Zum Inhalt springen

Header

Audio
Lockerungen trotz steigender Infektionszahlen
Aus Rendez-vous vom 02.06.2020.
abspielen. Laufzeit 04:36 Minuten.
Inhalt

Corona auf dem Subkontinent «Indien kann sich den Lockdown nicht mehr leisten»

Die Folgen des Lockdowns in Indien im März waren vor allem für die Ärmsten im Land verheerend. Millionen von Taglöhnern blieben in den Städten hängen, ohne Einkommen, ohne Essen, ohne die Möglichkeit, nach Hause zu reisen.

Trotz des Lockdowns begann sich das Coronavirus im bevölkerungsreichsten Land der Welt zu verbreiten. Noch immer steigt die Zahl der Infizierten stark an, derzeit gibt es rund 200'000 bestätigte Coronafälle in Indien.

Trotzdem wird der Lockdown in Indien beendet. Das Land könne sich den Stillstand schlicht nicht mehr leisten, sagt SRF-Korrespondent Thomas Gutersohn.

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Indien- und Südasien-Korrespondent, SRF

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Thomas Gutersohn lebt seit 2016 im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien. Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert.

SRF News: Wie sehen die Lockerungen in Indien aus?

Thomas Gutersohn: Ab sofort werden erste Zug- und Flugverbindungen wieder in Betrieb genommen. In den nächsten Tagen sollen Geschäfte und Büros wieder öffnen, wenn auch mit reduzierten Kapazitäten. Vielerorts werden Restaurants und Einkaufszentren geöffnet – und das, obwohl die Infektionszahlen weiter steigen. Derzeit werden in Indien täglich mehr als 8000 Neuinfektionen gemeldet.

Warten auf den Bus, kaum jemand hat eine Gesichtsmaske, die etwas nützt.
Legende: Auch zwei Monate nach dem Lockdown haben es Millionen Inder noch nicht in ihre Dörfer zurückgeschafft. Reuters

Wieso will die Regierung trotzdem aus dem Lockdown raus?

Sie kann fast nicht anders. Die indische Wirtschaft kann sich einen längeren Lockdown gar nicht leisten, in dem sich das Land seit genau 69 Tagen befindet. Das hat laut der Denkfabrik CMIE allein im April mehr als 27 Millionen jungen Arbeitern die Stelle gekostet. Der Dienstleistungssektor entlässt Leute, die Industrie steht still.

Allein im April haben 27 Millionen junge Inder ihre Arbeit verloren.

Zudem merkt die Regierung jetzt, dass ihre Unterstützungskredite kaum etwas nützen. Zwar kündigte sie vor zwei Wochen ein Paket im Umfang von umgerechnet 270 Milliarden Franken an, doch kaum ein Unternehmer will derzeit investieren. Auch wurde in das Paket vieles hineingepackt, das den Ärmsten kaum zugutekommt; etwa die ausgefallenen Steuereinnahmen.

Halle mit Feldbetten.
Legende: In den grossen Städten sollen die Covid-19-Kranken in ad-hoc-Spitälern untergebracht werden – wie hier in Mumbai, wo die Pandemie am stärksten wütet. Reuters

Nimmt man jetzt nicht zugunsten der Wirtschaft eine weitere Ausbreitung des Coronavirus in Kauf?

Das ist so. Mit den Zügen und Fluglinien, die den Betrieb wieder aufnehmen, fördert sie die Verbreitung geradezu. So läuft Indien Gefahr, dass sich das Virus nun vermehrt von den Grossstädten aufs Land ausbreitet. Bislang waren die ländlichen Gebiete kaum betroffen.

Welche Regeln gelten in Indien, um die Menschen zu schützen?

Social Distancing und Schutzmasken sind auch hier die wichtigsten Massnahmen – neben dem Lockdown. Doch mit der Öffnung läuft man jetzt Gefahr, dass die bislang erzielten Erfolge gegen die Pandemie zunichtegemacht werden.

Indien könnte bald mit einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus zu kämpfen haben.

Indien könnte schon bald in die grösste Wirtschaftskrise der jüngsten Geschichte schlittern und gleichzeitig mit einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus zu kämpfen haben.

Krankentransport einer Leiche, alle Helfer in weisser Schutzkleidung.
Legende: Die Zahl der Infizierten steigt in Indien immer noch stark an. Bislang sind knapp 6000 Menschen offiziell an Covid-19 gestorben. Reuters

Wie stark sind die indischen Spitäler jetzt schon ausgelastet?

In den Hotspots der Pandemie, etwa in Mumbai, sind die Spitäler jetzt schon überlastet. Manche Spitäler haben Patienten, die auf eine Operation warteten, auf die Strasse gesetzt – einige von ihnen übernachten jetzt unter einer Autobahnunterführung. In anderen Regionen Indiens scheinen die Spitäler noch nicht derart stark am Anschlag zu sein.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Rendez-vous, 02.06.2020, 12:30 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

27 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Kurt Looser  (Dremel)
    Die Welt steht Kopf wegen eines Virus. Unvorstellbare Schäden, die man sich nicht ausmalen kann. In den reichen Länder steigen die Schulden, aber in den Armen sterben Menschen. Das Virus wird zwar die Ursache sein, aber nicht durch Erkrankungen am Virus, sondern durch die ergriffenen Maßnahmen.
    Wir sind viel zu stark Angstgesteuert, denn durch Erkenntnisse! Studien wie in Heinsberg müssen vorangetrieben werden, am Besten weltweit und unabhängig.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Adrian Zuckermann  (azu)
    Einige Kommentatoren scheinen einfach auszublenden dass z.b in Brasilien aktuell pro Tag ca. 1200 Menschen an Corona sterben. Das Credo der Kapitalisten ist klar: "Ihr geht jetzt gefälligst arbeiten, und wenn Ihr dann an Corona sterbt, euer Pech, den eure Gesundheit ist uns schei**egal. Wir wollen Profit abschöpfen, koste es was wolle. Und bezahlen für die Kosten der Pandemie wollen wir "Reichen" eh nichts. Wir haben ja bis jetzt auch nie wirklich was bezahlt, sonst wären wir ja nicht reich..."
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Hier kann einfach nichts stimmen bei 200000 Fällen und 6000 Toten, Indien hat weit mehr als 50 Millionenstädte. Die grössten 10 zwischen 28 -3 Millionen. Also hier kann einfach nichts stimmen. Nun ja Indien ist Indien da ist sowieso alles anders. Ich meine alleine Dehli Mumbai und Kolkata haben 55 Millionen Einwohner also 5 -6 mal so viel wie die Schweiz. Indien ist 150 Mal grösser von der Population wie die Schweiz. Bei einer Totesrate von 0,2 wären das über 6000000.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Peter Singer  (P.S.)
      Ein paar Sachen muss man bedenken: Erstens steht Indien noch am Anfang der Pandemie. Schon bald werden es Millionen Fälle Sein. Zweitens wird in Indien wohl nicht so oft getestet wie in anderen Ländern, deshalb dürfte die Dunkelziffer grösser sein. Und drittens ist die Bevölkerung Indiens viel jünger als diejenige Europas, deshalb müsste die Sterberate in Indien geringer sein.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen