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In Brasilien ist die Lage vielerorts ausser Kontrolle
Aus SRF 4 News aktuell vom 12.03.2021.
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Rekordhohe Todeszahlen Brasilien – eine Brutstätte für neue Virus-Varianten?

Aus Brasilien werden fast täglich neue und traurige Rekordzahlen bei den Todesopfern infolge der Pandemie gemeldet. Über die Hintergründe weiss SRF-Wissenschaftsredaktor Thomas Häusler mehr.

Thomas Häusler

Thomas Häusler

Wissenschaftsredaktor

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Thomas Häusler ist Wissenschaftsredaktor bei SRF. Er hat in Biochemie doktoriert und eine Weiterbildung in Wassermanagement an der Uni Genf absolviert. Seit 2013 ist er Leiter der Wissenschaftsredaktion.

SRF News: Inwiefern ist die Virus-Variante P1 verantwortlich für die rekordhohen Todeszahlen in Brasilien?

Thomas Häusler: Das ist schwer zu sagen. Die brasilianische Regierung macht viel zu wenig gegen die Pandemie, und es kursieren verschiedene besorgniserregende Varianten im Land. Man weiss aber nicht genug über ihre Verbreitung. Sicher ist: Von P1 ist die Millionenstadt Manaus im Amazonas stark betroffen.

Das genaue Ausmass ist unklar.

In anderen Bundesstaaten gibt es nur Gesamtzahlen der verschiedenen Varianten, die im Verdacht sind, sich schneller zu verbreiten. Laut einer Studie dominieren sie in sechs von acht untersuchten Bundesstaaten das Geschehen. Vermutlich treiben sie die Fallzahlen nach oben und damit auch die Todeszahlen. Aber das genaue Ausmass ist unklar.

Mehr als 2200 Tote – pro Tag!

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Mehr als 2200 Tote – pro Tag!
Legende: Reuters

Aus Brasilien werden dieser Tage täglich mehr als 2200 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet. In vielen Städten sind die Spitäler überlastet, die Lage im Land ist alarmierend und unübersichtlich. Viele Covid-Kranke müssen auf ein Bett auf der Intensivstation warten. Beobachter warnen vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Einige Fachleute sagen, der starke Anstieg der Fälle habe mit der neuen Viren-Variante P1 zu tun. Diese Variante wurde vor einigen Wochen zuerst in der Stadt Manaus entdeckt und hat sich dort stark und schnell verbreitet. Eine wichtige Rolle, dass die Lage in dem Land mit 210 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern derart ausser Kontrolle geraten ist, spielt die Politik von Brasiliens Präsident Jaïr Bolsonaro: Er redet die Gefahr durch das Virus klein und versucht, die Schutzmassnahmen der lokalen Regierungen zu hintertreiben, weil er findet, sie schaden der Wirtschaft. (Thomas Häusler)

Was weiss man aus wissenschaftlicher Sicht über die P1-Variante? Wie viel gefährlicher ist diese Mutation?

Man hat das Erbgut von P1 entschlüsselt und weiss, an welchen Stellen sie wie mutiert ist. Daher rührt auch die Sorge der Experten. Denn P1 enthält einige Veränderungen, die auch bei den beiden bekannten Varianten B.1.1.7 aus Grossbritannien und in jener aus Südafrika vorkommen. Die Eigenschaften einer solchen Variante präzise zu bestimmen, ist allerdings schwierig. Vorderhand gibt es nur grobe Schätzungen, die auch falsch sein könnten.

Es gibt nur grobe Schätzungen zu den Eigenschaften von P1.

Es heisst etwa, P1 könnte sich bis zu doppelt so schnell verbreiten wie die ursprünglichen Varianten – also noch schneller als die britische Variante B.1.1.7, die nun auch bei uns vorherrscht. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass P1 den Immunschutz jener Menschen unterlaufen könnte, die bereits einmal an Covid erkrankt waren – dass sie also solche Menschen leicht ein zweites Mal anstecken könnte. Aber beides sind erst vorläufige Ergebnisse.

Menschen warten mit grossen Sauerstofflaschen, dass diese aufgefüllt werden.
Legende: Sauerstoff und Intensivpflegebetten sind mancherorts rar in Brasilien. Reuters

Bei gewissen Virus-Varianten gibt es Bedenken, dass Impfstoffe weniger gut wirken. Gibt es diese Bedenken auch bei P1?

