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International Debatte nach Dallas: «Leben in einer rassistischen Gesellschaft»

Der US-Präsident kürzt seine Europareise ab, der Wahlkampf im Land wird unterbrochen und auch der UNO-Chef mahnt die Vereinigten Staaten. Die Todesschüsse von Dallas, Louisiana und Minnesota haben der Rassismus-Debatte im Land neue Nahrung geliefert. Mit unabsehbaren Folgen.

Ein Mann an einem Blumenmeer
Legende: Trauer um die Toten in Dallas. Die Bestürzung geht aber Hand in Hand mit einer neuen Rassismus-Debatte. Keystone

In mehreren US-Städten haben am Freitagabend erneut Tausende Menschen gegen Rassismus in der Polizei demonstriert. Die Kundgebungen, unter anderem in New York, Atlanta und Philadelphia, verliefen Medienberichten zufolge überwiegend friedlich. Bei der offenbar grössten Demonstration in Atlanta forderten die Teilnehmer Gerechtigkeit.

Justizministerin ruft zur Ruhe auf

Nach den Todesschüssen von Dallas und der Tötung von Afroamerikanern durch Polizisten hat die Diskussion über Rassismus und Diskriminierung in den USA also weiteren Zündstoff erhalten.

Die Tat weckt offenbar auch die Sorge vor Nachahmern. Justizministerin Loretta Lynch rief bereits zur Ruhe auf. In dieser Woche sind in den USA zwei Schwarze von Polizisten erschossen wurden, was landesweit für Entsetzen sorgte.

«Gewalt ist nie eine Antwort»

Die Politikerin appellierte auch an den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Es sei eine Woche tiefen Kummers und herzzerbrechender Verluste gewesen, sagte sie in Washington; auch mit Blick auf die Tode zweier Afroamerikaner binnen zwei Tagen durch Schüsse von Polizisten. «Gewalt ist nie die Antwort», sagte Lynch. «Taten müssen unsere Antwort sein – ruhige, gemeinschaftliche und entschlossene Taten.»

Die Amerikaner müssten sich erinnern, dass sie ein gemeinsames Herz und eine gemeinsame Seele hätten. «Wenden wir uns einander zu, nicht von einander ab.» Auch die US-Waffengesetze sprach Lynch an. Es sei zu einfach, an eine tödliche Waffe zu kommen.

UNO-Chef: Ungleichbehandlung bei Strafverfolgung

Auch aus den Vereinten Nationen kamen mahnende Stimmen. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte: «Es gibt keine Rechtfertigung für solche Gewalt». Er ging aber auch auf den Tod der zwei Afroamerikaner durch Polizeischüsse in den Tagen zuvor ein, die als möglicher Auslöser der Attacke von Dallas gelten. «Diese Tötungen müssen gründlich und unparteiisch untersucht werden. Sie rücken wieder einmal die Notwendigkeit in den Fokus, das Problem der Diskriminierung und Ungleichbehandlung bei der Strafverfolgung anzugehen», sagte Ban.

Wegen Polizeigewalt gegen Schwarze in Städten wie Ferguson, Baltimore oder New York kommt es in den USA seit zwei Jahren immer wieder zu Protesten. Besonders gross ist die Empörung, wenn beteiligte Beamte in Prozessen freigesprochen werden oder niemand angeklagt wird. «Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft, in der die Menschenleben von Schwarzen keine Rolle spielen», sagte der Demonstrant Thomas Michaels in der Stadt St. Paul in Minnesota.

Ich denke, wir alle in Minnesota müssen eingestehen, dass diese Form von Rassismus existiert
Autor: Mark DaytonGouverneur des US-Bundesstaates Minnesota

Auch der Gouverneur des Bundesstaates Minnesota räumte mit Blick auf die Erschiessung eines Schwarzafrikaners in seinem Auto durch einen Polizisten Rassismusprobleme ein. «Wäre das passiert, wenn die Insassen (...) weiss gewesen wären? Ich denke nicht», sagte Mark Dayton. «Ich denke, wir alle in Minnesota müssen eingestehen, dass diese Form von Rassismus existiert.»

Legende: Video FOKUS: Polizistenmorde in Dallas – Angreifer war US-Soldat abspielen. Laufzeit 5:27 Minuten.
Aus 10vor10 vom 08.07.2016.

Das Thema dürfte auch im Wahlkampf eine Rolle spielen. So erklärte die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton bereits am Mittwoch, Vorfälle wie die Tötung eines Schwarzen durch Sicherheitsbeamte in Louisiana beschädigten das Vertrauensverhältnis zwischen den Bürgern und der Polizei. Viele Amerikaner hätten den Eindruck, sie würden wegen ihrer Hautfarbe weniger wertgeschätzt als andere.

Schuld der Schwarzenbewegung?

Noch ist unklar, ob die Tat in Dallas in irgendeiner Beziehung zu der Protestbewegung gegen Polizeigewalt steht. Diese Bewegung hat grossen Zulauf, weil sich an den Missständen im Verhältnis von Schwarz und Weiss in der Gesellschaft wenig ändert.

