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International «Cumhuriyet»-Journalisten geben nicht auf

In der Redaktion der türkischen Zeitung «Cumhuriyet» herrscht seit den Verhaftungen von einem Dutzend Redaktionsmitgliedern Angst. Doch die Journalisten versuchen weiterzumachen.

Legende: Video «Zu Besuch beim «Cumhuriyet» – Angst geht um» abspielen. Laufzeit 2:01 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 16.11.2016.

In der Türkei herrscht seit den Verhaftungen von rund einem Dutzend Mitarbeitern der regierungskritischen Zeitung «Cumhuriyet» Unbehagen in der 200-köpfigen Redaktion. Die Journalisten leben von Tag zu Tag, niemand weiss, wie es weitergehen soll. Nazar Özcan, eine Redaktorin der Zeitung, denkt trotz der ungewissen Situation morgens nur an eines:

Ich denke nur daran, eine gute Zeitung zu machen. Das ist das Einzige, was ich für mein Land tun kann.
Autor: Nazar ÖzcanJournalistin «Cumhuriyet»

Was bisher geschah

  • Seit dem gescheiterten Putsch Mitte Juli geht die türkische Regierung unter Erdogan massiv gegen oppositionelle Medien vor.
  • Von «Cumhuriyet» wurden bisher neun Mitarbeiter, der Herausgeber und der Chefredaktor wegen «terroristischer Aktivitäten» inhaftiert. Ihre Berichterstattung habe zudem den Putsch vom Juli begünstigt.
  • Im Mai wurde der ehemalige «Cumhuriyet»-Chefredaktor Can Dündar nach der Veröffentlichung eines Artikels über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Im Februar wurde er bis zum Berufungsverfahren auf freien Fuss gesetzt. Im Juli verliess Dündar die Türkei und lebt seither in Deutschland.

Regelmässig gibt es im Land Solidaritätsbekundungen für die türkischen Journalisten. Der Rückhalt der Bürger gibt der Redaktion Aufwind, denn «Cumhuriyet» lebt praktisch nur vom Zeitungsverkauf und Spenden. Doch Bülent Özdogan, der Chefredaktor ad interim, spürt die Auswirkung der politischen Ereignisse auf den wirtschaftlichen Druck: «Für unsere Werbekunden wird es immer schwieriger, mit uns zusammen zu arbeiten. Wir erleben in letzter Zeit vermehrt, dass bereits unterschriebene Anzeigen-Verträge zurückgezogen werden.»

Leere Spalten in Gedenken an die verhafteten Kollegen

Wie lange die Redaktion noch unabhängig entscheiden kann, ist ungewiss. Noch bleiben in der Zeitung Spalten leer – im Gedenken an die Kollegen im Gefängnis. Als nächstes fürchten die Journalisten nun staatliche Zwangsverwalter. Auch die Furcht davor, selbst verhaftet zu werden, ist allgegenwärtig. «Natürlich habe ich Angst», sagt Aydin Engin, der als politischer Kommentator bei «Cumhuriyet» arbeitet. «Aber ich will auch ein echter Journalist bleiben.»

Und trotzdem: Die Presse- und Meinungsfreiheit bleibt in der Türkei in höchster Gefahr – die Journalistinnen und Journalisten bewegen sich weiterhin auf sehr dünnem Eis.

Natürlich habe ich Angst. Aber ich will auch ein echter Journalist bleiben.
Autor: Aydin EnginPolitischer Kommentator «Cumhuriyet»

6 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Jetzt wird intensiv über die Opposition in der TR berichtet (bewusste Inszenierung), um dann allmählich über solche Ereignisse zu schweigen. Solange Erdogan ein US-Schweinehund ist und ihren übergeordneten Strategien nützlich ist, droht ihm keine echte Gefahr. Ausserdem ist die TR als wichtiges NATO-Mitglied momentan unentbehrlich. Empörung kostet nicht viel und ist hervorragend geeignet, um Bürger einzulullen. Die TR und die EU wollen beide öffentlich als Sieger aus diesem Streit hervorgehen.
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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Ich habe grösste Achtung für die Journis, die weitermachen. Jeder von ihnen muss damit rechnen, als Gülen-Sympathisant oder Kurdenfreund denunziert, entfernt und verhaftet zu werden. Einmal mehr versagt die EU, sich entschieden gegen gewalttätige Entwicklungen in einem Nachbarland zu stellen. Die Kurdenproblematik ist hier seit Jahrzehnten bekannt, wird aber nur beobachtet, obwohl sie eine Unterdrückung einer Minderheit ist. Manchmal gar als Bürgerkrieg oder Genozid bezeichnet werden sollte.
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Wenn Bundesaussenminister Steinmeier tatsächlich mit führenden Oppositionellen in der Türkei sprechen will, muss er in Erdogans Knäste gehen. Dort muss er sich für die Freilassung der inhaftierten HDP-Abgeordneten, der kritischen Journalisten und Wissenschaftler für den Frieden einsetzen. Klare Kante für den Despoten und konkrete Solidarität mit den Demokraten ist das Gebot der Stunde. Alles andere ist nicht anderes als eine moralische Bankrotterklärung.
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