Kontrolle sozialer Medien in Festlandchina stellt sich für die taiwanesischen Behörden die Frage, ob der chinesische Staat hinter solchen Zahlungsströmen steckt. Eine definitive Antwort darauf gibt es nicht. Taiwan versucht derweil Einflussversuche zu bekämpfen, ohne dabei die Meinungsfreiheit zu opfern.