Da die Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter» ein nicht immer eindeutig ablehnendes Verhältnis zu Gewalt hat, begann schon Stunden nach der Bluttat eine erregte, gefährliche Debatte: Trägt die Schwarzenbewegung Schuld? Polizeichef Brown allerdings sagt, der getötete Verdächtige habe sich selbst auch gegen «Black Lives Matter» gestellt. «All das macht überhaupt keinen Sinn.»

Wahlkampfauftritte verschoben

Die zwei voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump haben angesichts der Bluttat von Dallas jedenfalls Wahlkampfauftritte abgesagt. Sie reagierten beide entsetzt auf die Bluttat.

Das ist nicht der Amerikanische Traum, den wir für unsere Kinder wollen
Autor: Donald TrumpKonservativer Bewerber fürs US-Präsidentenamt

Clinton verschob am Freitag einen gemeinsamen Auftritt mit US-Vizepräsient Joe Biden in Pennsylvania und Trump annullierte einen Auftritt in Miami. Die USA hätten sich «zu sehr gespalten». Zu viele Amerikaner hätten das Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Rassenspannungen hätten zu-, statt abgenommen.

«Das ist nicht der Amerikanische Traum, den wir für unsere Kinder wollen», reagierte Trump. Es sei an der Zeit für «starke Führung, Liebe und Mitgefühl».

Erschossen «während ihrer heiligen Pflicht»

Clinton ihrerseits sagte, sie trauere um die Polizisten, die erschossen worden seien, «während ihrer heiligen Pflicht, friedliche Demonstranten zu schützen». Auch sie hatte sich zuvor schon «besorgt» geäussert über den Tod von zwei Schwarzen durch Polizeigewalt in den Bundesstaaten Lousiana und Minnesota in dieser Woche.

Legende: Video Ermittlungen in Dallas auf Hochtouren abspielen. Laufzeit 1:55 Minuten.
Aus Tagesschau Nacht vom 08.07.2016.

Die Angriffe von Dallas erschüttern die USA zutiefst, und sie werden extrem nachhallen. Nicht nur hat die Polizei - wie das Militär - einen besonderen Platz in der Gesellschaft. Auch die jahrelange Waffendebatte wird nach diesen Schüssen auf bewaffnete Staatsdiener neu befeuert werden.

Obama verkürzt Europareise

Die neu aufkeimenden Spannungen haben denn auch Washington auf den Plan gerufen. Auch für Präsident Obama wird die kommende Woche wohl im Zeichen der Rassismus-Debatte stehen. Das Weisse Haus teilte jedenfalls mit, dass er eine Einladung von Bürgermeister Mike Rawlings nach Dallas für den Wochenanfang angenommen habe und deshalb seine Europareise um einen Tag verkürze.

Das Thema ethnischer Spannungen und einer neuen Gemeinsamkeit von Polizei und Kommunen werde jedenfalls die Präsidenten-Agenda in den nächsten Tagen bestimmen, hiess es.

