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Zweiter Lockdown in Israel: Protest, Resignation und Ratlosigkeit
Aus Rendez-vous vom 21.09.2020.
abspielen. Laufzeit 04:59 Minuten.
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Coronakrise Israelis fürchten sich vor den Folgen des zweiten Lockdowns

Israels Regierung fährt das Leben wieder herunter. 60 Prozent der Bevölkerung vertrauen ihr in der Krise nicht mehr.

Das jüdische Neujahrswochenende hatte sich der junge Aktivist Uri Weltmann in Tel Aviv anders vorgestellt. Der Mathematiker und Mittelschullehrer gehört zum Führungsteam der jüdisch-arabischen Gerechtigkeits- und Gleichstellungsbewegung «Standing Together», die kürzlich 1000 leere Stühle in Tel Aviv aufstellte, um die Zahl der Corona-Toten in Israel fassbar zu machen.

Das zweite jüdische Fest im Lockdown

Uri sitzt zu Hause und macht das Interview von seinem Computer-Bildschirm aus. «Statt mit allen Verwandten ein grosses Fest zu machen, feierten wir daheim im engsten Familienkreis oder in Videokonferenzen. Es war ein schwieriges Neujahrsfest.» Bereits das Pessachfest im Frühling hatte im Lockdown stattgefunden. Dass ein zweiter Lockdown auch das Neujahrsfest ruinieren würde, hätte damals niemand gedacht.

Dass wir einen zweiten Lockdown haben, zeigt, dass unsere Regierung in der Coronakrise versagt hat.
Autor: Uri WeltmannJüdischer Aktivist

Es hätte auch gar nicht so weit kommen müssen, sagt Uri Weltmann: «Dass wir einen zweiten Lockdown haben, zeigt, dass unsere Regierung in der Coronakrise versagt hat.» Die Regierung habe es versäumt, im ersten Lockdown ein Auffangnetz zu spannen für Angestellte und Selbständige, die ihren Job verloren – und das waren bis Anfang Mai 1.4 Millionen Menschen.

Mann vor geschlossenem Geschäft
Legende: Geschlossene Geschäfte in Jerusalem: Hunderttausende haben wegen der Coronakrise ihren Job verloren. Reuters

Deshalb sei der Druck gestiegen, vor allem von Geschäftsbesitzern, den ersten Lockdown frühzeitig zu beenden. Der Arbeitsmarkt erholte sich jedoch nicht. Elias Abu Axa aus Galilea, ein langjähriger arabisch-israelischer Touristenführer für deutschsprachige Gruppen, leidet – wie viele in seiner Branche. «Ich bin schon seit dem 10. März arbeitslos und ich weiss nicht, wie lange das noch dauert. Wir sehen schwarz.»

Jeden Tag andere Massnahmen

Israels Sozialversicherungen sind im Vergleich anderer OECD-Staaten schlecht ausgebaut. Elias Abu Axa erhält gerade mal ein Drittel seines letzten Gehalts. Er meint, Regierungschef Benjamin Netanjahu habe die Krise ausnützen wollen, um seinen Korruptionsprozess zu verschieben. «Deshalb ergreift er jeden Tag andere Massnahmen. Es gibt kein Vertrauen mehr in ihn.»

Demonstranten in Jerusalem
Legende: Seit Monaten protestieren Tausende Israelis gegen die Regierung von Netanjahu. Reuters

Über 60 Prozent der Israelis vertrauen der Regierung in der Coronakrise nicht mehr. Tausende demonstrierten in den vergangenen Monaten gegen Netanjahu, auch vor seiner Residenz in Jerusalem. Was vom Staat kommt, wird viele aber kaum durch den zweiten Lockdown bringen. Das macht dem Aktivisten Uri Weltmann Angst.

Polizei registriert fast 7000 Verstösse gegen Lockdown-Regeln

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Die israelische Polizei hat in den ersten Lockdown-Tagen Tausende Verstösse gegen die neuen Corona-Restriktionen geahndet. Während des von Freitag bis Sonntag dauernden jüdischen Neujahrsfestes seien insgesamt 6943 Vergehen registriert worden, teilte die Polizei am Montag mit. Die meisten Delikte standen mit 4822 Fällen im Zusammenhang mit dem Verlassen des Hauses.

