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Den Sanktionen zum Trotz Der Etikettenschwindel mit russischem Öl

Obwohl weitgehend verboten, gelangt Öl aus Russland auf den EU-Markt. Aber wie genau? Das Beispiel Georgien.

Das kleine Georgien wird zum grossen Öl-Exporteur – obwohl es kaum eigene Ölreserven hat. Das Land im Kaukasus exportiert 15-mal mehr Öl nach Europa als vor vier Jahren. Gleichzeitig kaufen georgische Firmen deutlich mehr russisches Öl als vor dem Ukraine-Krieg. Was geht da vor sich?

Antworten findet man in Kulewi. Im georgischen Küstendorf hängt Benzingeruch in der Luft. Wo ein Fluss ins Schwarze Meer mündet, weicht die Natur einer Industrielandschaft mit grossen Ölspeichern. In der Bucht liegen Frachtschiffe vor Anker.

Uferlandschaft mit Anglern und Industrieanlagen im Hintergrund.
Legende: Die Bucht von Kulewi. SRF / Calum MacKenzie

Im Laden am Hafen stopfen vier Männer Wein- und Wodkaflaschen in ihre Rucksäcke, bevor sie zurück an Bord ihres Öltankers gehen. Matrosen aus der ganzen Welt kämen bei ihr vorbei, sagt die Verkäuferin Tamuna. Hin und wieder erzählten sie, was sie transportierten, woher und wohin.

«Alle im Dorf wissen, was hier passiert», sagt Tamuna, die eigentlich anders heisst. «Aber fast alle arbeiten im Hafen. Sie schweigen, weil sie das Gehalt brauchen.»

Etikettenschwindel und Spuren verwischen

Kulewi ist laut Recherchen in georgischen Medien eine Drehscheibe für Geschäfte, die die Sanktionen gegen Russland umgehen. Seit 2022 boomt der Hafen.

Schlag gegen Putins Kriegskasse

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Die westlichen Sanktionen gegen Russland zielen darauf ab, Wladimir Putins Kriegsmaschinerie ins Stocken zu bringen. Der Kreml pumpt Milliarden in seinen Angriff auf die Ukraine; einen riesigen Teil seines Budgets verdankt er dem Rohstoffhandel. Verkauft Moskau weniger Öl und Gas, kann es seine Offensive nicht mehr finanzieren, so die Devise.

Die Einfuhr von russischem Öl nach Europa ist mit wenigen Ausnahmen verboten. Doch Moskau findet immer neue Wege, die Sanktionen zu umgehen und seine Kriegskasse aufzufüllen – oft mit der Hilfe von Drittländern wie Georgien, die russisches Öl für den Eigenbedarf weiterhin importieren, aber eigentlich nicht weiterverkaufen dürfen. Aus diesem Grund verhängt die EU immer neue Sanktionspakete – um Lücken zu schliessen.

Offiziell wird hier kein sanktioniertes russisches Öl verschifft. Aber fragwürdige Zahlen haben Nino Bakradse vom Investigativmedium iFact misstrauisch gemacht.

Frau steht in einem mit Akustikpaneelen verkleideten Studio.
Legende: Nino Bakradse, Chefredaktorin des Investigativmediums iFact. SRF / Calum MacKenzie

So hat Spanien in nur einem Jahr fast 100'000 Tonnen von angeblich «georgischem Öl» gekauft, erzählt sie auf der iFact-Redaktion in Tiflis. Bloss: Georgiens Erdölreserven sind so klein, dass es diese Menge nicht einmal in zwei Jahren fördern könnte. Aber auch andere Länder haben Zehntausende Tonnen Öl aus Georgien gekauft.

«Russisches Öl gelangt aus Georgien nach Europa – wird aber als ‹georgisches Öl› verkauft», so Bakradse. Gespräche mit Matrosen und Brancheninsidern bestätigten dies.

Flussansicht mit Industrieanlagen im Hintergrund.
Legende: Die Ölspeicher in Kulewi. SRF / Calum MacKenzie

Oft werde die Herkunft des Öls zusätzlich verschleiert. Matrosen in Kulewi erzählten iFact, wie ihr Tanker dort auslaufe, in internationalen Gewässern auf ein anderes, leeres Schiff treffe und das Öl durch Schläuche hinüberpumpe. So verwische man noch eine Spur nach Russland.

Greift die EU jetzt durch?

Georgien ist nur ein Beispiel dafür, wie Russland mithilfe von aussen die Sanktionen umgeht. Die Türkei, China oder Indien sind wichtigere Umschlagplätze. Doch die EU nimmt Umgehungsgeschäfte in Drittstaaten zunehmend ins Visier und plant Sanktionen gegen Kulewis Ölhafen, wie Reuters jüngst berichtete.

Wer steckt dahinter?

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Mann in braunem Sakko sitzt an einem Tisch.
Legende: Der georgische Ökonom und Sanktionsexperte Wachtang Parzwania SRF /

Die georgischen Behörden bestreiten jede Mitwisserschaft und werfen den Journalistinnen und Journalisten von iFact Desinformation vor. Doch hinter dem Etikettenschwindel mit russischem Öl stecken laut iFact Firmen, deren Eigentümer der georgischen Machtelite nahestehen.

An der Umgehung der Sanktionen gegen Russland lasse sich viel Geld verdienen, sagt Wachtang Parzwania, Ökonom an der Caucasus University in Tiflis: «Mittelsmänner in Ländern wie Georgien verlangen von Russland beträchtliche Summen, um bei diesen riskanten Geschäften mitzumachen», sagt Parzwania. Russische Firmen fänden zwar immer wieder Schlupflöcher, doch mit jedem neuen Sanktionspaket werde der Ölexport für sie mühsamer und teurer.

Für Nino Bakradse müssten die bestehenden Sanktionen konsequenter umgesetzt werden.

«Für EU-Behörden ist es leicht, wegzuschauen», sagt die Journalistin. «Das verbotene russische Öl müssen sie ersetzen, und plötzlich hat Georgien ganz viel Öl im Angebot. Wie das sein kann in einem Land ohne Reserven, das müsste Fragen aufwerfen.»

Gefangen im Sumpf

Zurück im Küstendorf Kulewi. Tamunas Mann kommt beim Laden vorbei. Er erzählt, ihr Sohn habe ein Jobangebot im Hafen abgelehnt. «Als wir erfuhren, dass hier mit sanktioniertem Öl das russische Budget aufgefüllt wird, sagte er ab. Heute ist er arbeitslos.»

«Wegen des Hafens haben wir Essen auf dem Tisch», sagt Tamuna. «Aber sollten wir dafür unser Gewissen verkaufen?» Im Dorf zögen es viele vor, sich diese Frage nicht zu stellen. «Über Jahre hat man uns in diesen Sumpf hineingezogen», sagt sie. «Jetzt kommen wir nicht wieder raus.»

Echo der Zeit, 7.2.2026, 18 Uhr

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