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Der Fall Babtschenko Wenn drei Schüsse nach hinten losgehen

Der russische Journalist Arkadi Babtschenko kann heute etwas tun, was nur den wenigsten von uns beschieden ist. Er kann schon zu Lebzeiten Nachrufe und Würdigungen über sich selber lesen. Man kann es mit Galgen-Humor nehmen. Und sich darüber freuen, dass er noch lebt. Aber sowohl er als Journalist als auch die ukrainische Machtelite müssen jetzt weltweit erklären, dass ihr Vorgehen sinnvoll war. Daran bestehen nämlich einige Zweifel.

Die Inszenierung schien plausibel

Die Meldung über die angebliche Ermordung von Arkadi Babtschenko durch drei Schüsse war ein Schock gewesen. Klar, er war ein scharfer Kritiker von Wladimir Putin und seiner Entourage. Seine Analysen in den Sozialen Medien wurden teils von Hunderttausenden von Menschen gelesen. Aber sollte das tatsächlich schon Grund genug gewesen sein, ihn umzubringen?

Und doch schien das Szenario nicht unreal. Mit Oles Busina (2015) oder Pawel Schweremet (2016) waren in der Ukraine in den Jahren davor bereits Journalisten, wenn auch mit unterschiedlichen Positionen und Weltanschauungen, ermordet worden. Dass sich nach mehreren Jahren Krieg im Lande auch entsprechende Killer finden lassen, stand ebenfalls ausser Zweifel.

Die Ukrainer müssen jetzt Beweise liefern

Der ukrainische Geheimdienst behauptet nun, es habe tatsächlich Mordpläne gegeben – und dahinter habe der russische Geheimdienst gesteckt. Das kann stimmen oder auch nicht. Aber die Ukrainer stehen klar unter Zugzwang, viel mehr Informationen und Beweise zu liefern, als sie es bis jetzt getan haben. Die Medienkonferenz gestern, mit Leuten wie dem streitbaren ukrainischen Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko, wirkte alles andere als überzeugend. Insgesamt steht die ukrainische Führung heute da, als ob eine Hand nicht weiss, was die andere tut.

Und es bleiben ganz viele Fragen. Brauchte es tatsächlich dieses «Theater», um den angeblichen Mordanschlag auf Babtschenko zu verhindern? Wenn die Untersuchungsbehörden in der Ukraine so effizient sein sollen: Wieso wurden die tatsächlichen Morde an Scheremet und Busina bis heute nicht aufgeklärt?

Leichtfertiges Spiel mit der Glaubwürdigkeit

Bei der Aktion des Geheimdienstes wurde zudem leichtfertig mit der Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit von Journalisten gespielt. Verständlich kritisieren Internationale Journalistenorganisationen dieses Vorgehen. Ein Land wie die Ukraine, das seinem Nachbaren Russland, oftmals berechtigt, Propaganda und Desinformation vorwirft, sollte extrem vorsichtig sein mit solchen Operationen.

Nur allzu leicht kann Moskau nun den Spiess umdrehen und wird den Westen bei jeder neuen Anschuldigung (MH17, russische Militärpräsenz in der Ostukraine etc.) an den Fall Babtschenko erinnern.

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Tim Buesser (TimBue)
    Da wird geschrieben, "Wie dumm kann denn die ukrainische Regierung sein...". Diejenigen, v. a. die Leitmedien Journalisten, die alles ungeprüft weitergegeben und sogar noch gepusht haben, die sind nun die noch "Dümmeren". Das tut "weh", wie man aus deren 'Rechtfertigungs-Reaktionen' sehen kann.
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  • Kommentar von Sinisa Markovic (Mr. Markovic)
    Ja, dieses Vorgehen macht schon Nachdenklich. Was hat die Ukraine wohl sonst noch alles in der Vergangenheit inszeniert? Dass sie es ganz leicht können haben Sie ja nun bewiesen und das die Medien auch gleich alles glauben und die Russen sofort beschuldigen ist jetzt auch offensichtlich.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Nachdem der "absolut böse Putin" bereits wieder beschuldigt worden war, fliegt der ganze Schwindel auf. Ja, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Es kommt mir so vor, als ob Russland vor der Fussball- WM noch einmal einen Skandal aufgedrückt werden soll, sodass die "westliche Wertegemeinschaft" das Feindbild weiter zementieren kann. Was ist denn das für eine Wertegemeinschaft???
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