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Brasilien wird zum Freiluftlabor für das Virus
Aus Echo der Zeit vom 21.03.2021.
abspielen. Laufzeit 05:12 Minuten.
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Covid-19 ausser Kontrolle «Brasilien ist ein Risiko für die Weltgemeinschaft»

Mediziner bezeichnen Brasilien als Freiluftlabor für das Coronavirus. Präsident Bolsonaro gerät zunehmend unter Druck.

Die Haltbarkeit brasilianischer Gesundheitsminister ist kurz, nun soll der Kardiologe Marcelo Queiroga als neuer Gesundheitsminister versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen.

Queiroga gilt als Vertrauter der Familie Bolsonaro. An einer Medienkonferenz sprach er sich gegen Lockdowns und für die Politik Bolsonaros aus: «Nicht das Gesundheitsministerium, sondern die Regierung bestimmt die Corona-Massnahmen.»

Marcelo Queiroga.
Legende: Er soll es nun für Bolsonaro richten: der neue Gesundheitsminister Marcelo Queiroga. Reuters

In den vergangenen Wochen ist der Druck auf Bolsonaro aus dem Kongress gestiegen. Wegen der rekordhohen Infektionszahlen und des Kollapses des Gesundheitswesens forderte der mächtige Block der Mitte-Rechts-Parteien, einen Wechsel des Gesundheitsministers.

Wir müssen machen, was andere Länder gemacht haben: Brasilien absperren.
Autor: Miguel NicolelisArzt und Neurowissenschaftler

Viele machen Queirogas Vorgänger für das Chaos verantwortlich. Der frühere Armeegeneral Eduardo Pazuello spielte die Pandemie hartnäckig herunter, setzte auf ein unwirksames Malaria-Medikament und bestellte viel zu spät Impfdosen. Zuletzt starben so viele Brasilianerinnen und Brasilianer an den Folgen einer Corona-Infektion wie nie zuvor.

Eduardo Pazuello.
Legende: Der frühere Armeegeneral Eduardo Pazuello leitete für zehn Monate das Gesundheitsministerium – ohne vorherige Erfahrung im Gesundheitsbereich. Reuters

«Wir haben viel Zeit verloren, ein Jahr in dem wir Blödsinn gemacht haben oder halbe Sachen», sagt der brasilianische Arzt und Neurowissenschaftler Miguel Nicolelis, einer der bekanntesten Mediziner Südamerikas. «Wir müssen machen, was andere Länder gemacht haben: Brasilien absperren, echte Lockdowns für 30 Tage machen.»

Und die Impfungen müssen verzehnfacht werden: Theoretisch könne das Gesundheitssystem täglich zwei bis drei Millionen Menschen impfen – im Moment erreiche man ein Zehntel davon, so Nicolelis.

Einzelne Bundesstaaten oder Städte haben die Corona-Massnahmen verschärft. Aber das geschieht nur halbherzig, da es keine einheitlichen Bestimmungen für ganz Brasilien gibt. Kaum jemand weiss, welche Regeln gerade wo gelten.

Jari Bolsonaro.
Legende: Er will nicht zulassen, dass die Lockdowns weitergehen: Präsident Jair Bolsonaro. Reuters

Und Präsident Bolsonaro sind nach wie vor alle Massnahmen ein Dorn im Auge. «Die wollen keine Leben retten, die wollen die Macht übernehmen», sagte er dem brasilianischen Nachrichtensender Globo News über Gouverneure und Bürgermeisterinnen, die es wagen, Ausgangssperren zu verhängen. Bolsonaro will, dass das Oberste Gericht diese Massnahmen kippt.

Damit läuft die Bekämpfung der Pandemie letztlich ins Leere, sagt der Soziologe Demetrio Magnoli. «Man kann keinen Lockdown gegen den Willen einer gewählten Regierung durchführen.»

Was in Brasilien passiert, hat globale Bedeutung

Laut der jüngsten Umfrage des renommierten Meinungsforschungsinstituts Datafolha bewerten 54 Prozent der Befragten den Umgang des Präsidenten mit dem Virus als schlecht. Das sind die tiefsten Werte seit Ausbruch der Pandemie.