Ja, das folgt aus diesem Verdacht, dass P1 vermehrt Re-Infektionen auslösen kann. Es gibt auch Laborexperimente, in denen der Impfstoff von Astra-Zeneca eine etwas abgeschwächte Wirkung gegen P1 zeigt – aber andere Impfstoffe scheinen nicht beeinträchtigt zu sein.

Vermutlich wirken die Impfstoffe noch.

Allerdings kann man aus diesen Laborexperimenten nicht direkt auf die reale Situation im Menschen schliessen. Die Immunantwort ist komplex und vermutlich wirken die Impfstoffe schon noch.

Die neuen Varianten breiten sich teilweise weltweit aus – wie gross ist die Gefahr, die von dieser neuen Virus-Welle in Brasilien ausgeht?

Einerseits können angesteckte Brasilianer, die in andere Länder reisen, diese Varianten dorthin bringen. P1 zum Beispiel gibt es bereits in der Schweiz, aber bisher erst in kleiner Zahl, sodass jeder neue eingeschleppte Fall noch eine gewisse Rolle spielt. Deswegen haben viele Länder Einreisebeschränkungen oder Grenzkontrollen für Menschen aus Brasilien verordnet.

Je mehr Viren zirkulieren, desto öfter finden weitere Mutationen statt.

Negativ an den sehr hohen Fallzahlen in Brasilien ist, dass das Land zu einer Art Brutstätte für neue gefährliche Varianten werden könnte oder bereits ist: Je mehr Viren zirkulieren, desto öfter finden weitere Mutationen statt und desto grösser ist die Gefahr, dass gefährliche Varianten entstehen. Auch könnte sich die Variante P1 weitere fürs Virus vorteilhafte Mutationen zulegen. Das aber wäre für uns Menschen eine schlechte Nachricht.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News, 12.3.2021, 08:50 Uhr;

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Kalbermatten  (Peter K.)
    Ich ärgere mich grün und blau über die Berichterstattung der Medien. Wie lange wollt ihr noch den Fokus auf diesen Virus setzen? Ja es ist bequemer darüber zu schreiben. Aber da nun fast alle Risikopatienten geimpft sind, und die Impfung auch gegen die Britische wirkt, ist eine Überlastung der Spitäler ausgeschlossen. Trotzdem öffnet man nicht, was läuft hier falsch? Wohlstandsverwöhnte Leute die nun durch ihre Angst ihre Nachbaren verpetzen sowie damit alles und jeden kontrollieren?
  • Kommentar von Remo Tschanz  (remotschanz)
    Britische Variante? Brasilianische Variante? Aber China-Virus darf man nicht schreiben, obwohl es während der ersten 2 Pandemie-Monate nur Fälle in China gab?!
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Das eine beschreibt den Ort der vermuteten Entstehung und das andere ist eine politisch motivierte Schuldzuweisung. Unterschied erkannt?
    2. Antwort von Bernhard Haeuser  (Bernie H)
      @Herr Koller: Wenn ich die Kommentare sehe, dann glaube ich nicht, dass alle User den Unterschied kennen. Ehrlich gesagt erachte ich die Berichterstattung gegenüber Brasilien als sehr politisch motiviert und dies obwohl ich absolut kein Bolsonaro Fan bin.
  • Kommentar von markus ellenberger  (ELAL)
    "Brasilien – eine Brutstätte für neue Virus-Varianten?" Jetzt müssen wir wieder Angst haben da es neue Viren Varianten gibt. Die Grenzen dicht machen und schluss. dann haben wir vielleicht einmal eine Schweizer Mutation
    1. Antwort von Stephan Wiesendanger  (Walti W.)
      Die Mutationen sind allesamt weniger gefährlich für Leib und Leben. Fragt mal bei neutralen Virologen nach. Keine Panik!
    2. Antwort von markus ellenberger  (ELAL)
      Ich mache auch keine panik bin entspannt und warte einfach auf den tag an dem alle sich wieder nähern können. und wir nur noch von einer grippe reden.
    3. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Aus reiner Neugierde, Herr Wiesendanger: Wer sind diese „neutralen“ Virologen, die solcherlei behaupten? Und auf welche Erkenntnisse stützen sich die „neutralen“ Virologen für ihre Behauptungen?