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Die Furcht vor einer zweiten Pandemiewelle ist gross in Spanien
Aus SRF 4 News aktuell vom 23.06.2020.
abspielen. Laufzeit 08:31 Minuten.
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Corona-Hausarrest aufgehoben «Auf Spanien warten schwere Zeiten»

Nach drei Monaten ist der wegen der Pandemie verfügte Hausarrest aufgehoben worden. Wie sich die neue Freiheit in Barcelona und andernorts in Spanien anfühlt, beschreibt die Journalistin Julia Macher.

Julia Macher

Julia Macher

Journalistin in Barcelona

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Julia Macher berichtet aus Spanien für verschiedene Radio- und TV-Sender, hauptsächlich über Gesellschaft und Kultur.

SRF News: Sind die Menschen in Spanien jetzt eher erleichtert oder noch vorsichtig – oder beides?

Julia Macher: Zunächst freuen sie sich sicher, dass sie wieder zwischen den verschiedenen Regionen hin- und herreisen können. Schon am Sonntag sind viele losgefahren, um ihre Eltern, Kinder, Enkel oder andere Verwandte zu besuchen. Andere sind aufs Land gefahren, um dort das Wochenende zu verbringen. Die Strände waren ebenfalls voll. Auch die kleinen Freuden werden jetzt wieder gelebt: zusammensitzen, einen Aperitif trinken oder zusammen essen – endlich wieder tun, was für Spanien so charakteristisch ist.

Touristen aus Europa willkommen

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Touristen aus Europa willkommen

Seit dem Wochenende können sich die Spanierinnen und Spanier wieder etwas freier im Land bewegen. Auch Touristen aus der EU und den Schengenstaaten dürfen wieder nach Spanien reisen. Nur die Grenze zu Portugal bleibt auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung in Lissabon noch geschlossen.

Nach wie vor gelten Distanzregeln und Maskenpflicht. Werden die Regeln eingehalten?

Überall, wo der Mindestabstand von anderthalb Metern nicht eingehalten werden kann, ist ein Nasen-Mundschutz Pflicht. Dazu gibt es in manchen Regionen Sonderregelungen wie Einschränkungen in Restaurants oder Discos. Die Akzeptanz der Einschränkungen ist sehr gross.

Die Angst vor einer zweiten Infektionswelle sitzt tief.

Die Bilder der überfüllten Intensivstationen haben sich bei den Menschen eingebrannt. Das Virus ist zwar eingedämmt, aber immer noch da. Das wissen die Spanier. Entsprechend tief sitzt die Angst vor einer zweiten Infektionswelle.

Voller Strand.
Legende: Gut besuchter Strand in Barcelona am Wochenende: Die Menschen zieht's nach drei Monaten Lockdown wieder ans Meer. Reuters

Wieso wurden die Grenzen früher geöffnet als ursprünglich geplant?

Dahinter stehen sicher wirtschaftliche Überlegungen – schliesslich macht der Tourismus zwölf Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung aus. Um dem arg gebeutelten Fremdenverkehr wieder auf die Beine zu helfen, hat die spanische Regierung ein 2,5 Milliarden Euro schweres Hilfspaket verabschiedet.

Der Konjunktureinbruch könnte bis zu 15 Prozent betragen, die Arbeitslosigkeit auf bis zu 20 Prozent steigen.

Der Tourismus hätte sich mehr Unterstützung gewünscht, doch der Regierung fehlt dafür schlicht das Geld. Die spanische Zentralbank rechnet mit einem Konjunktureinbruch von bis zu 15 Prozent und die Arbeitslosigkeit könnte auf bis zu 20 Prozent steigen. Auf Spanien warten also schwere Zeiten.

Die Spanier sind innerhalb Europas am unzufriedensten damit, wie die Regierung die Coronakrise bewältigt hat. Woran liegt das?

Die Unzufriedenheit ist laut den Umfragen vor allem in den letzten Wochen gestiegen. Auf Ärger stiessen also weniger die starken Einschränkungen zu Beginn der Coronakrise als vielmehr die schrittweisen Lockerungen. Ein Grund dafür ist wohl die etwas erratische Informationspolitik der Regierung. Hinzu kommt der harte Umgang der Opposition mit der Regierung – sie macht inzwischen den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez persönlich für die vielen Covid-19-Toten verantwortlich.

28'000 Spanier starben mit Covid-19

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Spanien war eines der am schwersten von Covid-19 betroffenen Länder Europas. Bislang wurden dort 245'000 Infektionsfälle und 28'000 Todesopfer registriert. Spanien hat rund 47 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.