Bolsonaro hat die Botschaft wohlverstanden. Nachdem er sich in den vergangenen Monaten wiederholt kritisch über Impfungen geäussert hatte, versucht er nun, weitere Impfstoffe zu organisieren.

Brasilien ist ein Risiko und Problem für die Weltgemeinschaft.
Autor: Miguel NicolelisArzt und Neurowissenschaftler

Zu spät, sagt der Mediziner Miguel Nicolelis. «Denn wenn das Virus weltweit eingedämmt wird, aber in Brasilien ausser Kontrolle ist, kann die Pandemie nicht zu Ende gehen. Im Gegenteil: Wir können hier in Brasilien die Bildung eines noch ansteckenderen Virus beobachten, eine noch tödlichere Variante. Brasilien ist ein Risiko und Problem für die Weltgemeinschaft.»

Für Brasiliens südliche Nachbarn gilt das bereits: Paraguay, Argentinien und Uruguay verzeichnen ebenfalls einen Anstieg der Infektionen und Todesfälle.

SRF 4 News, 16.3.2021, 3 Uhr

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81 Kommentare

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  • Kommentar von Franz Giger  (fjg)
    Du meine Güte, was für ein reisserischer Nullbericht über Brasilien.
    Wer das desolate Gesundheitswesen, und dies bereits seit Jahrzehnten, kennt weiss, dass auch eine noch so "Intelligente" Corona-Politik nichts hilft. Kommt dazu, dass sich Brasilianer um Massnahmen europäischen Zuschnitts einen Deut scheren würden, weil sie schlicht ganz andere Probleme haben und sich auch nicht mit stoischer Ruhe drastische Einschränkung ihres Leben gefallen lassen würden.
  • Kommentar von Bruno Britschgi  (Bruno Brasil)
    Brasilien, wenn Sie 210 km von der Hauptstadt wohnen und wissen, dass man in der Politik in Brasilien sehr viel Geld verdienen (oder abzweigen) kann, stelle ich die Frage mit Herrn Krebs Alfred, wie zuverlässig sind die Zahlen von COVID 19? Diese Woche beginnt in Goiânia Goiás ein Teilzeit Lockdown. Etwa so, 1 Tag alles geschlossen (inkl. Lebensmittel) geschlossen u. 1 Tag offen. Welche Wahl, an Hunger zu leiden weil alles geschlossen ist und kein Einkommen generiert wird oder COVID 19 ?
    1. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      In der Dominikanischen Republik wurde dies mit einer Debitkarte gelöst, die alle vierzehn Tage aufgeladen wird. Dann gibt es Artikel wie zum Beispiel Alkohol, die nicht mit der Karte gekauft werden können. Leider wird der Betrag schon stark gekürzt, bevor die Menschen wieder richtig verdienen können.
  • Kommentar von Stefan Gisler  (Stefan Gisler)
    Es ist nicht so trivial hier in Brasil, es ist komplizierter. Es gibt Lockdown, aber nur halbherzig. Recife Region, gewisse Geschäfte zu für 10 Tage geschlossen. Wenn hier 30 Tage geschlossen wird, verhubgern viele Leute. Die Regierung hilft kaum, 100 Franken im Monat, zu wenig um zu überleben Viele Geschäfte gehen schon bankrott, die Armut steigtkontinuiwrlich im Land. Keine Arbeit kein Geld. Was du heute verdienst musst du morgen für dein Leben ausgeben. Keine Reserven, ein Teufelskreus.
    1. Antwort von Michael Mauerhofer  (mmhofer)
      Herr Gisler. Was sie ausführlich beschreiben, versuchte ich mit ein paar Worten anzutönen. Im 2020 verlief die Infektionkurve in Brasilien gerade umgekehrt zu derjenigen hier in Europa. Und das Massnahmen in Brasilien ein zweischneidiges Schwert sind, kann man am Bsp. Peru beobachten, wo 70% der Übersterblichkeit nicht auf Corona zurückgeführt werden kann. Darum meine Bemerkung. Zusätzlich ausser Kontrolle.