«Der IS kann nur mit Gewalt gestoppt werden»

Die Terroristen des Islamischen Staates sind auf dem Vormarsch. Nicht nur im Irak, auch in Syrien und neuerdings im Libanon. Nur Gewalt könne die Extremisten bremsen, sagt der Terrorismus-Experte Guido Steinberg. Er hofft dabei vor allem auf die Amerikaner.

Wüstenähnliche Steppe, in der Ferne ein paar Häuser und eine aufsteigende Rauchwolke. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aufsteigender Rauch zeugt von den Kämpfen in der Region von Sindschar, Nordirak. Reuters

SRF: Die Extremisten des Islamischen Staates (IS, früher Isis), scheinen bei ihrem Vormarsch kaum auf Widerstand zu stossen. Stimmt dieser Eindruck?

 

Guido Steinberg: Ja. Trotzdem ist es überraschend, dass eine Organisation, die höchstens 20'000 Mann unter Waffen hat, in einem so grossen Gebiet derart erfolgreich sein kann. Das spricht vor allem dafür, dass ihre Gegner sehr schwach sind.

Die IS-Kämpfer haben im Nordirak inzwischen auch kurdische Städte und Dörfer an sich gerissen und dort die als kampfstark bekannten Peschmerga-Truppen der Kurden vertrieben. Wie schätzen Sie dies ein?

Die Kurden werden im Irak in den nächsten Jahren sicher die effektivsten Gegner der IS-Extremisten sein. Allerdings haben die kurdischen und irakischen Sicherheitskräfte das Problem, dass sie eine sehr lange Grenze – vom Iran im Südosten bis zu Syrien im Nordwesten – sichern müssen. Dafür haben sie zu wenige Soldaten und zu wenig schweres Gerät. Auch fehlen Helikopter und eine Luftwaffe. Das erklärt, wieso IS in den letzten Tagen dort einen Überraschungserfolg feiern konnte. Ich denke aber, dass die Kurden in den nächsten Tagen und Wochen erstarken werden. Zudem hoffe ich, dass die Amerikaner und vielleicht auch einige Europäer die Kurden unterstützen werden – vielleicht sogar aus der Luft.

Inzwischen ist die Lage derart schwierig, dass sich die Kurden bereit erklärt haben, mit Bagdad zusammenzuarbeiten. Wird man so den IS besiegen?

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Heftige Kämpfe

Im Nordirak sind heftige Kämpfe zwischen IS-Extremisten und Kurden ausgebrochen. Die IS-Terroristen hatten am Wochenende weitere Städte im Nordirak erobert, wo sich auch die autonome Kurdenregion befindet. Inzwischen kooperieren die kurdischen Peschmerga-Kämpfer mit den irakischen Regierungstruppen, um die Extremisten zurückzuschlagen.

Karte: Irak. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das zurzeit umkämpfte Gebiet im Nordirak. SRF

Ich hoffe, dass Bagdad durch den Konflikt mit den Extremisten zur Einsicht kommt, dass an einer Kooperation kein Weg vorbeiführt. Dabei muss aber auch ein grosser politischer Schritt in Richtung Sunniten gemacht werden. Denn es geht im Irak nicht nur darum, schiitische oder kurdische Gebiete zu sichern. Es geht darum, die Vorherrschaft des Staates in den vom IS besetzten Gebieten wiederherzustellen. Sonst werden wir es in den nächsten Jahren mit einem Epizentrum des internationalen Terrorismus' zu tun bekommen. Das darf nicht passieren.

Der Westen hat gejubelt, als die Despoten im Irak und in Libyen gestürzt wurden. Müsste der Westen in der jetzigen Situation im Irak nicht handeln?

Der erste, kurzfristige Schritt betrifft militärische Lösungen für die Region. Ich hoffe, dass die Amerikaner die Kurden jetzt massiver unterstützen und ihnen gegebenenfalls sogar eine kleine Luftwaffe stellen. Sei es auch nur in Form von Drohnen. Die könnten verhindern, dass IS weiterhin Überraschungserfolge wie jene der letzten Tage feiern kann.

«  Es geht jetzt darum, den Einfluss von IS einzudämmen. Das geht nur mit Gewalt. »

Der IS ist nicht nur im Irak, sondern auch in weiteren Länder der Region aktiv. Würde es etwas bringen, seine Propaganda im Internet zu zensurieren, damit nicht immer mehr Männer dort kämpfen gehen?

Alle versuche, terroristische Propaganda im Internet zu verhindern, sind gescheitert. Insbesondere, seit die sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook von den Extremisten entdeckt wurden, ist dies unmöglich geworden. Beim IS geht es vor allem darum, die Propaganda-Abteilung auszuschalten. Wenn man die zerstört, die Leute entweder tötet oder vor Gericht bringt, dann endet auch diese Propaganda. Allerdings gibt es keine Möglichkeit mehr, dem IS im Internet entgegenzutreten. Die sind uns weit voraus.

Was halten Sie von der Theorie, dass der IS erst besiegt werden kann, wenn er tatsächlich einen Staat gründet. Es heisst, die extremistische Bewegung würde dann auseinander fallen...

Tatsächlich trägt der IS die Wurzeln seiner Selbstzerstörung in sich. Man hat das auch bei der alten irakischen Al-Kaida gesehen. Sie hat alle bekämpft, die sich ihr nicht untergeordnet haben: Die Amerikaner, die irakische Regierung, die Schiiten, Kurden, die Christen, die Israelis. Das waren im Endeffekt zu viele Feinde. Dieses Schicksal blüht auch den IS-Extremisten im Irak und in Syrien. Die Frage ist aber, ob man es tolerieren kann, dass die Organisation solange weiteroperieren darf, wie der syrische Bürgerkrieg anhält. Und der kann durchaus noch zehn Jahre dauern. Das können wir uns nicht leisten, denn dafür ist der IS zu brutal, dafür leiden die Menschen in der betroffenen Region zu sehr. Auch sind die Nachbarstaaten Türkei, Jordanien und Libanon zu stark bedroht. Es geht jetzt darum, den Einfluss der Organisation einzudämmen. Das wird man nur mit Gewalt tun können.

Das Interview führte Ivana Pribakovitsch.

Sendung zu diesem Artikel

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  • Blutspur des Isis

    Aus Rundschau vom 25.6.2014

    Die Terrororganisation Isis will in Syrien und im Irak einen radikalen Gottesstaat errichten. Gnadenlos werden Andersgläubige, aber auch Muslime umgebracht. Wie stark ist Isis wirklich und wie agiert die Organisation? Hintergründe zum neuen Terrornetzwerk Nummer eins.