In Israel gilt angesichts eines starken Anstiegs der Infektionszahlen seit Freitagnachmittag ein dreiwöchiger Lockdown. Die Bevölkerung muss sich unter anderem mit geschlossenen Schulen und Kindergärten sowie mit Einschränkungen der Bewegungsfreiheit arrangieren. Die Menschen dürfen sich nur in Ausnahmefällen weiter als 1000 Meter von ihrem Zuhause entfernen. (dpa)

«Ich sehe die steigenden Ansteckungszahlen, die vielen Toten – diese Krise überwinden wir nur, indem wir uns verantwortungsvoll benehmen und miteinander solidarisch sind!». Genau das erwarte er auch von seiner Regierung – sonst nütze dieser zweite Lockdown so wenig wie der erste.

Zweiter Lockdown, um Tourismus wieder zu ermöglichen?

Geschlossener Strand in Tel Aviv
Legende:Keystone

Ob der zweite Lockdown sinnvoll ist, da ist die Bevölkerung in Israel gespalten. Murci Heja aus Nazareth ist ein Führungsmitglied des israelischen Tourguide-Verbandes. Er findet, den Lockdown brauche es jetzt. Die Fallzahlen müssten runter. Dann sei in Zukunft wieder Tourismus aus dem Ausland möglich.

«Nachdem Israel Friedensabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain unterschrieben hat, will die Regierung Tourismus von dort.» Immerhin schätze man das Besucherpotenzial aus diesen Ländern auf bis zu 750'000 Menschen. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik.

In der Zwischenzeit müsse die Regierung den Inlandstourismus fördern. «Wir beklagen uns nur darüber, dass der Tourismusminister seinen Job nicht macht!» Der Tourenguide-Verband fordert finanzielle Hilfe vom Staat und machte deswegen auch Druck im Parlament. (brus)

Rendez-vous vom 21.9.2020

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Philip Läubler  (Schwerzistyle)
    Dieser Titel sagt doch schon alles. Die Israelis fürchten sich nicht vor Corona, sondern vor den Corona-Massnahmen... Noch Fragen?
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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Wären die Kollateralschäden, das menschliche Leid nicht so gross, könnten wir Israels Regierung dankbar sein, dass sie den Weg beschreitet, den die Pandemiologen für den Fall steigender Zahlen auch für uns vorsehen. Allerdings sorgen unsere demnach bessere Fürsorge für die wirtschaftlich Geschädigten, die moderateren Massnahmen (Lockdown light) für eine bessere Akzeptanz, sodass wir uns durch die damit verbundene Schädigung vielleicht dazu bewegen lassen, wo es darauf ankommt besser aufzupassen.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Das war ein bisschen sarkastisch. Tatsächlich sind ja Lockdowns ein Konzept der Pandemiologie, für das in differenzierten Modellen berechnet wurde, wieviele Ansteckungen durch verringerte Mobilität verhindert werden können. Natürlich sind die Faktoren so komplex, dass solche Modelle extrem anfällig für Verzerrungen sind. Auch hat man sie seit 1917 erstmals ausprobiert - Erfahrungen in unserer Gesellschaft gibt es noch keine damit. Mir kommt das alles wie ein ziemlich grosser Irrsinn vor.
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  • Kommentar von Andreas Hug  (AndiHug)
    Die meisten Menschen haben weniger Angst vor dem Virus dafür um so mehr von den Wirtschatlichen schäden. ein 2. Lockdown ist doch nicht nötig, wenn man die Zahlen des Viruses anschaut, (infektionen und tote) sind die Massnahmen mehr als genug. Meiner meinung nach und vielen doktorensagen das selbe, ist das Virus nicht gefärlicher als eine mittelstarke Influenza. ich empfehle allen sich über verschiedenste Medien zu informieren.
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    1. Antwort von Philipp Moreno  (HOC)
      Herr Hug Ihre Meinung in allen Ehren aber bisher haben die wenigsten Geruchsverlust, Haarausfall etc. von eine Grippe bekommen. Nicht zu vergessen, dass es in Israel viele Familien gibt welche viel enger als bei uns in der Schweiz zusammen wohnen.
      Und wenn Sie hier von Medien schreiben, vergessen Sie bitte nicht Quellen zu nennen.
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