Am Busbahnhof, direkt vor der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad, haben Studierende ein grosses Plakat aufgehängt: «#Release Saeed Baloch» steht darauf – lasst Saeed Baloch frei. Darunter sind zwei Fotos des 21-jährigen Studenten aus Belutschistan abgebildet. «Saeed Baloch verschwand am 8. Juli», lautet der Text.
Er war ein ganz normaler Student.
Seit bald vier Monaten ist Saeed verschwunden. Entführt von Männern in Zivil, mitten in der Hauptstadt Islamabad, während einer Busfahrt nach Hause.
«Er war ein ganz normaler Student», sagt ein Kommilitone, der anonym bleiben möchte. Der Staat behaupte, dass er nur Menschen verfolge, die als Sicherheitsrisiko gelten. Aber Saeed habe sich nichts zuschulden kommen lassen.
Zusammen mit anderen Studierenden aus Belutschistan demonstriert der junge Mann seit Monaten für Saeeds Freilassung. «Unsere Familie versucht alles, um ihn zurückzubekommen», sagt der ältere Bruder Mohammed. Aber die Polizei habe nicht einmal eine Vermisstenanzeige aufgenommen. «Wir befürchten das Schlimmste», sagt sein Bruder.
Nur selten taucht ein Vermisster wieder auf
Saeed Baloch ist einer von mehr als 100 Belutschen, die allein in diesem Jahr gewaltsam verschwunden sind. 17 seien getötet worden, heisst es in einem Bericht der unabhängigen pakistanischen Menschenrechtskommission. «Es gibt keine einzige Familie in Belutschistan, die nicht betroffen ist», sagt Kommissionsmitglied Kushal Khan. Nur selten tauchen Vermisste wieder auf.
Belutschen und der Staat – das ist ein explosives Thema in Pakistan. Belutschistan, an der Grenze zum Iran, ist zwar die grösste und rohstoffreichste Provinz, aber auch die ärmste.
Die Belutschen werfen dem Staat vor, Gas und Gold mithilfe Chinas auszubeuten, ohne die Einnahmen gerecht zu verteilen. Ein Teil der Bevölkerung hat sich radikalisiert. Auf die Terroranschläge reagiert der Staat mit Gegengewalt. Auch willkürliche Verhaftungen und Tötungen gehören seit Langem zum Alltag.
Wir wissen, dass der Staat und seine Komplizen hinter diesen Fällen stecken.
Zu den wenigen, die sich trauen, Opferfamilien zu unterstützen, gehört die Anwältin Imaan Mazari. «Wir wissen, dass der Staat und seine Komplizen hinter diesen Fällen stecken», sagt die Anfang 30-Jährige zwischen zwei Gerichtsverhandlungen in Islamabad. Sobald man über das Thema spreche, komme man daher automatisch mit dem Deep State in Konflikt. Niemand wolle dieses Risiko eingehen.
Auch die Anwältin wird immer wieder bedroht
Nie sei jemand zur Rechenschaft gezogen worden, sagt Anwältin Mazari. Wer sich wehre, an dem statuiere der Deep State ein Exempel. Sie nennt das Beispiel der bekannten Ärztin und Aktivistin Mahrang Baloch. Als diese friedliche Massendemonstrationen für die Opfer organisierte, sei der Staat in Panik geraten, sagt Mazari. Seit März sitzt die Aktivistin hinter Gittern.
Auch Imaan Mazari ist längst ins Visier dieser Kräfte geraten. Sie sei bedroht und ins Gefängnis gesteckt worden. Gerade erliess ein Gericht einen neuen Haftbefehl gegen sie, wegen kritischer Kommentare auf Social Media.
Wir haben Angst, dass wir die nächsten sein werden.
Die Studierenden aus Belutschistan, die am Busbahnhof vor der Universität für den verschwundenen Saeed Baloch demonstrieren, kennen das Risiko. «Wir haben Angst, dass wir die nächsten sein werden», sagt der Student, der lieber anonym bleiben will. In diesem Moment wird klar, warum.