Zum Teil ist die Kritik ja berechtigt, etwa, was die Zustände in vielen Altersheimen angeht. Wird die Coronakrise ähnlich wie in Italien aufgearbeitet?

Bereits stapeln sich hunderte Klagen bei der Staatsanwaltschaft. Dabei geht es vor allem um die Situation in den Altersheimen, wo bis zu 15 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner starben.

In Altersheimen starben bis zu 15 Prozent der Bewohner und Bewohnerinnen.

Zielscheibe dieser Kritik ist aber nicht die Zentralregierung in Madrid, sondern die jeweiligen Regionalbehörden. So soll es etwa in der von den Konservativen regierten Region Madrid die Anweisung gegeben haben, am Coronavirus erkrankte Altersheimbewohner nicht ins Spital zu bringen. Auch die mangelhafte ärztliche Betreuung in den Altersheimen selbst wird angeprangert.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

SRF 4 News aktuell vom 23.6.2020, 08.20 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Meier  (M.Meier)
    Und wieder mal wird Sanchez Politik mit Samthandschuhen bewertet. Man stelle sich vor in einigen anderen EU Ländern wäre es zu solch hohen Todeszahlen gekommen.
    Sanchez hat klar versagt, vor allem was die Frauendemo Anfang März angeht welche als Superspreader-Event gilt. Er muss zurücktreten und auch gerichtlich belangt werden. Alles andere ist schwach.
    Macht komt mit Verantwortung, aber auch Rechenschaft.
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  • Kommentar von David Steiner  (MLE)
    Der Umgang der spanischen Regierung mit Corona lässt sich ehrlicherweise nur als Totalversagen bezeichnen. Die tatsächlich gefährdeten Menschen in den Altersheimen wurden nicht nur vernachlässigt, sondern teilweise komplett zurückgelassen (wortwörtlich). Währenddessen wurden die weniger gefährdeten Leute in ihre Häuser verbannt und durften nicht einmal einen Spaziergang machen. Völlig absurd, unsinnig und unverhältnismässig. Ich hoffe für die Spanier, dass bald Wahlen sind.
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    1. Antwort von Daniele Röthenmund  (Daniele Röthenmund)
      Klar nochmals Neuwahlen. Das bringt überhaupt nichts, Sorry. Was das Land braucht ist Ruhe und endlich einen Zukunftsplan. Doch da sehe ich schwarz, man will sofort und schnell zurück in die Vergangenheit. In einen Tourismus ohne Nachhaltigkeit und immer wieder im Kreis drehen mit den selben Problemen. Da man schon am Boden liegt, wäre die Change da etwas nachhaltigere und eine breitgefächerte Wirtschaft aufzubauen, Doch, Nein man will wieder ins alte System und dann jammern!
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    2. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Bei dieser Gelegenheit: Daniele Röthemund: ich danke Ihnen für die regelmässigen Berichte aus Spanien und Ihre guten Vergleiche mit unserer CH-Situation. Ich wünsche Ihnen alles Gute: bleiben Sie weiter gesund und sorgfältig!
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  • Kommentar von Daniel Müller  (EstudiantDeDret)
    So Gross ist die Akzeptanz der Einschränkungen auch nicht. Tausende gingen deshalb in Madrid, Barcelona usw demonstrieren und nicht alle trugen eine Maske. Der Wirtschaft werde unbegründet geschadet, wurde gesagt.
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    1. Antwort von Javier López  (Javier López)
      Ich bin nicht gegen Demokratie und ich geniesse die Meinungs- und Redefreiheit. Aber manchmal habe ich richtig Lust das Volk einzusperren.
      Beispiel Schweiz.
      Zuerst Kritik an den Bundesrat, er hat zu lange gezögert.
      Der BR beschliesst den Lockdown. Dann heisst es, der BR missachtet unsere Verfassungsrechte.
      Jetzt hat der BR den Lockdown beendet. Nun heisst es ,der BR gefährdet, was man mit dem Lockdown erreicht hat.
      Wäre ich BR A.Berset, dann würde ich das Volk zum Teufel jagen.
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    2. Antwort von Daniele Röthenmund  (Daniele Röthenmund)
      Herr Müller, das Problem ist nicht der Lockdowns wo die meisten Spanier verärgert. Sondern das sie immer wieder angelogen werden. Beispiel Masken pflicht, statt offen zu sagen das man zu wenig hatte, sagte man es bringe nichts. Und jetzt wo es genug hat, sind sie Obligatorisch, auch im Freien wenn du die Distanz nicht einhalten kannst. Sonst droht eine Busse von 100 Franken. Und die werden hier in Spanien rigoros einkassiert.
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