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Die Wiege der Menschheit ist Afrika, beim Dorf Naledi in SA in der Naehe von Sterkfontein wurden bis dato die aeltesten humanen Knochen gefunden.. nicht homo sapiens wie die Funde von Sterkfontein,sondern mit neuem Namen homo Nalensis..weil different von den sapiens sapiensis.. Dass es anddersfarbige gibt ist die Anpassung der ausgewanderten Menschen an die Naturgegebenheiten.. im Norden brauchte man Haare und Denkvermoegen anderer Art und nicht die Farbe Melanin um zu ueberleben.. so einfach
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    1. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Lesen sie den Artikel von Beppie Hermann und dann sollten sie rasch die Koffer packen. Sie sind in SA wohl unerwünscht ;-) oder gehören nach ihr nicht dort hin. it anderen Worten: Gleichberechtigung, oder? ;-)
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    2. Antwort von Franz NANNI (Aetti)
      Ja HERR Baechler, Koerper und Geist sind zwei Dinge.. die gut zusammen gehen, spielt allerdings Religion und (un) Kultur eine Rolle, dann hat B Hermann recht.. Die Farbe hier in SA ist nicht das roblem, es ist die Einstellung des EINZELNEN, die zT himmeltraurig ist und immer noch auftritt! Was glauben Sie wie wir uns fuehlen wenn ich mit meiner dunklen Partnerin oder einer Angestellten Hand ind Hand durch eine Mall gehe und die skurilen Reaktionen der Rassisten geniesse, grossartig und etas boes
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    3. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Seit Jahren kämpfe ich gegen Rassismus & gegen das Vorurteil,Afrikaner seien faule Profiteure,welche nichts zustande bringen.Ich kämpfe auch gegen den in unserem Land grassierenden,oft verdeckten Rassismus & die Verunglimpfung der Menschen anderer Kulturen/Religionen.Leider unterliegen gerade wenig Gebildete & wenig reiseerfahrene Bürger solchen Tendenzen.Nicht nur,doch sind diese besonders gefährdet.Ich wünschte mir,sie könnten eines Tages mit ihrer Frau ohne schräge Töne durch die Mall gehen.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Ja nu, die Behandlung durch Mit"menschen" gibt halt schon Anlass, rassistische Gefuehle zu bekommen, dann Aegste, vor Unbekannt zB... auch ich hatte.."reservierte" Gefuehle, als ich das erste Mal unter Schwarzen Menschen war.. heute habe ich sogar eine Afrikanerin als Partnerin.. und viele schwarze Freunde.. oder anders ausgedrueckt:: Was der Bauer nicht kennt frisst er nicht... das geht uns doch allen soo. Wir sind nur in einem Fall gleich.. im Tode...! Bis dann es lebe der Unterschied!
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Das Thema kann man schönreden wie man will, Multikulti+-religionen harmonieren seit jeher nirgendwo auf Erden. Es ist nichts als eine Illusion der Intellektuellen+Sozialschwärmer. Man sollte dem endlich Rechnung tragen u.nicht zwangszusammenfügen wollen, was nicht zusammengehören kann oder will. Es wird sonst immer ein Nebeneinander und nicht ein Miteinander sein, denn die Kulturen oder Religionen sind zu verschieden, sogar innerhalb eines Landes selber. Die Regel bestätigt einzelne Ausnahmen.
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Die Schwarzen kamen vor hunderten von Jahren als Sklaven in die USA. Bis in die 60er Jahre waren offiziell sie Menschen zweiter Klasse. Nach ihrer Logik müsste man diese Menschen wieder nach Afrika zurückschicken.
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    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Falsch, mE hätten sich Europäer gar nicht erst nach Amerika od.Australien absetzen sollen. Die gehören nicht dahin. Klar, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann. Ich meine nur, dass nach so unendlich langer Menschheitsgeschichte man sich doch gar keine Hoffnungen machen kann. Nichts hat sich geändert. Und je mehr Menschen+Religionen diesen Planeten befallen, desto rapider die Ausrottung sämtlichen Lebens. Ein Irrtum zu glauben, dass einem "seid umschlungen Milliarden" je Folge geleistet wird.
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    3. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      B.Hermann,ihre Ansichten sind mit Verlaub doch etwas sehr abwegig. Millionen sind vor > 120 Jahren in diese Länder ausgewandert, weil sie hier in Europa keine Zukunft hatten.Mit anderen Worten sollten sie die Geschichte mal etwas genauer studieren & wer nun das «Recht» hat, gegen andere Volksgruppen zu opponieren.Ich sage ihnen, gerade wir Europäer sollten ganz schön still sein bei diesem Thema,haben wir doch Rassismus kultiviert.Rassismus hat ihren Ursprung in unserer Kultur, denken sie daran!
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    4. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Seit es die Menschheit gibt, gibt es Völkerwanderungen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und ich gehe deshalb nicht darauf ein. Dass sich der Mensch nur in einem definierten Gebiet bewegen darf ist gelinde gesagt ein Unsinn.
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    5. Antwort von D Koenig (D Koenig)
      Die Schweiz ist der beste Beweis ihrer Theorie? Zwei Staatsreligionen... Kappeler Kriege, Kappeler Milchsuppe, Kappeler Landfriede seit 481 Jahren... Vier Landessprachen....und dank Gott fuer den Roestigraben, haelt das boese schoen fern.
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    6. Antwort von Rolf Bolliger (robo)
      In der Tierwelt verhalten sich die vielen "Rassen" gescheiter, als wir Menschen: Es ist noch keinem Eisbär in den Sinn gekommen nach Afrika einzudringen oder kein Feldhase würde nach der Arktis aufbrechen! Nur der Mensch glaubt, er könne überall hin- oder auswandern, wo er ein "besseres" Leben geniessen könnte! Jeden Krieg begann mit solchen Völkerwanderungen und Ueberheblichkeiten der und unter den verschiedenen Kulturen und menschlichen Eigenarten! Was in den USA passiert, ist nichts neues!
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    7. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Schlechter Vergleich mit den Tieren: es gibt Tiere, die sind über den ganzen Globus verbreitet, z. B. Rabenvögel. Gemeinsam mit dem Menschen haben sie die Anpassungsfähigkeit und hohe Intelligenz. Punkto sozialem Verhalten sind sie dem Mensch überlegen.
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    8. Antwort von Niklaus Bächler (SVP-Hinterfrager)
      Rolf Bolliger, ihr Vergleich mit der Tierwelt ist mal wieder voll daneben gegangen...
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    9. Antwort von Rolf Bolliger (robo)
      Herr Bächler, sind Sie eigentlich der "liebe Gott" auf unserem Planeten? Warum müssen Sie jede andere Meinung, jede Ansicht, jeden Kommentar, der Ihnen nicht passt, weil er gegen Ihre total festgefahrene Ideologie, zu sein scheint, schulmeistern und persönlich angreifen? Warum ist mein realistischer Vergleich mit der Tierwelt auf unserem Planeten "..wieder mal voll daneben gegangen.."? Gibt es für Sie wirklich nur herumreisende Migranten, die alles recht, richtig und lobenswert machen?
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